Nordhausen

Andreas Leupold: Der alternative Katholik

Der 28-jährige Andreas Leupold war bis letztes Jahr Priesteramtskandidat. Jetzt kämpft der praktizierende Katholik um ein Landtagsmandat für die AfD in Thüringen.

AfD vor Wahl in Thüringen
Andreas Leupold kandidiert in einer Hochburg des „Flügels“, der rechtsgerichteten Sammlungsbewegung in der AfD. Foto: Markus Scholz (dpa)

"Du machst alles kaputt, wir hätten soviel aufbauen können“: Mit schweren Vorwürfen wird Andreas Leupold von einer ehemaligen Parteifreundin aus der CDU angegriffen. Die Katholikin stellt ihn nach einer Podiumsdiskussion im Rathaus von Nordhausen. AfD-Kandidat Leupold liefert sich dort ein Kopf an Kopf-Rennen um das Landtagsmandat mit Linken und CDU.

Die konservative Position stärker herausschälen

Seine alten Weggefährten könnten oft nicht verstehen, „dass Leute wie ich, die sich früher bei der Union verortet hätten, nicht bei der Union geblieben sind, um dort die konservative Position wieder stärker herauszuschälen“, erklärt Leupold. Doch bei der Podiumsdiskussion diskutiert man sachlich, lässt dem Kandidaten der AfD auch einmal den Vortritt. Der Vertreter des DGB stellt Leupold lediglich eine sozialpolitische Sachfrage. Trotz aller politischen Spannungen ist Leupold seitens der politischen Gegner offenbar anerkannt.

Am Rande der Veranstaltung wird die Befürchtung der Thüringer Christdemokraten geäußert, gegenüber der AfD auf verlorenem Post zu stehen, denn im Hintergrund ist die Migrationspolitik für viele Wähler immer noch das wichtigste Thema. Eine Affinität für eine Koalition mit der AfD deutet sich an: „... wenn doch dieser Höcke nicht wäre“.

Tauwetter bezüglich der Kontakte zu Christdemokraten

Leupold spricht von Tauwetter, wenn er auf die Kontakte zu Christdemokraten zu sprechen kommt. Dabei wird die CDU rechnerisch in den letzten zehn Jahren die Hälfte der alten Stärke an die AfD abgegeben haben, wenn man den Umfragen glauben darf. Angesichts einer trotz aller Dementis drohenden Koalition der CDU mit der Linkspartei warnt manch engagierter Wahlkämpfer dann auch vor der innerparteilichen Kernschmelze.

Die Christdemokraten blicken mit Sorge auf Männer wie Andreas Leupold, der im Falle eines Wahlsiegs der Linkspartei das Direktmandat abnehmen wird. Als Schüler gründete er den Stadtverband der Schülerunion, engagiert sich in CDU und Junger Union. Aber als er 2007 am Bundesparteitag der CDU teilnahm, irritierte ihn der Umgang der Parteiführung mit den Christdemokraten für das Leben und die Förderung der Lesben-und-Schwulen-Union. Nach der Zulassung der PID verlässt er dann die CDU. „Lebensschutz und Bioethik sind die Themen, die bei der CDU gar nicht mehr auf der Agenda stehen. Und wenn sie auf der Agenda waren, dann nur plakativ, um manche Leute doch nicht zu vergraulen, sondern um ihr Potenzial zu binden“, kritisiert Leupold.

"Lebensschutz und Bioethik sind
die Themen, die bei der CDU gar
nicht mehr auf der Agenda stehen"
Thüringens AfD-Kandidat Andreas Leupold

Während der Freisemester in Wien hörte er von der Gründung der AfD, der er nach seiner Rückkehr beitritt. Hier stellt er eine positive Grundskepsis gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen fest, die er in der CDU schon lange vermisst hat: „Zum Beispiel die Tatsache, dass vermutlich jeder in der AfD den Kopf über die Einführung der Homo-,Ehe‘ schütteln wird oder dass solche Punkte wie liberales Abtreibungsrecht auch sehr kritisch gesehen werden.“ Das sei ein Grundkonsens in der AfD, auch weil man diese Punkte als „vermeintliche Errungenschaften linker und grüner Ideologen“ ansähe. Leupold macht hier aber auch eine gemeinsame Basis aus, auf der man aus christlicher Sicht einen Dialog führen könnte.

