Afrikanische Wirklichkeit

In Kürze besucht der Papst Kamerun und Angola – Beide Länder gelten als stabil – Doch das will in Afrika wenig heißen

„Der Papst besucht zwei Länder, in denen die Kirche noch eine große Rolle spielt.“ So beschreibt der Präsident von missio München, Pater Eric Englert, die beiden afrikanischen Staaten Kamerun und Angola, Ziel der Reise von Benedikt XVI. auf den Schwarzen Kontinent. „In Angola ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung katholisch, in Kamerun immerhin noch ein Viertel. Es ist eine junge, lebendige Kirche mit vielen kleinen Christlichen Gemeinschaften, die versuchen, Spiritualität, soziales und kirchliches Engagement miteinander zu verbinden“, so der missio-Chef.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche will mit seiner Reise natürlich in erster Linie die katholischen Gemeinschaften in den beiden Ländern stärken, gleichzeitig will Benedikt XVI. aber auch das Augenmerk der Weltgemeinschaft auf Afrika lenken. In einer Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise, die vor allem die finanzkräftigen Staaten weltweit erfasst hat, möchte der Papst deutlich machen, dass über der Bewältigung eigener nationaler Probleme die vielen Länder Afrikas, die unter extremer Not zu leiden haben, nicht vergessen werden dürfen.

Angola ist Afrikas größter Ölförderer

Die ehemalige portugiesische Kolonie Angola wird seit nunmehr 30 Jahren von Staatspräsident Eduardo dos Santos regiert. Während in der Vergangenheit Hungersnöte, Korruption, und Bürgerkriege für internationale Schlagzeilen sorgten, herrscht seit einigen Jahren Aufbruchstimmung in dem schwarzafrikanischen Land. Die Wirtschaft verzeichnet zweistellige Wachstumsraten, OPEC-Mitglied Angola hat 2008 Nigeria als größten Ölförderer Afrikas abgelöst, die reichen Diamantenvorkommen gehören zu den hochwertigsten der Welt. Ab 2012 hofft die Regierung, Flüssiggas in großem Stile exportieren zu können.

Die Hauptstadt Luanda gilt als teuerste Stadt der Welt für Ausländer. Einfamilienhäuser sind für bis zu 60 000 US-Dollar im Monat zu mieten. Nicht nur in dieser Metropole, an allen Ecken und Enden des Landes wird gebaut, mit einem milliardenschweren Investitionsprogramm werden die in einem rund 40-jährigen Krieg zerstörten Straßen, Brücken, Flughäfen und Eisenbahnlinien wieder aufgebaut. Brasilianische, portugiesische und in großem Stil auch chinesische Bauunternehmen sind hier vertreten – schließlich fließen rund 50 Prozent des angolanischen Erdöls nach China.

Gleichzeitig bemüht sich die Regierung energisch um einen konzentrierten Wiederaufbau des Landes. „Als einen Eckpfeiler unseres nationalen Wirtschaftsprogramms haben wir die Entwicklung der Landwirtschaft, der Industrie, der Fischerei und des Bergbaus beschlossen, um dann die Einnahmen daraus in Bildung, Gesundheit, Wohnungsbau, Infrastruktur und Wasserversorgung zu investieren. Und mit diesem Programm begann Angola, sich in den letzten sechs Jahren so außerordentlich zu verändern“, beschreibt ein Regierungssprecher die Anstrengungen.

Zu tun ist noch viel. 1961 beginnt der Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal, der sich bis 1975 hinzieht, um dann übergangslos von Kämpfen rivalisierender Rebellengruppen abgelöst zu werden. Diese Auseinandersetzungen werden gleichzeitig zu einem west-östlichen Stellvertreterkrieg, denn die beiden wichtigsten Rebellengruppen, die MPLA und die UNITA, werden von Russland und seinen Verbündeten beziehungsweise von den USA und Südafrika unterstützt und mit Kriegsmaterial ausgestattet. Erst nach dem Tod von UNITA-Chef Jonas Savimbi im Frühjahr 2002 kommt es zum Friedensschluss mit der regierenden MPLA. Mehr als eine Million Tote und über zwei Millionen Flüchtlinge forderte der mörderische Krieg.

