Bange Blicke nach Nordkorea

Tod von Kim Jong Il schürt Sorgen um Stabilität in Ostasien – USA: Treu an der Seite unserer Verbündeten

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il (rechts) ist tot. Ob sein Sohn Kim Jong Un (l. ) ausreichend Rückhalt hat, um dem Vater nachzufolgen, ist fraglich. Foto: dpa
Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il (rechts) ist tot. Ob sein Sohn Kim Jong Un (l. ) ausreichend Rückhalt hat, um... Foto: dpa

Tokio/Peking/Berlin (DT/dpa/clm) Nach dem Tod des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il wächst weltweit die Sorge um die Stabilität in Ostasien. Das Nachbarland Südkorea versetzte seine Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft. Die Aktivitäten der nordkoreanischen Volksarmee entlang der innerkoreanischen Grenze seien verstärkt worden, teilte der Generalstab in Seoul mit. Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel hatten sich seit dem Untergang eines südkoreanischen Kriegsschiffes im März 2010 und dem Beschuss einer zu Südkorea gehörenden Insel im November desselben Jahres spürbar verschärft. Beide Staaten befinden sich seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950–53) im Kriegszustand.

Der japanische Ministerpräsident Yoshihiko Noda wies seine Regierung an, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Japan hoffe, dass Kims Tod „keine negativen Auswirkungen auf Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel hat“, sagte Regierungssprecher Osamu Fujimura nach einer Sicherheitsberatung. Japan stehe mit seiner Schutzmacht USA sowie China und Südkorea in engem Kontakt, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo. An der asiatischen Leitbörse in Tokio gaben die Kurse nach. Japan verfolge auch genau die Reaktion an den Finanzmärkten, hieß es weiter. Japan fühlt sich aufgrund von Nordkoreas Raketen- und Atomwaffenprogramm bedroht. Tokio verhängte nach einem Atomwaffenversuch 2006 Sanktionen gegen das kommunistische Regime.

In einer ersten Mitteilung des Weißen Hauses bekräftigen die USA, dass sie sich weiter für Stabilität auf der koreanischen Halbinsel sowie für „Freiheit und Sicherheit unserer Verbündeten“ einsetzen werde. US-Präsident Barack Obama sei am späten Sonntagabend (Ortszeit) vom Tod Kims unterrichtet worden. „Der Präsident wurde informiert und wir stehen im engen Kontakt mit unseren Verbündeten in Südkorea und Japan“, hieß es aus Washington. Mit einer Mischung aus sozialistischen Brudergrüßen und heimlicher Sorge um die Stabilität an seiner Grenze hat China reagiert. Offiziell sprach das Pekinger Außenministerium dem koreanischen Volk sein „tiefstes Beileid“ aus. China lobte die „wichtigen Beiträge zur Entwicklung des Sozialismus“, die der „Genosse Kim Jong Il“ geleistet habe, sagte ein Sprecher. In Gesprächen mit chinesischen Nordkorea-Experten und politischen Beobachtern in Peking war aber klar erkennbar, dass der nun bevorstehende Machtwechsel in Pjöngjang in Peking mit ähnlich großer Sorge verfolgt wird wie im Rest der Region. China teilt eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit Nordkorea und wünscht daher keine Unruhen in seinem Nachbarland. Auch die militärischen Drohgebärden und nuklearen Ambitionen Pjöngjangs verfolgt Peking seit längerem mit Unbehagen. Er hoffe, dass Nordkorea weiterhin einen „positiven Beitrag zum Erhalt des Friedens und der Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und der Region“ leisten werde, sagte ein Sprecher der chinesischen Regierung am Montag in seiner erste Kondolenzbotschaft nach dem Tod Kim Jong Ils.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat nach dem Tod von Machthaber Kim Jong Il die künftige Führung in Nordkorea zu Reformen aufgerufen. „Die Menschen leiden unter der Diktatur“, sagte Westerwelle am Montag am Rande eines Besuchs in London. „Sie brauchen neue Wohlstandschancen.“ Der FDP-Politiker forderte auch einen neuen Anlauf für mehr Menschenrechte in Nordkorea. Die Weltgemeinschaft müsse Zugang zu dem bisher streng kommunistischen Land erhalten. Kim war nach Angaben staatlicher Medien bereits am Samstag während einer Zugfahrt gestorben. Kim, der nach dem Tod seines Vaters und „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung 1994 die Macht übernommen hatte und das Land mit eiserner Faust regierte, war nach offiziellen Angaben 69 Jahre alt. Er galt nach einem vermuteten Schlaganfall 2008 als gesundheitlich angeschlagen. Kim hatte zuletzt die Übertragung der Macht auf seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un vorangetrieben. Der Sohn, der erst Ende Zwanzig sein soll, war im September 2010 in die erweiterte Führungsriege der Arbeiterpartei aufgenommen worden.

Dass sich Kim Jong Un durchsetzen kann, bezweifelt der Leiter des Korea-Büros der Hanns-Seidel-Stiftung im Deutschlandradio Kultur. Mit 28 Jahren sei er noch sehr jung. Zudem sei unklar, ob er genug Gefolgschaft in Partei, Armee und Regierung finde. Sein Vater habe 30 Jahre in der Partei gearbeitet, davon 15 Jahre als offizieller Thronfolger, bevor er schließlich der Führer des Landes geworden sei, sagte Seliger. Kim Jong Un werde hingegen erst seit zwei Jahren auf die Nachfolge vorbereitet. Man müsse damit rechnen, dass sein Rückhalt viel geringer sei. Diese Meinung teilt auch der Nordkorea-Experte und Direktor des GIGA Instituts für Asien-Studien in Hamburg, Professor Patrick Köllner. Das Regime befinde sich derzeit in einer „schwierigen Übergangssituation“, sagte Köllner gegenüber dieser Zeitung. Die Nachricht vom Tod des Diktators habe zu einer großen Anspannung im Land „bis hinunter zum Kompaniechef“ geführt. Dennoch sieht Köllner kurzfristig keinen Anlass zur Sorge. „Das Regime muss sich jetzt neu ordnen. Die Führung wird vor allem mit sich selbst beschäftigt sein.“ (siehe Hintergrund Seite 2)