Autonomie für Ärzte, nein danke?

Von Stefan Rehder

Wer die begonnene Debatte um die rechtliche Regelung von Patientenverfügungen verfolgt, muss feststellen, dass Entscheidendes dabei bislang außer Acht gelassen wird. Denn es lässt sich nun einmal nicht leugnen, dass die in allen bislang vorgestellten Gesetzentwürfen vorgesehene Rechtsverbindlichkeit von Patientenverfügungen ernste ethische Probleme aufwirft. Probleme die, wenn sie virulent würden, vor allem katholische Ärzte, Pfleger, und Krankenschwestern sowie Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime betreffen werden.

Darüber hinaus sind alle Gesetzentwürfe geeignet, den ohnehin beobachtbaren Wandel des ärztlichen Selbstverständnisses zu zementieren; weg von einem sittlich handelnden Subjekt, das seine erworbenen Fähigkeiten in den Dienst am Menschen stellt, hin zu einem professionell versierten Erfüllungsgehilfen von Patientenwünschen.

Aber der Reihe nach. Solange ein Patient bei Bewusstsein ist, stellt die „Autonomie des Patienten“, auf die alle bisherigen Gesetzentwürfe abstellen, für keinen Arzt ein unüberwindbares ethisches Problem dar. Lehnt ein Patient eine Behandlung ab, die der betreuende Arzt für ethisch geboten hält, darf dieser eine solche zwar nicht gegen den Willen des Patienten durchführen, da er sich andernfalls der Körperverletzung schuldig machen würde. Er kann sich jedoch weigern, die Behandlung dieses Patienten fortzusetzen.

In der Praxis kommt dies zum Beispiel bei Tumorpatienten vor, die eine Chemotherapie aus prinzipiellen Erwägungen heraus ablehnen. Ob es vernünftig ist, sich derartige „Prinzipien“ zuzulegen, muss hier nicht interessieren. Fest steht: In einem solchen Fall trüge eine Auflösung des Arzt-Patienten-Verhältnisses sowohl der „Autonomie des Patienten“, als auch der „Autonomie des Arztes“ Rechnung. Wie aber ist es um die Autonomie des Arztes bestellt, wenn ein Patient in einer rechtsverbindlichen Patientenverfügung dekretiert hat, dass er, für den Fall, dass bei ihm ein „Apallisches Syndrom“ (Wachkoma) diagnostiziert wird, nicht mehr künstlich ernährt werden will?

Nach den vorliegenden Gesetzentwürfen würde ein Arzt, der einem solchen Patienten, der sich in einer solchen Lage befindet, eine Magensonde legt, von den Angehörigen wegen Körperverletzung verklagt werden können. Und doch wird er – wenn er moralisch handeln will – im Normfall genau das tun müssen. Warum dies so ist, hat die Kongregation für die Glaubenslehre in einer von Papst Benedikt XVI. gutgeheißenen Stellungnahme im August 2007 ausführlich dargelegt. Darin wird festgestellt, dass auch ein Patient „im anhaltenden vegetativen Zustand“ eine „Person“ mit „einer grundlegenden menschlichen Würde“ ist, „der man deshalb die gewöhnliche und verhältnismäßige Pflege schuldet, welche prinzipiell die Verabreichung von Wasser und Nahrung, auch auf künstlichen Wegen, einschließt.“

Im Kommentar zu der Stellungnahme, der eine Anfrage der US-amerikanische Bischofskonferenz vorausgegangen war, heißt es ferner: „Patienten im vegetativen Zustand“ atmen spontan, verdauen Nahrungsmittel auf natürliche Weise, verrichten andere Stoffwechselfunktionen und befinden sich in einem stabilen Zustand. Sie können sich jedoch nicht allein ernähren. Wenn ihnen Nahrung und Flüssigkeit nicht künstlich verabreicht werden, sterben sie. Und die Ursache für ihren Tod ist dann nicht eine Krankheit oder der ,vegetative Zustand‘, sondern einzig das Verhungern und Verdursten.“

Auch Papst Johannes Paul II. hat erklärt, dass die Versorgung von Patienten mit Nahrung und Flüssigkeit, auch wenn sie künstlich erfolge, „immer ein natürliches Mittel der Lebenserhaltung und keine medizinische Behandlung“ ist, die solange als „moralisch verpflichtend“ betrachtet werden muss, wie „sie nachweislich ihre eigene Zielsetzung erreicht“. Werde sie vorzeitig ausgesetzt, sei dies „Euthanasie durch Unterlassung“.

Und weil genau dazu Ärzte durch rechtsverbindliche Patientenverfügung in Zukunft genötigt werden könnten, entsteht hier ein ernstes ethisches Problem, das vor allem für die katholische Kirche eine ganze Reihe praktischer Fragen aufwirft: Ist es moralisch vertretbar, einen Patienten, dessen Patientenverfügung gesetzlich Erlaubtes, aber ethisch Unzumutbares dekretiert, im Falle eines Falles in eine Einrichtung verlegen zu lassen, in denen die „Autonomie des Patienten“ zum alleinigen Maßstab geworden ist, und von Ärzten erwartet wird, dass sie ihr Gewissen an der Klinik-Pforte zurücklassen?

Können katholische Krankenhäuser künftig noch bedenkenlos Notfallpatienten aufnehmen, ohne zu wissen, wozu sie deren Patientenverfügungen zu verpflichten suchen? Müssen katholische Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime künftig, bevor sie einen Patienten aufnehmen, dessen mögliche Vorausverfügungen daraufhin überprüfen, ob diese es Ärzten und Pflegern in allen denkbaren Fällen erlaubt, ihren Dienst im Einklang mit der kirchlichen Lehre zu verrichten?

Viel Zeit, Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden, bleibt der Kirche nicht. Denn geht es nach den Vorstellungen der Initiatoren der Gesetzentwürfe, wird der Bundestag über diese bereits um Ostern herum abstimmen.