Trotz der umfangreichen Wiederaufbaumaßnahmen und der reichen Bodenschätze zählt Angola immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt. Jedes vierte Kind stirbt, bevor es fünf Jahre alt wird. Als größtes Problem gilt die Korruption. Nach Informationen der Weltbank verschwinden jährlich etwa 80 Millionen Euro aus dem Staatshaushalt. Auch sind immer noch hunderttausende Landminen über das ganze Land verstreut, Angola zählt zu den am stärksten verminten Ländern der Welt.

Vor diesem Hintergrund versucht die katholische Kirche des Landes, der etwa 88 Prozent der rund 10, 5 Millionen Einwohner angehören, den Menschen zu helfen. Neben dem Wiederaufbau der kirchlichen Infrastruktur, der längst noch nicht abgeschlossen ist, gehören soziale Projekte, aber auch Initiativen zur Überwindung der politischen Folgen des Bürgerkrieges zu den dringlichsten Anliegen. Heilung und Versöhnung sind ein langwieriger Prozess, zu tief sitzen bei vielen Menschen die Traumata von Krieg und Bürgerkrieg.

Einen „Waffenstillstand“ und „Frieden“ während des Papstbesuches in seinem Land erhofft sich Kameruns Kommunikationsminister Jean-Pierre Biyiti bi Essam. Dabei hat der Politiker allerdings keine Soldaten oder Rebellengruppen im Blick, vielmehr richtet sich sein Appell an die Medien. Sie sollten „doch bitte versuchen, auf eine Art und Weise zu berichten, die das Ansehen der Kirche im Land nicht beschädigt“. Rund 53 Prozent der etwa 17, 5 Millionen Einwohner des ehemaligen französischen Mandatsgebietes sind Christen, in jüngster Zeit sorgt jedoch das massive Auftreten von Sekten für Schlagzeilen – für die Medien des Landes ein willkommener Anlass, die christlichen Kirchen zu kritisieren und ihnen Schwächen vorzuwerfen, eine Kritik, die von den etwa 22 Prozent Muslimen des Landes gerne gesehen wird.

Kamerun gehört zu den wenigen politisch stabilen Ländern Afrikas. Zunächst wurde Ost-Kamerun im Januar 1960 unabhängig, das britische West-Kamerun folgte im Oktober 1961. Zunächst gehörte die Region zum deutschen Kolonialgebiet, bis der Völkerbund das Gebiet 1919 teilte und in ein französisch sowie britisch verwaltetes Gebiet umwandelte. Seit 1972 ist Kamerun eine Präsidialrepublik mit einer neuen Verfassung, deren Text letztmals 1996 geändert wurde. Das Parlament mit 180 Mitgliedern wird für fünf Jahre gewählt. Staatsoberhaupt ist seit 1982 Paul Biya. Regierungschef des Landes ist Ephraim Inoni seit 2004. Kamerun ist Mitglied des Commonwealth of Nations. Es ist das erste Land, das dem Bund beigetreten ist, ohne vorher eine Kolonie Großbritanniens gewesen zu sein.

Korruption und Unbildung sind Kameruns sozialer Sprengstoff

Die Folgen der ehemaligen Zweiteilung mit ihren unterschiedlichen Regierungs-, Verwaltungs- und Bildungssystemen sind bis auf den heutigen Tag zu spüren. Allerdings hatte sich die Bevölkerung in einer Volksabstimmung für die Wiedervereinigung entschieden, die allerdings nicht ohne Blutvergießen ablief. Der von den Franzosen eingesetzte erste Staatspräsident des neuen Kamerun, Ahmadou Ahidjo, gab sein Amt 1982 aus „Gesundheitsgründen“ an Paul Biya ab, der die Herrschaft seiner Partei mit brutaler Gewalt vor allem angesichts einer in den 1990er Jahren erstarkenden Protestbewegung konsolidierte.

In der Folgezeit gelang es Biya jedoch, durch eine wohldosierte demokratische Öffnung mit der Zulassung von Parteien, unabhängigen Medien und Wahlen, deren demokratischer Charakter aber immer wieder stark umstritten ist, das Land zu stabilisieren. Offenen Widerstand gegen die Vorherrschaft der Volksgruppe des Präsidenten, seiner Partei und der von Biya geförderten Eliten ist selten. Trotzdem stellen Korruption, Staatsversagen, vor allem im Bildungs- und Gesundheitsbereich, sowie die zunehmende soziale Ungleichheit Sprengstoff für die Gesellschaft des Landes dar. Kamerun ist ein schwelendes Pulverfass, das sich jederzeit entzünden kann.