Auf Ebola zu spät reagiert

Die WHO hat Westafrika für ebolafrei erklärt – Dennoch bleiben Fragen. Von Carl-Heinz Pierk

Ein Junge aus Liberia wird auf Ebola getestet. Foto: dpa
Ein Junge aus Liberia wird auf Ebola getestet. Foto: dpa

Leichen und Sterbende überall. Bilder des Grauens, die auch Fernsehsender hierzulande übertrugen, begleiteten die Ausbreitung der Ebola-Epidemie in Westafrika. Zwei Jahre nach Ausbruch der bislang schlimmsten Ebola-Epidemie hat jetzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Westafrika für ebolafrei erklärt. Die Übertragung der tödlichen Tropenkrankheit sei nun auch in Liberia gestoppt. Dennoch: In Sierra Leone ist offenbar ein Mensch erneut an Ebola gestorben. Zwei Tests an der Leiche eines Jungen hätten den Verdacht bestätigt, berichtete nach Angaben des „Spiegel“ der Rundfunksender BBC unter Berufung auf einen Sprecher des Gesundheitsministeriums. Die Untersuchungen seien von britischen Experten durchgeführt. Deutschland war vom Ebolafieber-Ausbruch nicht betroffen. Es sind keine Fälle von Ebolafieber in Deutschland aufgetreten. Auch keiner der deutschen Helfer, die zur Bekämpfung der Epidemie in Westafrika im Einsatz waren, hat sich mit dem Virus infiziert.

Seit dem Ausbruch der Viruserkrankung vor zwei Jahren starben in den drei Schwerpunktländern Sierra Leone, Guinea und Liberia mehr als 11 300 Menschen an den Folgen, 28 600 Männer, Frauen und Kinder wurden infiziert. Experten gehen von wesentlich höheren Opferzahlen aus. Einige wenige Ebola-Fälle traten auch in anderen Ländern wie Nigeria, den USA und Spanien auf. Seit August 2015 werden nur noch Einzelfälle registriert. Der Ausbruch kann, so heißt es, damit als weitgehend beendet angesehen werden. Erstmals waren Länder großflächig von Ebolafieber betroffen: In Guinea, Sierra Leone und Liberia trat die Krankheit in fast allen Provinzen auf, auch in großen Städten mit Flughafen-Anbindung. Nach dem Höhepunkt des Ausbruchs im Herbst 2014 war die Zahl der Neuinfektionen im Laufe des Jahres 2015 kontinuierlich gefallen. Seit August 2015 wurden nur noch Einzelfälle registriert. Der Ausbruch kann damit als weitgehend beendet angesehen werden, resümiert die WHO.

Allerdings kann das Ebolavirus auch nach der Genesung monatelang im Körper (unter anderem in der Samenflüssigkeit) überleben, teilte das Robert Koch-Institut in Berlin mit. Bei der großen Zahl Überlebender könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass auch in Zukunft in den vom Ausbruch betroffenen Ländern einzelne Fälle von Ebola-Fieber auftreten würden, betonte Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts, gegenüber der „Tagespost“. Das Institut ist eine zentrale Einrichtung des Bundes im Bereich der Öffentlichen Gesundheit zur Erkennung, Verhütung sowie Bekämpfung von Krankheiten. Guinea, Sierra Leone und Liberia befänden sich demnach derzeit in einer Phase erhöhter Wachsamkeit. Sie beginnt, nachdem der letzte bekannte Fall in einem Land genesen ist oder beerdigt wurde. Wenn dann für die Dauer von 42 Tagen (zwei maximale Inkubationszeiten) keine weiteren Fälle auftreten, gilt das Land als frei von Ebolafieber. Eine erhöhte Wachsamkeit bleibt anschließend jedoch weiterhin bestehen, um eventuelle spät auftretende Ebolafieber-Fälle rechtzeitig diagnostizieren und eine Weiterverbreitung verhindern zu können.

Wachsamkeit gilt nach wie vor. Nicht nur die Organisation „Ärzte ohne Grenzten“ hat die verspätete Reaktion des Westens auf die Ebola-Katastrophe angeprangert, es waren auch katholische Ordensleute. Gerade sie sind stets die zuverlässigen Seismographen vor Ort. Die Salesianer Don Boscos etwa alarmierten bereits im Januar 2014, als der erste Ebola-Fall in Guinea gemeldet wurde, die Regierung im Nachbarland Sierra Leone. Sie blieb untätig und Bruder Lothar Wagner SDB wurde noch im März 2014 vom zuständigen Minister ausgelacht, als er eine landesweite Aufklärungskampagne forderte, heißt es aus der Internationalen Missionsprokur in Bonn. Für Bruder Lothar und das Team bleiben Aufklärungsarbeit und präventive Maßnahmen nach wie vor zentrale Aufgaben, um eine erneute Rückkehr des Virus zu verhindern. Der Salesianer beklagte zugleich, dass die internationale Unterstützung für Sierra Leone viel zu spät einsetzt habe. Zu lange habe eine wirklich funktionierende Koordination medizinischer Hilfsgüter sowie Logistik gefehlt. Ein Umstand, der Leid, Hunger und Elend der Einheimischen auf lange Zeit verschlimmert hat.

Die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Würzburg erläutert, ein großer Fehler der Ebola-Arbeit sei es gewesen, „dass in vielen Dörfern die Ebola-Teams aufgetaucht sind, ohne dass es vorherige Informationen gab. Das Auftauchen in kompletten Schutzanzügen ohne Ankündigung hat oft für Missverständnisse gesorgt und die Vorurteile sowie Mythen rund um Ebola weiter wachsen lassen.“ Theorie und Praxis konnten indes Helfer und Helferinnen vorbildhaft in Trainings des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg erfahren. Mit der Tropenmedizin der Missionsärztlichen Klinik ist auch die Fachexpertise vorhanden.

Ob die Krankheit allerdings endgültig besiegt ist? Nicht ohne Grund hat das Ebola-Virus durch einen einzigen Fall von Guinea aus nach Liberia gelangen und dann einen nie dagewesenen Flächenbrand auslösen können. Und allgemein gilt: Gegen die Krankheit gibt es noch keine zugelassenen Heilmittel und Impfstoffe. Doch Wladimir Putin behauptet, russische Wissenschaftler hätten eine wirksamen Impfstoff gegen Ebola entwickelt. Der russische Wirkstoff sei einzigartig auf der Welt, schwärmte der Kremlchef in Moskau. Jedoch kennen weder deutsche Spezialisten noch die Weltgesundheitsorganisation Daten und Einzelheiten.