Auch in Europa: Indikation Mädchen – Therapie Abtreibung

Trotz Verboten ist „Genderzid“ in vielen Industrienationen weiter verbreitet ist als bisher angenommen. Von Susanne Kummer

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Nicht nur in China und Indien werden gezielt Mädchen abgetrieben. Auch in vielen Ländern Europas zeichnet sich ein unnatürlicher Jungen-Überschuss aufgrund von Abtreibungen ab. Foto: dpa
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Nicht nur in China und Indien werden gezielt Mädchen abgetrieben. Auch in vielen Ländern Europas zeichnet sich ein unnat... Foto: dpa

Wien (DT) Der Schweizer Bundesrat arbeitet an einem Gesetz, wonach die Bekanntgabe des Geschlechts durch den Arzt bis zum Ablauf der Frist für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch ausdrücklich verboten sein soll. In Deutschland gilt dies bereits: Laut Gendiagnostik-Gesetz darf das Geschlecht erst nach der zwölften Woche mitgeteilt werden. So soll verhindert werden, dass Kinder abgetrieben werden, weil die Eltern sich ein anderes Geschlecht gewünscht haben. Schweizer Ärzte berichteten, dass der Wunsch nach vorgeburtlicher Geschlechterselektion steige. Schätzungsweise kommt es in der Schweiz jährlich zu rund 100 Abtreibungen aufgrund des „falschen“ Geschlechts.

Neue, unkomplizierte genetische Tests verschärfen das Problem. So kann das Geschlecht per Bluttest bereits in der neunten Schwangerschaftswoche bestimmt werden – wesentlich früher als bei einer Ultraschalluntersuchung. Erhebungen der vergangenen Jahre zeigen, dass trotz Verboten die Praxis des „Genderzids“ in Industrienationen weiter verbreitet ist als bisher angenommen. So zeigt sich bei Einwanderern aus asiatischen Kulturkreisen in Großbritannien eine auffallende Verzerrung des Geschlechterverhältnisses zugunsten von Jungen. Und das, obwohl in Großbritannien die Abtreibung allein aufgrund des Geschlechts verboten ist. Eine Analyse der Bevölkerungsstatistiken im Jahr 2011 ergab, dass Immigrantinnen aus Afghanistan, Pakistan und Bangladesch, die in England und Wales leben, unverhältnismäßig mehr Buben zur Welt bringen, insbesondere beim zweiten Kind. Die Statistiker vom Imperial College sprechen von 1 400 bis 4 700 Mädchen, deren Fehlen als klares Indiz für eine vorgeburtliche Geschlechtsauswahl gilt. Im Hintergrund spielen sich dabei erschreckende Szenen psychischer und physischer Gewalt gegen Frauen ab.

Auch kanadische Gesundheitsforscher beobachten seit Jahren Verschiebungen in der natürlichen Geschlechterbalance, insbesondere unter indischen Migranten. In dieser Bevölkerungsgruppe „fehlen“ 4 472 Mädchen aus den vergangenen 20 Jahren.

China und Indien gelten als Vorreiter der vorgeburtlichen Tötung von Mädchen. Die diskriminierende Abtreibung von Mädchen hat in den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt zu dramatischen Verschiebungen in der demografischen Entwicklung geführt. Laut UNO-Bericht fehlen 50 Millionen Mädchen und Frauen in Indiens Bevölkerung, weil sie abgetrieben oder nach der Geburt getötet worden sind. Auch wirtschaftliche Gründe spielen hier eine Rolle. Töchter gelten oft als Last, weil sie später mit einer hohen Aussteuer ausgestattet werden müssen. In China rechnet man damit, dass im Jahr 2020 mindestens 30 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter keine Frau finden können – weil sie fehlen. Auch die Zwei-Kind-Politik, die 2016 nach 35 Jahren die Ein-Kind-Politik ablöste, kann diese Kluft nicht schließen. Aus Kostengründen bekommen viele Chinesen immer noch nur ein Kind – und dann einen Buben. Ein normales Geschlechterverhältnis liegt laut WHO bei 102 bis 106 Jungen zu 100 Mädchen, in China sind es 114.

In den Balkanstaaten und dem Kaukasus ist die Abtreibung von Mädchen überdies ein einträgliches Geschäft – und auch hier zeigen sich bereits gravierende Konsequenzen auf die demografische Entwicklung. Die pränatale Geschlechtsselektion zeigt laut Balkan Investigative Reporting Network eine „Kombination aus patriarchalen Traditionen und moderner Medizin“. Sie lässt die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter durch die gezielte Abtreibung weiblicher Föten merklich schrumpfen.

Laut Bericht der UNFPA im Kosovo von 2016 werden dort durchschnittlich 110 Buben pro 100 Mädchen geboren. Die albanischen Daten für 2016 zeigen ähnliches: 109,5 Jungen auf 100 Mädchen, in Mazedonien sind es 110, in Montenegro gar 113 Jungen. In Armenien und Aserbaidschan kommen auf 100 Mädchen derzeit 112 Buben zur Welt. Genderzid ist als weltweites Problem international anerkannt worden. Der Menschenrechtskommissar des Europarates, Nils Muižnieks, nennt diese Praxis „zutiefst diskriminierend“. Sie perpetuiere „ein Klima der Gewalt gegen Frauen“, die unter Druck stehen, ein Ungeborenes mit „falschem“ Geschlecht abzutreiben. Muižnieks fordert die Regierungen auf, zuverlässige Daten zu sammeln und Maßnahmen zur Unterstützung von Mädchen und Frauen sowie zur Unterstreichung ihrer Gleichwertigkeit gegenüber Männern zu setzen. Er plädiert auch für eine strafrechtliche Verfolgung der gezielten Tötung weiblicher Föten in Europa: „Wir brauchen eine starke Abschreckung von dieser Praxis.“