„Aids ist für Jugendliche kilometerweit weg“

Die Vorsitzende der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e. V. (ÄGGF) warnt vor verhütungszentrierter Aufklärung

Die Bundesärztekammer ist besorgt über Schwangerschaften und Abtreibungen bei Mädchen. 2006 brachten Minderjährige 6 163 Kinder zur Welt, 6 590 Mütter unter 18 Jahren trieben ab. Regina Einig sprach darüber mit der Vorsitzenden der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e. V. (ÄGGF), Gisela Gille.

Wie sind Mädchen gestrickt, die minderjährig schwanger werden?

Zum einen gibt es die eher schwach begabten Mädchen, die von den Karriereansprüchen, denen sich Mädchen heute gegenübersehen, entmutigt werden. Muttersein ist für diese Mädchen dann auch ein Karriereweg. Viele Mädchen sind in liebeleeren Elternhäusern aufgewachsen und hatten nicht den nötigen emotionalen Rückhalt. Andere sind in Beziehungen zu Jungen sehr enttäuscht worden und wollen sich eine heile Welt schaffen, indem sie eine eigene kleine Familie gründen. Das ist natürlich eine Einbahnstraße. Viele sind auch nicht wirklich aufgeklärt. Es gibt ein „zu jung“ für sexuelle Beziehungen. Vielen Minderjährigen kann vorausschauendes Planen und Handeln aufgrund ihres Alters noch nicht generell abverlangt werden. Die Mutter muss ihnen den Turnbeutel noch in die Schule hinterherfahren, weil sie alles vergessen, und auf der anderen Seite verlangt man von ihnen in Bezug auf Sexualität einen Überblick, der nicht altersangemessen ist.

Greift die übliche Aufklärung zu kurz?

Ja, die sex- und verhütungszentrierte Aufklärung greift üblicherweise zu kurz. Wenn Mädchen in Form eines Verhütungskoffers verschiedene Möglichkeiten dargestellt werden, setzt sich das nicht um in „Was heißt das jetzt für mich?“. Vieles, was sie in den Medien erfahren, hat überhaupt nichts mit ihrer Lebensrealität zu tun. Nur über Sex und Verhütung zu sprechen hilft nicht: Man präsentiert ihnen eine Fülle von Informationen, die sie nicht mit konkreten Situationen verknüpfen. Wenn Minderjährige mit Halbwissen, Neugier und Beziehungssehnsucht der Banalisierung von Sexualität in den Medien und dem spürbaren Gruppendruck ausgesetzt sind und nicht begriffen haben, wie schützenswert ihr eigener Körper ist, dann ergibt das eine brisante Mischung.

Wirkt die Angst vor Aids nicht?

Aids ist für Jugendliche kilometerweit weg. Darin sehen sie eine Erwachsenenerkrankung. Sie haben auch ein sehr gutes Gespür dafür, dass Aids hauptsächlich in speziellen Gruppierungen Erwachsener anzutreffen ist. Minderjährige denken sich: „Mein kleiner Freund aus dem Nachbardorf hat Aids einfach nicht. Und die Statistik gibt ihnen recht. Die Wahrscheinlichkeit, an Aids zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter und mit zunehmender Partnerzahl. Wer 15 Jahre alt ist, einen 16-jährigen Freund hat und weiß, dass der zwar schon einmal eine Freundin hatte, die man aber auch kennt, denkt sich: „Da ist kein Aids...“.

Und die Gesprächskultur in den Familien?

Viele junge Mütter wären sicher gut in der Lage, mit ihrer Tochter zu reden und tun es sicher auch. Nur gehört es ja zur Pubertät, dass man seine Mutter nicht in dieses Thema zu eng mit einbezieht. Mütter können mit der Tochter bis zur Pubertät wunderbar reden – und die Chance sollten sie nutzen, ihr alles zu erklären, von dem sie meinen, dass es wichtig ist. Das hört sie und greift es noch unbelastet auf. In dem Moment, wo Mädchen einen eigenen Freund haben, kommen Mütter mit irgendwelchen Botschaften nur noch sehr schwer durch. Töchter drehen ab mit dem Satz „Ach Mama, was du immer denkst“. Wenn Mütter glauben, sie könnten über diese Phase hinaus die beste Freundin ihrer Tochter bleiben, werden sie oftmals sehr enttäuscht.