An diesem Morgen stehen Wahlhelfer der AfD und ihr Landtagskandidat im Schatten des mittelalterlichen Rathauses von Nordhausen. Passanten schlendern vorüber zum Markt, auf dem Händler und Kleinbauern aus der Region ihre Produkte feilbieten. Viele bleiben stehen oder kommen auf die Wahlkämpfer zu. Eine alte Dame mit Rollator echauffiert sich über die Behandlung des Parteivorsitzenden Jörg Meuthen im Fernsehen zum Attentat von Halle, das an diesem Morgen nur zwei Tage zurückliegt. Auch Leupold schließt sich der Kritik an: „Es besteht kein Zusammenhang zwischen einer vermeintlich verrohten Sprache von AfD-Vertretern und dem was jetzt geschehen ist.“ Vielmehr scheint hier Konsens, dass es sich um unlautere Instrumentalisierungen handelt.

Ein Deutschlandbild, der Romantik des 19. Jahrhunderts entlehnt

Später gesellt sich Jürgen Pohl, ein Bundestagsabgeordneter aus dem Umkreis des „Flügels“, zu den Wahlkämpfern. Als er auf die Präsenz des katholischen Journalisten aufmerksam wird, zeigt sich zunächst reflexartig ein Ressentiment: „Und Sie sprechen mit dem Leibhaftigen? Ich hatte schon mal mit einem von Ihnen zu tun... von der KNA. Von den Evangelischen hätte man ja nichts anderes erwartet. Aber von Ihnen!“ Der Bundestagsabgeordnete schimpft über die politisierte Position der evangelischen Landeskirchen. Doch gesteht er, dass er sich mit dem katholischen Glauben befasste. Unter Benedikt XVI. Das Christentum wird als kulturelle Kraft anerkannt, die für Geschichte und Tradition steht. Der Thüringer „Flügel“ sucht aber jenseits dessen nach einer programmatischen Identität, in einem Deutschlandbild, das der Romantik des 19. Jahrhunderts entlehnt ist. Das Christentum kommt im Grundsatzpapier „Leitkultur, Identität, Patriotismus“ erst gar nicht vor.

Leupold kandidiert sogar in einer Hochburg des „Flügels“, der rechtsgerichteten Sammlungsbewegung in der AfD, in der sich Politik mit Emotionen und reißerischer Rhetorik im Stil deutsch-nationaler Politiker der Weimarer Republik vermischt. Diese Identitätspolitik kommt hier in Thüringen an. Was Kritiker als bewusste Anlehnung an den Nationalsozialismus kritisieren, dürfte von einem rechten Rand als bewusste Provokation willkommen geheißen werden. Doch wie stellt sich Leupold dazu? Er übt Kritik an der Rhetorik Höckes, doch würden immer die selben Phrasen aus dem Kontext gelöst. Aber auch dumpfe und raue Meinungen müssten artikuliert werden dürfen, damit man sie kanalisiert und auf einen wesentlichen Inhalt eindampft, erklärt Leupold.

Identitätspolitik kommt in Thüringen an

Andreas Leupold ist praktizierender Katholik. Kantor in seiner Diasporagemeinde, er hält Vorträge im ökumenischen Bibelkreis. Der tägliche Rosenkranz ist ihm wichtig, er schätzt die Beichte und die tridentinische Messe. Nach seiner Zeit im Priesterseminar hat er nun seine Passion als Lehrer gefunden. Leupold kam dabei erst als Jugendlicher zum katholischen Glauben – in der ostdeutschen Diaspora, wo lediglich fünf Prozent der Menschen katholisch sind. Mit 14 Jahren wurde er im Nordhäuser Dom getauft. Seine protestantische Großmutter, die genauso wie seine ganze Familie, nie den Glauben praktizierte, brachte ihm das Vaterunser bei, als er ein erstes Interesse am Christentum entwickelte. „Als dann Johannes Paul II. schwer krank geworden ist und im Frühjahr 2005 starb, hat mich beeindruckt, dass so viele junge Menschen getrauert haben und in welcher Würde und Größe dieser Mann gestorben ist“, berichtet der damals noch suchende Thüringer Leupold. „Und die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst war für mich dann der Anlass, jetzt gehe ich mal in die katholische Kirche. Ich habe dann hier meine geistliche Heimat gefunden.“ In der Konsequenz fasziniert ihn mit 15 Jahren das Priestertum. Er interessiert sich nun für Theologie und wird nach dem Abitur in das Erfurter Priesterseminar eintreten.

