An diesem Tag ist etwas in ihr zerbrochen

Feldkirch: Diözesane Verantwortliche verteidigen ihre sexualpädagogischen Workshops damit, dass viele Kinder bereits mit Pornos konfrontiert sind. Von Stephan Baier

Wie, wie früh, wie intensiv und von wem sollten Kinder über Sexualität aufgeklärt werden? Foto: dpa
Wie, wie früh, wie intensiv und von wem sollten Kinder über Sexualität aufgeklärt werden? Foto: dpa

Mama, ich weiß jetzt, wozu man ein Dildo braucht!“ So sei die neunjährige Tochter aus der Volksschule heimgekehrt, berichtet das Ehepaar Constanze und Csaba Nemes. Die Eltern hakten nach und erfuhren mehr aus einem Workshop, der vom „Ehe- und Familienzentrum“ (EFZ) der Vorarlberger Diözese Feldkirch verantwortet wird: Da sei das Überstreifen von Kondomen an verschiedenen Penisgrößen geübt worden, auch wurde über sexuellen Missbrauch gesprochen – sonst sei es ziemlich langweilig gewesen. Den Eltern trieb es offenbar mehr die Zornes- als die Schamesröte ins Gesicht.

„Beim Thema ,Regel‘' haben die Mädchen mit Knete eine Gebärmutter mit sich lösendem Gewebe gemacht. Verschiedene Mädchen haben das als eklig empfunden“, berichtet die Mutter eines Kindes der 4. Klasse Volksschule. Den Buben sei gezeigt worden, „wie man ein Kondom über einen Holzstiel zieht“. Befremdet zeigt sie sich darüber, dass „die Workshopleiter den Kindern gesagt haben, dass sie außer mit ihren Eltern mit niemand über den Inhalt des Workshops sprechen dürfen“. Das erinnerte sie daran, dass Missbrauchstäter ihren Opfern immer Schweigen befehlen würden. Ausführlich sei über Geschlechtsverkehr gesprochen worden: „Unsere Tochter hat voller Abscheu erzählt, dass sie gelernt hat, dass beim Geschlechtsverkehr die Frau das Glied vom Mann tief in den Mund steckt. Anscheinend ist gesagt worden, dass ,Oralverkehr‘ dazu gehört… Unsere Tochter hat sich sehr geekelt. Statt sich darauf zu freuen, einmal selber Mutter werden zu können, möchte sie jetzt nur noch adoptieren.“ Auch müssten neun- und zehnjährige Kinder nicht wissen, „wie Homosexualität praktiziert wird“, meint die Mutter.

Eine andere Mutter – wieder geht es um eine 4. Volksschulklasse in Vorarlberg – berichtet: „Meine älteste Tochter ist für ihr Alter sehr reif und verständig, und war für meinen Geschmack auch zuvor schon altersentsprechend aufgeklärt, aber an diesem Tag ist etwas in ihr zerbrochen. Ich möchte meine anderen Kinder auf keinen Fall mehr an einem Unterricht dieser Art teilnehmen lassen müssen.“ Von Verwirrung, Ekel und „Horrorbildern“ im Kopf ihrer Kinder berichten Eltern.

Weil diese Workshops in der Trägerschaft des diözesanen „Ehe- und Familienzentrums“ stattfinden, wandten sich Leni und Franz Kesselstatt von der „Familien-Allianz“ an Diözesanbischof Benno Elbs: Wie viele Eltern seien sie nicht gegen Sexualaufklärung, aber „wir sind für eine Sexualerziehung, die auf keinen Fall Kinder überfordern oder ihre kindliche Scham brechen darf“. Im Dezember 2016 kam es zu einem persönlichen Gespräch von zwei betroffenen Müttern und dem Ehepaar Kesselstatt mit Bischof Elbs in Feldkirch. Dabei habe sich der Bischof betroffen gezeigt und Klärung zugesagt, berichtet Leni Kesselstatt im Gespräch mit dieser Zeitung. Er sei nicht dafür, den Sexualkundeunterricht zu streichen, doch müsse dieser ordentlich gemacht werden. Der Leiter des „Ehe- und Familienzentrums“, Edgar Ferchl-Blum, der selbst ausgebildeter Sexualpädagoge ist, habe bei diesem Gespräch bestätigt, dass Kondome als Unterrichtsmaterial verwendet würden – wenn die Kinder danach fragen.

