Auf „Treu und Glauben“

Staat erhebt kaum Daten zur Pränataldiagnostik – Fehlentwicklungen können weder erkannt noch korrigiert werden. Von Stefan Rehder

Berlin (DT) „Der Bundesregierung liegen keine bundesweiten Daten zu den in Deutschland mit Trisomie 21 lebend geborenen Kindern aus den letzten 15 Jahren vor.“ So steht es schwarz auf weiß in der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Vorgeburtliche Blutuntersuchung zur Feststellung des Down-Syndroms“. Mit der Anfrage, die 158 Abgeordnete aller im Bundestag vertretenen Parteien am 20. März in den Bundestag eingebracht hatten (DT vom 21.3.), wollten die Parlamentarier um die Bundestagsabgeordneten Corinna Rüffer (B90/Grüne), Hubert Hüppe (CDU), Dagmar Schmidt (SPD) und Kathrin Vogler (Die Linke) „das Augenmerk auf eine möglicherweise verhängnisvolle Entwicklung in der Pränataldiagnostik“ lenken. Die Abgeordneten fürchten, dass die „Massenanwendung eines scheinbar harmlosen Bluttests“ dazu führen könne, „dass zukünftig deutlich weniger Kinder mit Down-Syndrom geboren werden“.

In dieser Sorge sehen sie sich nun bestätigt. Denn: „Die Antwort der Bundesregierung zeigt elementare Erkenntnisdefizite und mangelnde Beobachtungsmöglichkeiten der alltäglichen pränataldiagnostischen Praxis auf“, kritisierten Rüffner, Hüppe, Schmidt und Vogler in einer am Dienstag veröffentlichten gemeinsamen Erklärung. Es gebe keine bundesweiten Daten zu vorgeburtlichen Tests auf Trisomie 21 sowie Geburten und Abtreibungen von Kindern mit Down-Syndrom. „So lassen sich weder Trends ablesen noch Vergleiche mit Entwicklungen im Ausland anstellen. Das macht es unmöglich, Fehlentwicklungen zu erkennen und zu korrigieren“, betonen die Parlamentarier. Zwar hebe die Bundesregierung in ihrer Antwort „die besondere Bedeutung der Beratung bei vorgeburtlichen genetischen Untersuchungen“ hervor, weshalb auch ein verpflichtendes Beratungsangebot vor und nach der Durchführung eines solchen Tests im Gendiagnostikgesetz (GenDG) verankert worden sei. Laut der Regierung unterlägen diesem auch die neuen Bluttests „vollumfänglich“. „Es liegen allerdings keine Daten über die Zahl der durchgeführten genetischen Beratungen, die Häufigkeit des Verzichts auf Beratung und die Dauer der Bedenkzeit bis zur genetischen Untersuchung vor.“

„Wenn wir schon heute nicht wissen, wie sich die Zahlen – sowohl der Geburten und Abbrüche, als auch der durchgeführten und abgelehnten Beratungen – entwickeln, können wir mit Blick auf die neuen Tests nicht beruhigt sein. Erst recht würden bei einer Massenanwendung dieser Tests diejenigen in Erklärungsnot geraten, die sich gegen einen Test entscheiden. Es müssen wirksame Vorkehrungen getroffen werden, dies zu verhindern. Grundlage dafür können nur Daten sein, die momentan niemand erhebt.“ Ob sie in Zukunft am besten von Fachgesellschaften erhoben, durch Berichts- beziehungsweise Meldepflichten oder auf andere Weise zusammengestellt werden, müsse nun diskutiert werden. Die Parlamentarier weisen ferner darauf hin, dass mit den Bluttests auch das Geschlecht eines Kindes vor der zwölften Schwangerschaftswoche festgestellt werden könne. Einer der Anbieter werbe sogar damit. „Wer das so ermittelte Geschlecht vor Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche mitteilt, handelt nach GenDG rechtswidrig, bleibt aber straffrei.“ Auch ein „Abbruch der Schwangerschaft innerhalb der sogenannten Fristenlösung aufgrund des Geschlechts wäre möglich.“ Die Abgeordneten fordern, nun müsse diskutiert werden, ob die rechtswidrige Mitteilung des Geschlechts zu Konsequenzen für Test-Anbieter und Ärzte führen muss.