Kein Widerspruch zwischen AfD-Engagement und katholischem Glauben

Für Leupold steht sein politisches Engagement für die AfD in keinem Widerspruch zu seinem Glauben und zur Zugehörigkeit zur katholischen Kirche. Dagegen warnen Thüringens Bischöfe und die evangelische Landeskirche in ihrem gemeinsamen Wahlaufruf indirekt vor der Wahl seiner Partei. Die katholischen Büros Mitteldeutschlands haben sogar eine umfangreiche Studie in Auftrag gegeben, die sich gegen die Positionen der AfD aus sozialethischer Sicht wendet. Leupold kritisiert aber gerade diese offiziellen kirchlichen Positionierungen: „Früher wurde man zu Recht verfolgt, wenn man die Gottheit Christi leugnete, heute aber wenn man den menschengemachten Klimawandel bezweifelt.“ Daher hat es Leupold besonders gestört, dass die Übereinstimmung der Positionen zwischen Kirche und AfD bei der Verteidigung von Ehe und Familie oder auch in Fragen des Lebensschutzes auf Seiten der Kirche nicht als Ausgangspunkt für ein fruchtbares Gespräch gewertet wird. Auch in der Asylfrage verlange die AfD nicht mehr als die Einhaltung des Rechts. „Die Aufnahme muss immer unter Einhaltung der Gesetze erfolgen und daher, wenn nötig, mit der Ausschaltung von Missbräuchen einhergehen“, zitiert er Johannes Paul II.

Dabei sieht auch der Kandidat die harsche Rhetorik manches Parteifreundes kritisch, gerade wenn es um die Kirche geht. „Natürlich kann ich meine Leute auch nicht in Schutz nehmen. Es gab schon die ein oder andere polemische Schlagseite auch bei Vertretern meiner Partei, die ich in dieser Art und Weise nicht schön fand. Ich denke, wenn beide Seiten rhetorisch runterschrauben und auf die Gemeinsamkeiten zu sprechen kämen, dann könnte da wirklich ein fruchtbarer Dialog entstehen.“ Ständige parteipolitische Beschäftigung sei dagegen ein Symptom der Glaubenskrise. Gerade unter konservativen Katholiken gäbe es daher eine Affinität zu Positionen der AfD, beobachtet Leupold. Diese Überschneidungen würden verstärkt von jüngeren Katholiken wahrgenommen.

Pragmatischer Umgang mit widersprüchlichen AfD-Positionen

Demoskopische Untersuchungen liefern kein belastbares Material, den Anteil der AfD-Wähler an den praktizierenden Katholiken verlässlich zu bewerten. Aber ein Blick auf den weit überproportional hohen Katholikenanteil bei den Abgeordneten und Mitarbeitern der Thüringer AfD könnte zeigen, dass es mit Abgrenzung alleine nicht getan ist.

Ob denn ein Pauschalurteil über ein Viertel der Bevölkerung und den von ihnen gewählten Politikern nicht zum pastoralen Problem wird, dürfte nicht selten gefragt werden. Herrmann Binkert, der Chef des in Erfurt ansässigen Meinungsforschungsinstituts INSA, weist daher darauf hin, dass es „die Pluralität der Meinungen, die die Gesellschaft insgesamt prägt“, auch in den Kirchen gibt. „Es ist sicher für das gegenseitige Verständnis wichtig, wenn man miteinander im Gespräch bleibt. Die Gemeinsamkeit im Glauben hilft vielleicht auch, bei politischen Kontroversen das Verbindende zu sehen“, so der Katholik Binkert. Laut Leupold habe sich die Kirche auf lokaler Ebene parteipolitisch neutral verhalten. Sein langjähriger Heimatpfarrer Richard Hentrich blickt entspannt auf sein Engagement: „Schreiben Sie, er wird in der Partei vieles zum Guten verändern!“

Leupold versucht die Widersprüchlichkeit der unterschiedlichen Positionen in der AfD wie der kirchlichen Verlautbarungen pragmatisch hinter sich zu lassen. Er sieht sich als Vermittler und sucht den Kompromiss. Wie heute noch viele Katholiken, die in der Union geblieben sind. Dem Kompromiss entkommen sie alle nicht. Man nennt es Politik.