Im Gespräch mit der „Tagespost“ bedauert Leni Kesselstatt, die auch Sprecherin der Plattform www.sexualerziehung.at ist, dass die Kinder über schlechte Erfahrungen zuhause oft wenig erzählen, „weil sie in ihrer kindlichen Scham verletzt sind und sich genieren“, auch „weil sie dafür manchmal nicht die passenden Bedingungen finden, weil es für die Eltern selbst ein peinliches Thema ist“. Auch seien nur wenige Eltern bereit, sich öffentlich zu äußern, weil sie „Angst haben vor Unverständnis der Lehrer und Direktoren und auch der anderen Eltern, weil sie sich ,rückständig‘ fühlen oder weil sie noch kleinere Geschwister an der Schule haben und ihnen keine Schwierigkeiten bereiten wollen“. Kesselstatt kritisiert, dass die Referenten beider Institutionen, die solche Workshops in Vorarlberg anbieten, ihre Ausbildung beim „Institut für Sexualpädagogik“ (ISP) Dortmund erhielten, das auch Lehrgänge im Vorarlberger Schloss Hofen betreibt. Über diese Einrichtung schrieb die Historikerin Gudula Walterskirchen in „Die Presse“: „Dessen Mitgründer und Vorstand, Uwe Sielert, vertritt eine in Deutschland und der Schweiz höchst umstrittene Sexualpädagogik. Sein Lehrer und ,väterlicher Freund‘ war der mittlerweile geächtete Helmut Kentler, der in den 1970er Jahren obdachlose Jugendliche bewusst bei vorbestraften Päderasten unterbringen ließ, die sie dann missbrauchten.“ Tatsächlich hat der bekennende Homosexuelle Kentler, der über Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung und im Beirat der Humanistischen Union war, die von Walterskirchen geschilderten Straftaten erst nach deren Verjährung öffentlich bekannt gemacht.

Altersgerechte Antworten auf Fragen der Kinder

Zurück nach Vorarlberg: Der Leiter des diözesanen EFZ, Edgar Ferchl-Blum, erklärt die Verwendung von Kondomen und Erläuterungen von Oralverkehr in Volksschulen auf Anfrage der „Tagespost“ so: „Offensichtlich haben Kinder diese Fragen gestellt. Die Referenten haben versucht, darauf, so wie auf alle Fragen, eine altersgerechte Antwort zu geben.“ Diese Themen seien aber „dezidiert kein Bestandteil des Workshop-Programms“. Homosexualität werde erklärt, „sofern Kinder Homosexualität thematisieren“. Auf die Frage, ob er die geschilderten Vorgänge für altersgemäß halte, antwortet Ferchl-Blum: „Durch die veränderte Medienwelt sind Kinder heute oft mit Bilderwelten konfrontiert, die nicht ihrem Entwicklungsstand entsprechen. Auf diesem Hintergrund stellen sie auch Fragen, welche die Referentinnen altersgerecht zu beantworten suchen.“ Dass das nicht wirklich gelingt, dass vielmehr Kinder auch verstört und angeekelt reagieren, räumt der Leiter des EFZ ein: „Kinder haben in diesem Altersabschnitt oft einen sehr unterschiedlichen Entwicklungsstand was das Thema ,Sexualität‘ betrifft, und das kann mitunter zu solchen Reaktionen führen.“

