Würzburg

Auf dem Weg der Versöhnung vorangeschritten

Der Jahrestag des Kriegsbeginns ruft frühe kirchliche Initiativen zur Aufarbeitung des Unrechts in Erinnerung.

Umgang mit Kriegsschuld
Bis heute bemerkenswert ist eine Initiative polnischer Bischöfe. Sie schrieben ihren deutschen Amtsbrüdern 1965: Wir „gewähren Vergebung und wir bitten um Vergebung“. Foto: Archiv

Über sieben Jahrzehnte nach dem verheerenden „Zivilisationsbruch“ in Europa wird die Thematik des Andenkens an die Ereignisse zunehmend zum Gegenstand der echten Historie. Das bedeutet: Quellen bestimmen immer mehr die Deutung statt persönlicher Erlebnisse. Mit dem biologisch bedingten Verstummen der Zeitzeugen setzt eine neue Phase der Erinnerungspolitik ein. An dieser kulturgeschichtlichen Schwelle befinden wir uns derzeit.

Das Andenken an Krieg und Gewalt hat bald nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Häufig waren es eher private Gesten, etwa Besuche von Schulklassen an Orten, die von deutschen Soldaten verwüstet worden waren. Als Beispiel ist Oradour-sur-Glane in Frankreich zu nennen. Dass die Bereitschaft zur Aufarbeitung der Vergangenheit eher schleppend eingesetzt hatte, bedauerte man im Nachhinein nicht nur, sondern betrachtete ein solches Zögern vielfach gar als „zweite Schuld“ (Ralph Giordano). Andere haben diese Sicht als „Legende“ (Manfred Kittel) zurückgewiesen.

Vorwürfe der Kollektivschuld fallen zu keiner Zeit auf fruchtbaren Boden

Ein ausschließlich kritischer Blick auf die frühe Vergangenheitsbewältigung ignoriert freilich, dass damals nicht nur die Gräuel der Nationalsozialisten überaus präsent waren, sondern auch Untaten an der einheimischen Bevölkerung: Viele Millionen Deutsche waren vertrieben worden, Unzählige auf der Flucht getötet, darunter naturgemäß auch solche, die mit dem NS-Terror nichts zu tun hatten. Die Entbehrungen in der Kriegsgefangenschaft waren für die, die sie nur vom Hörensagen kannten, kaum zu begreifen.

Massenvergewaltigungen wurden häufig selbst von den Opfern aus psychologisch naheliegenden Gründen nicht thematisiert. Die Zerstörung vieler deutscher Städte mit vielen Toten und Verletzten verstanden die meisten Betroffenen nicht als gerechte Strafe für die Bombardierungen Coventrys und anderer Städte einstiger Kriegsgegner, zumal viele Geschädigte keine Täter waren und Vorwürfe der Kollektivschuld zu keiner Zeit auf fruchtbaren Boden fielen, weil sie stets unzutreffend waren.

Kleriker und Laien gingen voran und setzten ein Zeichen

Einzelne Vertreter der Kirche, Kleriker wie Laien, mussten angesichts dieser Situation vorangehen und ein Zeichen setzen. Sie waren den politischen Führern der ehemals verfeindeten Staaten nicht selten voraus. Oft geschahen erste Gesten jenseits der großen Öffentlichkeit. Die Kirchen erschienen wie geschaffen, galt und gilt es doch als einer ihrer wichtigen Aufträge, Frieden und Versöhnung unter die Menschen zu bringen. Ein Großteil der Bevölkerung war damals noch im Glauben verwurzelt oder zumindest mit kirchlichen Riten und Traditionen ein wenig vertraut.

Zudem genossen sie das Vertrauen zumindest der westlichen Besatzungsmächte. Höhere Vertreter des Klerus, etwa der Erzbischof von Köln, Josef Kardinal Frings, prangerten nicht nur die Verbrechen der Nationalsozialisten an, sondern auch viele Willkürmaßnahmen der Besatzungsmächte. Spätere Kritiker monierten eine solche Haltung pauschal als Kollaboration mit NS-Tätern, die es wohl nur in seltenen Fällen gegeben hat. Ein Hirtenwort der deutschen Bischöfe von 1951 forderte nationenübergreifenden Frieden unter Christen.

Bereits 1950 fand eine aufsehenerregende Übertragung von Reliquien des heiligen Quintin von Soissons in Frankreich nach Mainz statt. An beiden Orten waren die zentralen Kirchen zerstört worden: die eine im Ersten, die andere im Zweiten Weltkrieg. Die Gläubigen schlugen, an der Spitze ihr bischöfliches Oberhaupt, eine Brücke der Bruderliebe von einem Ort zum anderen. Der Symbolwert bezüglich der deutsch-französischen Annäherung stand außer Frage. Auch führende Politiker beider Länder zeigten sich erfreut.

"Das deutsche Volk kann nach allem,
was in seinem Namen geschehen ist,
den Frieden nur unter sehr großen Opfern erlangen“
Julius Döpfner, einstmaliger Bischof von Berlin

Dankbar waren viele Deutsche, wenn ausländische Bischöfe eine gerechte Würdigung der jüngsten Geschichte versuchten, was aufgrund der NS-Verbrechen nur eingeschränkt möglich war. Bischof George Bell von Chichester, ein Freund Dietrich Bonhoeffers, ging bei seinem Besuch in Deutschland auch auf angloamerikanische Flächenbombardements ein und setzte überdies ein Zeichen ökumenischer Solidarität. Die Veranstaltungen und Gottesdienste des anglikanischen Geistlichen waren überfüllt. Überall artikulierte man den Wunsch nach Versöhnung und Vergebung.

