„Alle müssen die Rente stützen“

Sozialforscher Stefan Sell: Beitragszahler allein sind überfordert. Von Robert Luchs

Playmobilfiguren auf einer Holzwippe: Rechts sind fünf Figuren zu sehen, die ältere Menschen symbolisieren, links steht eine Mutter mit einem Kind im Kinderwagen. Das Rentensystem in Deutschland ist familienfeindlich, ungerecht und nicht demografiefest. Foto: dpa
Playmobilfiguren auf einer Holzwippe: Rechts sind fünf Figuren zu sehen, die ältere Menschen symbolisieren, links steht ... Foto: dpa

Das deutsche Rentensystem schafft es nicht mehr, Normalverdiener ausreichend abzusichern. Das ist die Wahrnehmung des Sozialforschers Professor Stefan Sell von der Hochschule Koblenz. Der Wissenschaftler sieht das Grundproblem darin, dass die Rentenversicherung fast ausschließlich von den sozialversicherungspflichtigen Einkommen der Arbeitnehmer bezahlt wird. Diese Einkommen wachsen viel langsamer als der allgemeine Wohlstand, wie Sell in einer Renten-Dokumentation darlegt.

Befragt, ob er für eine grundlegende Rentenreform plädiere, antwortet Sell: „Absolut, weil die Beitragszahler überfordert sind“. Wenn es das Ziel sei, die Menschen halbwegs vernünftig zu versorgen, dann müssten mehr Finanzmittel organisiert werden. Daran führe kein Weg vorbei. Der Sozialwissenschaftler verweist auf die Schweiz, wo alle Bürger in die Rentenversicherung einzahlen, selbst die Spitzenverdiener. Dadurch sei die Einnahmebasis größer als hierzulande. Deshalb plädiert Sell dafür, die fehlenden Mittel der Rentenversicherung auch in Deutschland bei den höheren Einkommen zu holen. Man müsse darüber reden, Kapital und dessen Wertzuwachs stärker heranzuziehen. Sell: „Denn die Gutverdiener beteiligen sich heute nur indirekt über die Steuerzuschüsse an der Rentenfinanzierung.“

Nur mit einer breiteren Finanzierung lasse sich die Gefahr vermeiden, dass in Zukunft immer mehr Normalverdiener in die Altersarmut abrutschen. Sell verweist in diesem Zusammenhang auf Beschäftigte in den neuen Bundesländern. Dort lebten viele mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, die dann oft viel weniger verdient hätten als im Westen. „Von denen werden viele eine Rente beziehen, die nicht oder nur sehr geringfügig über der Grundsicherung liegt.“ Das gelte selbst für Arbeitnehmer, die 30 oder 35 Jahre gearbeitet haben.“

Ab 2025 soll es in Ost- und Westdeutschland gleiche Renten geben. In mehreren Schritten werden ab 2018 die Ostrenten auf Westniveau angehoben. Und auch bei der Erwerbsminderung soll es in Zukunft eine Verbesserung geben.

Sell weist auch darauf hin, dass die Österreicher andere politische Weichenstellungen vorgenommen haben. Es gibt eine größere Gemeinschaft an Beitragszahlern, wie auch in der Schweiz. In Österreich zahlen alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung ein, auch Selbstständige. Neben dem höheren Rentenniveau sichern die von der Rentenversicherung ausbezahlten, steuerfinanzierten Ausgleichszulagen den Rentnern ein deutlich höheres Mindesteinkommen.

Der Rentenexperte verweist darauf, dass schon heute 2,85 Millionen Rentner in Deutschland als arm gelten. Laut Statistischem Bundesamt bekommt jeder Neunte im Monat weniger als 987 Euro. Besonders bedroht von Altersarmut sind Frauen. Trotz gleicher Arbeit und oft gleicher Qualifikation verdienen sie meist weniger als Männer. Außerdem haben sie Auszeiten durch Schwangerschaft und Kindererziehung. Danach arbeiten sie häufig in Teilzeit, um zum Familieneinkommen beizutragen und um nicht den Anschluss im Beruf zu verlieren. Dennoch zahlen sie insgesamt weniger in die Rentenkasse ein und bekommen am Ende des Berufslebens weniger heraus – im Durchschnitt nur 822 Euro. Nach einer Scheidung etwa können alleinstehende Frauen in finanzielle Not geraten.

Weitere Risiken für Altersarmut: Häufige Arbeitslosigkeit oder Jobs zum Niedriglohn. Inzwischen arbeitet laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jeder fünfte Vollbeschäftigte im Niedriglohnbereich. Geringverdiener zahlen nur wenig in ihre gesetzliche Altersvorsorge – und in private Rentensparverträge so gut wie gar nicht, weil sie oft nicht in der Lage sind, die Beiträge aufzubringen. Die Folge ist: Der Staat muss ihnen mit Hilfen das Existenzminimum sichern.

Wer heute in Rente geht, erhält noch knapp 48 Prozent des Durchschnittslohns als Rente. Ab 2030 werden nur noch 43 Prozent ausbezahlt. Hinzu kommt, dass ab 2040 die Rente komplett versteuert werden muss. Wer mehr will, als eine Rente auf Hartz-IV-Höhe, der muss 40 Jahre lang mindestens 2 100 Euro monatlich verdient haben.

Das Rentenniveau anzuheben, kostet viele Milliarden Euro. Die Politik schreckt bisher davor zurück. Sie möchte lieber die private Vorsorge attraktiver machen. Der Grund dafür ist: Die Riester-Rente bringt zu wenig Rendite, ist zu intransparent und gilt vielen als Flop. Im Gespräch ist daher eine sogenannte Deutschland-Rente, ein staatlich organisierter Fonds, in den alle Bürger einzahlen, um ihre Rente zu verbessern. In Norwegen funktioniert das schon; der dortige Staatsfonds erwirtschaftet seit zwanzig Jahren durchschnittlich rund fünf Prozent Rendite pro Jahr. Auch die Schweden machen damit gute Erfahrungen. Seit seinem Bestehen im Jahr 2010 erwirtschaftet der Staatsfonds eine Rendite von 14,3 Prozent jährlich.