Angst vor dem Islam

Jeder zweite Deutsche fühlt sich nach einer Studie bedroht.

Präventionsprogramm gegen Salafismus
Nach der Studie werden nicht nur extreme Ausprägungen wie etwa der Salafismus als bedrohlich wahrgenommen, sondern der Islam insgesamt. Nur ein Drittel der Befragten sieht im Islam eine Bereicherung. Foto: dpa
Präventionsprogramm gegen Salafismus
Nach der Studie werden nicht nur extreme Ausprägungen wie etwa der Salafismus als bedrohlich wahrgenommen, sondern der I... Foto: dpa

Mehr als die Hälfte der Deutschen hat Angst vor dem Islam. Das ist das Ergebnis der gerade aus Anlass des Grundgesetzjubiläums veröffentlichten Sonderstudie zum Religionsmonitor 2017 der Bertelsmannstiftung, die das Verhältnis von Religion und politischer Kultur in den Blick nimmt. „Die Hälfte der befragten Deutschen sehen im Islam eine Bedrohung, nur ein Drittel nimmt ihn als Bereicherung für unser Zusammenleben wahr“, beschreibt der Verfasser der Studie, der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel im Gespräch mit der „Tagespost“. Das hängt nach den Feststellungen der von ihm verfassten Studie zum einen damit zusammen, dass das Bild eines friedlichen Islam spätestens seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. November 2001 von dem der radikalen und fanatischen Islamisten überlagert wird.

Eine Gefährdung durch gewaltbereite Islamisten ist schließlich auch nicht von der Hand zu weisen. Der gerade veröffentlichte Verfassungsschutzbericht 2018 macht das erneut deutlich. Bei aller Betonung der realen Gefahren durch den Extremismus von rechts und links darf man die Bedrohung durch den Islamismus nicht außer Acht lassen. Durch den Rizin-Fund im vergangenen Jahr in Köln wurde deutlich, dass selbst ein islamistischer Anschlag mit Biowaffen kein abwegiges Szenario zu sein scheint. Deutschland steht unverändert im „Zielspektrum von dschihadistischen Organisationen“, macht der Bericht deutlich. Das zeige sich auch daran, dass das Drohpotenzial ihrer Internetpropaganda unverändert hoch sei und es immer wieder Aufrufe zu Anschlägen in westlichen Staaten gebe.

Gefühl der Fremdheit gegenüber Muslimen

Neben der Angst vor Terroranschlägen wird die Bewertung der Muslime nach der Einschätzung von Professor Pickel oftmals dadurch geprägt, dass sie für viele Menschen „Fremde“ sind: „Das war bei früheren Migrationen aus Polen oder Italien, die zur Arbeitsaufnahme nach Deutschland kamen, etwas anderes. Hier sorgte der gemeinsame kulturell-religiöse Hintergrund für mehr Vertrauen und weniger Ablehnung.“ Während in der Vergangenheit bei den Ablehnungsgründen im Hinblick auf eine bestimmte Gruppe oft die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes zu Gunsten eines Migranten im Vordergrund stand, geht es heute, neben der Angst vor dem islamistischen Terrorismus, mehr um eine kulturelle Ablehnung.

Dabei ist signifikant, dass eine solche Ablehnung vorwiegend gegenüber den Muslimen geäußert wird, während andere religiöse Gruppen sich in Deutschland einer hohen Akzeptanz erfreuen. Bei der Anerkennung religiöser Vielfalt gibt es allerdings noch Nachholbedarf: Grundsätzlich sind nämlich 87 Prozent der Befragten offen gegenüber anderen Weltanschauungen.

Etwa 70 Prozent sprechen anderen Religionen einen Wahrheitsgehalt zu

Etwa 70 Prozent sprechen anderen Religionen einen Wahrheitsgehalt zu und bezeugen so ihre religiöse Toleranz. „Während eine Mehrheit der Deutschen Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus als bereichernd empfinden, gestehen nur gut 30 Prozent das dem Islam zu“, ergänzt Pickel. Erstaunlich dabei sei, dass die Ablehnung dort zunehme, wo es nur wenige, bis nahezu gar keine Muslime gebe. So sieht man im Osten der Republik die Bedrohung durch den Islam um sieben Prozent höher als in den alten Bundesländern. „Das hängt damit zusammen, dass es dort nur wenige Möglichkeiten der persönlichen Wahrnehmung gibt. Da es dort dann auch an positiven Beispielen fehlt, wird die Ablehnung oft an Negativereignissen aus den Medien oder vom Hörensagen angetrieben“, weiß der Professor für Religionssoziologie.

"Während eine Mehrheit der Deutschen Christentum,
Judentum, Hinduismus und Buddhismus als
bereichernd empfinden, gestehen nur
gut 30 Prozent das dem Islam zu"
Religionssoziologe Gert Pickel

Islamistische Terroranschläge, die Schreckensherrschaft des IS, oder fürchterliche Verbrechen wie das Berliner Weihnachtsmarktattentat von Anis Amri haben natürlich dazu beigetragen, dass die Angst der Menschen vor Terroranschlägen durch Islamisten wächst. „Durch so etwas wird in der öffentlichen Meinung dann gleich das Image der gesamten muslimischen Community beeinflusst“, erklärt der Soziologe. Das verstelle oft den Blick darauf, dass die große Mehrheit der Muslime in Deutschland sich zu Demokratie und Rechtsstaat bekennen. „Die Demokratie ist eine gute Regierungsform, sagen 89 Prozent der deutschen Bevölkerung“, berichtet Gert Pickel aus der aktuellen Studie „Weltanschauliche Vielfalt und Demokratie“.

93 Prozent der Befürworter unserer rechtsstaatlichen Ordnung sind übrigens Christen. Aber auch 91 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime sprechen sich dafür aus. Die größte Ablehnung gibt es hier unter den Konfessionslosen, die unser System nur zu 83 Prozent befürworten. Die hohen Zustimmungswerte durch die Muslime sieht Pickel auch darin begründet, dass viele von ihnen von ihrer Grundausrichtung konservativ seien. Das gehe einher mit vielen Werten, die unser Grundgesetz sicherstelle. Besonders geschätzt werde auch der Schutz von Minderheiteninteressen als ein Grundprinzip der liberalen Demokratie. Die starke Religiosität vieler Muslime führe allerdings auch zu einer Abwehrhaltung gegen bestimmte liberale Haltungen.

Unkritische Heimatverbundenheit

Warum so viele der hier lebenden Muslime, die unsere Demokratie so sehr wertschätzen, sich dann bei Wahlen in der Türkei für den wenig demokratischen Kurs von Präsident Erdogan und seiner AKP entscheiden, kann Pickel auch nicht wirklich nachvollziehen. Gerade bei vielen Türken bleibe eine sehr enge Verbundenheit zu ihrem Herkunftsland. „In dem Maße, in dem das Gefühl der Ablehnung ihrer Community in Deutschland, gerade auch bei jüngeren Türken, wächst, wollen sie zum Teil ihrer Heimatverbundenheit dadurch Ausdruck verleihen, dass sie auf einen religiös-dogmatischen und ultra-nationalen Kurs einschwenken“, sieht der Professor eine mögliche Ursache.