Noch schwieriger gestaltete sich die Begegnung mit Polen. 1960 forderte Konrad Adenauer im Rahmen einer Wahlkampfrede ein Rückkehrrecht der Vertriebenen in ihre frühere Heimat. Kardinal Stefan Wyszyñski wies dieses Ansinnen zurück. Sensibler als der seinerzeitige Bundeskanzler äußerte sich im gleichen Jahr anlässlich des Gedenktages der heiligen Hedwig von Schlesien der Bischof von Berlin Julius Döpfner. Er stellte in seiner Predigt fest: „Das deutsche Volk kann nach allem, was in seinem Namen geschehen ist, den Frieden nur unter sehr großen Opfern erlangen.“ Er versäumte aber nicht, auf das Unrecht von Vertreibung und Heimatverlust hinzuweisen. Letztlich bemühte sich der Oberhirte, das Leid auf beiden Seiten herauszustellen.

Erklärung der polnischen Bischöfe bis heute bemerkenswert

Bis heute bemerkenswert ist eine Initiative polnischer Bischöfe. Sie schrieben ihren deutschen Amtsbrüdern 1965: Wir „gewähren Vergebung und wir bitten um Vergebung“. Die Erklärung setzt Maßstäbe, die seither nicht wieder erreicht worden sind. Vierzig Jahre später, als man die Errichtung des Zentrums gegen Vertreibungen der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin in beiden Ländern diskutierte, fehlte leider auch auf kirchlicher Seite der Mut, gegen den Zeitgeist zu opponieren: Sowohl die deutschen wie auch die polnischen Bischöfe besaßen nicht den Mut, die Aufarbeitung der Untaten dem würdelosen Medien- und Parteiengezeter zu entziehen. Dass die NS-Verbrechen zentral herausgestellt wurden, war für alle Seiten selbstverständlich. Anders als Jahrzehnte zuvor spielte jedoch die Entrechtung von Millionen Deutschen nur noch eine Nebenrolle.

Auf ein wichtiges gedächtnispolitisches Ereignis am Ende des Kalten Krieges ist hinzuweisen: Nachdem eine geplante Veranstaltung auf dem symbolträchtigen Annaberg einige Monate zuvor nach Widerständen abgesagt worden war, fand auf dem Gutshof Kreisau, dessen Name mit einem der wichtigsten deutschen Widerstandskreise verbunden ist, am 12. November 1989 eine Heilige Messe statt. Der Ort hatte schon lange vorher eine Rolle in der deutsch-polnischen Erinnerungspolitik gespielt. Besondere Bedeutung bei dem Gottesdienst im November erhielt der Friedensgruß, den die praktizierenden Katholiken Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki austauschten. Die Anspielung auf die Versöhnungsmesse von 1962 in Reims, an der Adenauer und de Gaulle teilgenommen hatten, war offenkundig. Kreisau fungiert bis heute als deutsch-polnische Begegnungsstätte. Der dreißigste Jahrestag des Treffens dürfte im Herbst ausgiebig gefeiert werden.

Französische Pax-Christi-Bewegung schlug Brücken zum Erbfeind

Vieles von dem, was ehedem auf spontane Initiativen Einzelner aus Politik, Wirtschaft und (modern gesprochen) Zivilgesellschaft zurückging, ist längst institutionalisiert. Die katholische Friedensbewegung Pax Christi, weltweit verbreitet, war schon 1944 in Südfrankreich aus dem Geist der Résistance entstanden. In den frühen Nachkriegsjahren verstand sich diese Organisation noch stärker als christliche Gebets- und Gesinnungsgemeinschaft. Heute überwiegen demgegenüber die politischen Akzente.

Gerade in der Frühzeit schlug die französische Pax-Christi-Bewegung Brücken zum Erbfeind, dessen negatives Image noch nicht verschwunden war. Bischof Théas von Tarbes und Lourdes ging aktiv auf die andere Seite zu und forderte etwa die Freilassung von deutschen Kriegsgefangenen. An den kirchlichen Widerstand in Deutschland ließ sich dabei anknüpfen. Mit deutschen Amtsbrüdern war man 1947 anlässlich einer Wallfahrt nach Lourdes in der Lage, persönliche Kontakte herzustellen. Bald gelang es, aus Mitgliedern der katholischen Jugendbewegung in der Weimarer Republik Interessierte für den Aufbau der Pax-Christi-Bewegung in Deutschland zu gewinnen. Auch zu älteren katholischen Gemeinschaften wie dem neu begründeten „Friedensbund“ stellte man Verbindungen her. Aufrufe zu Umkehr und Versöhnung schrieb man in den späten 1940er und in den 1950er Jahren groß.

Evangelisches Pendant zu Pax Christi: "Aktion Sühnezeichen"

Als evangelisches Pendant zu Pax Christi wurde die „Aktion Sühnezeichen“ gegründet. Von Anfang an mussten sich die Aktivisten mit dem Agieren führender Kreise des Protestantismus im Dritten Reich befassen. Früh ging es auch um Gesten gegenüber polnischen, russischen und jüdischen Kriegsopfern und rassisch Verfolgten. Verbreitet war der Wunsch nach aktiver Hilfe für die Menschen in ehemaligen Kriegsgebieten. Besonders hervor tat sich dabei der Laienkirchenführer Lothar Kreyssig, der über beachtliche Netzwerke innerhalb des Protestantismus verfügte. In den letzten Jahrzehnten übernahmen zahlreiche Gruppen ohne kirchlichen Hintergrund Gründungsmotive von Pax Christi und Aktion Sühnezeichen, weswegen diese Organisationen an Identitätsproblemen zu leiden scheinen – und das, obwohl Kriege weltweit immer wieder aufflackern.