Ferchl-Blum bestätigt, dass Lehrer beim Workshop selbst nicht anwesend sind. Das erleichtere die Offenheit bei den Schülern. Die Ermahnung, nur mit den Eltern über die Themen des Workshops zu reden, begründet er damit, dass die Kinder nicht auf dem Pausenhof oder auf dem Schulweg bloßgestellt werden sollen. Von Seiten des EFZ werde stets ein Elternabend angeboten, bei dem die Inhalte und die verwendeten Materialien besprochen werden. Ferchl-Blum, der in der Diözese Feldkirch auch für Homosexuellen-Pastoral verantwortlich ist, versichert, dass Qualitätskontrollen regelmäßig durchgeführt würden. So sei drei Monate vor Bekanntwerden der Vorwürfe ein Modul gestrichen worden: die Box mit anonymen Fragen der Kinder. Nach Angaben der Verantwortlichen in Feldkirch haben nicht alle Workshop-Leiter die Ausbildung beim ISP Dortmund durchlaufen. Ob er auch Personal einsetzen würde, das die Ausbildung andernorts absolvierte? „Prinzipiell ja“, meint Ferchl-Blum. Mit seinen Workshops erreicht das EFZ pro Jahr rund 1 600 Kinder und Jugendliche.

Auf die Frage, welche Rolle die christliche Sicht der Sexualität in den Workshops spiele, antworten Ferchl-Blum und der Referent von Bischof Elbs, Reinhard Maier, fast gleichlautend: Man orientiere sich am 7. Kapitel von „Amoris laetitia“. Ja, Bischof Elbs habe „die Vorwürfe sehr ernst genommen und den Vorstand und die Leitung des EFZ mit der Prüfung beauftragt“, so Maier zur „Tagespost“. Ob der Bischof die geschilderten Inhalte und Methoden der Workshops für altersgemäß erachte? Dazu sein Referent: „Die teilweise geschilderten Details sind es gewiss nicht. Der Vorstand des EFZ hat eine externe Prüfung und Evaluierung dieser Fragen in Auftrag gegeben.“ Maier versichert, dass die Arbeit der vom EFZ verantworteten sexualpädagogischen Workshops „grundsätzlich von hohem Verantwortungsbewusstsein und großer Sensibilität für eine altersgerechte Sexualaufklärung getragen ist“. Das sei in einer „übersexualisierten Gesellschaft“ nicht einfach: „Nicht wenige Kinder haben über Internet und Smartphones Zugang auch zu Pornodarstellungen und bringen die dort aufgefangenen Bilder oder Wörter in den Pausenhof oder die Klasse mit.“

In einem Brief an die Vorarlberger Landesregierung vom 28. März 2017 weist das EFZ die „geäußerten teilweise diffamierenden Anschuldigungen klar zurück“. Ziel der Workshops sei, „Kinder zu stärken und sie zu einem selbstbestimmten, positiven, wertschätzenden, sensiblen Umgang mit dem eigenen Körper, dem Körper anderer und dem Wunder des Lebens zu befähigen“. Dabei würden die Fragen der Kinder ernst genommen, „nicht aber umgekehrt ideologische Standpunkte vermittelt“. In den Volksschulen gebe es eine steigende Nachfrage nach Sexualpädagogik-Workshops, weil „rund die Hälfte der Kinder unter anderem über ihre Smartphones bereits Kontakt mit Pornobildern und -filmen hatten“. Diese Kinder sollten „mit ihren Erfahrungen nicht alleingelassen werden“.

Die Plattform www.sexualerziehung.at wandte sich unterdessen hilfesuchend an Österreichs Bischöfe, die im März ihre Vollversammlung in Vorarlberg abhielten. In einer Petition heißt es, die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ziele auf die Kleinsten und Wehrlosesten, „auf die unkontrollierte Sexualisierung unserer Kinder in den Schulen und Kindergärten“. Die Bischöfe sollten sicherstellen, dass diese Pädagogik weder an kirchlichen Hochschulen noch an katholischen Schulen vermittelt wird.