Auf Kosten der Ärmsten

Die Hungerkrise in Ostafrika hat mit dem mangelnden Respekt vor der Nomadenwirtschaft zu tun. Von Carl-H. Pierk

Viele Nomaden wurden zur Sesshaftigkeit gezwungen – mit verheerenden Folgen. Foto: dpa
Viele Nomaden wurden zur Sesshaftigkeit gezwungen – mit verheerenden Folgen. Foto: dpa

Unermessliches Leid und kein Ende in Sicht – auch wenn die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika kaum noch Schlagzeilen macht. Wegen der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren sind Zehntausende auf der Flucht aus Somalia. Die Flüchtlingslager in Kenia und Äthiopien sind überfüllt. Es ist eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes. Insgesamt sind vier Millionen Somalier von der Krise betroffen, das ist die Hälfte der Bevölkerung des Landes. Somalia wird am schwersten von der verheerenden Dürre in Ostafrika heimgesucht, die auch in Kenia, Äthiopien und Dschibuti herrscht. Insgesamt sind von der Dürrekatastrophe nach Angaben der UNO etwa zwölf Millionen Menschen betroffen. Und ein Ende der Dürre ist nicht in Sicht. Im Oktober soll der lang ersehnte Regen endlich fallen. Doch Hilfsorganisationen warnen, dass auch dann keine Verbesserung zu erwarten ist. Eine Ernte wird es frühestens im nächsten Jahr geben. Bis dahin hungern die Menschen weiter und warten auf Hilfe. Jeder Tag wird zu einem Kampf ums Überleben.

Die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika trifft vor allem die Kleinsten: Das UN-Kinderhilfswerk Unicef befürchtet, dass sich die katastrophale Situation der Kinder in den Hungergebieten noch weiter verschlechtert. Demnach sind allein in Somalia jetzt 450 000 Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt, darunter 190 000 in einem lebensbedrohlichen Zustand. Zehntausende Menschen sind in den vergangenen Monaten gestorben, vermutlich war jedes zweite Opfer ein Kind. „Es ist einfach inakzeptabel, dass im 21. Jahrhundert ein Kind an Hunger sterben sollte“, erklärte die für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgieva am Montag in Brüssel. Zugleich wurde bekannt, dass die EU-Kommission die Hilfe für die Hungernden am Horn von Afrika um 60 auf etwa 160 Millionen Euro aufstockt.

Schon im November 2010 hatten Experten und Hilfsorganisationen vor der drohenden Hungerkatastrophe gewarnt. Doch das beste Frühwarnsystem hilft nichts, wenn die internationale Gemeinschaft erst auf die Fotos von abgemagerten Kindern reagiert. Warum haben alle Frühwarnsysteme versagt? Für die Hungersnot am Horn von Afrika ist nicht nur die Dürre ursächlich. Mangelndes Interesse an der Lage der Nomaden, eine verfehlte Agrarpolitik, Bürgerkriege wie in Somalia und nicht zuletzt fehlendes schnelles Engagement der reichen Industrieländer haben zur jetzigen Lage geführt. Damals wäre noch genug Zeit gewesen, die Herden der Nomaden mit Futter zu versorgen. Das Vieh hätte dann weiter Milch für den Eigenbedarf der Nomaden, aber auch für den Verkauf produziert. So hätten die Hirten Geld für den Erwerb anderer Nahrungsmittel verdienen können. Mit dem Untergang ihrer Herden stehen die Nomaden nun jedoch vor dem Nichts und müssen aufwendig mit Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland unterstützt werden.

„Viele Hungersnöte in Ostafrika könnten verhindert werden, wenn Regierungen und Behörden mehr Respekt gegenüber den Nomaden zeigten und schon erste Anzeichen für Versorgungsschwierigkeiten ernster nehmen“, erklärte der Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Ulrich Delius, gegenüber dieser Zeitung. Doch statt sich intensiv mit den Problemen der Nomaden, die die größte Bevölkerungsgruppe in den von Hunger bedrohten Regionen Ostafrikas stellen, auseinanderzusetzen, würden die Regierungen Ostafrikas auf eine Ansiedlung der Hirten als Bauern drängen. Denn die Behörden hielten die nomadische Wirtschaftsweise für archaisch. Landwirtschaftsexperten hingegen sind sich nach Angaben von Delius einig, dass nur Nomaden in diesen äußerst trockenen Regionen überleben können. Sie würden mit ihrer Vieh- und Milchproduktion einen wichtigen Beitrag zur Volkswirtschaft dieser Staaten leisten. Die Nomaden fordern langfristige Programme für die Förderung ihrer Wirtschaftsform, mehr Brunnen und bessere Wasserpumpen, mehr Fortbildung, die Impfung ihrer Viehherden sowie freien Zugang zu Weiden in Nachbarländern, die traditionell bei ausbleibendem Regen als Ausweichflächen genutzt werden.

Auf dramatische Weise zeigt die Hungerkatastrophe in Ostafrika zugleich, dass einige Länder nach wie vor nicht in der Lage sind, ihre Bevölkerung zu ernähren. Dabei ist das Ackerland dort heiß begehrt, vor allem bei Geschäftsleuten aus Europa, den USA, den arabischen Ölstaaten und Asien. Sie kaufen oder pachten große Flächen (Land Grabbing – Landnahme), um Nahrungsmittel zu produzieren oder Biosprit zu gewinnen. Die Verkäuferländer benötigen dringend Investitionen in ihre Landwirtschaft. Sie erhoffen sich verbesserte Infrastruktur, neue Arbeitsplätze und Technologietransfers. Doch in der Realität hat die lokale Bevölkerung oft das Nachsehen. Es besteht die Gefahr, dass Kleinbauern enteignet werden und so ihre Existenzgrundlage verlieren. Somit ginge die Nahrungssicherung der reicheren Länder auf Kosten der Nahrungssicherheit der Ärmeren.