Abgänge erschüttern Vatikan

Chronik einer zunehmenden Entfremdung: Die Entlassung Kardinal Müllers durch Papst Franziskus kam nicht überraschend – Auch die Beurlaubung von Kardinal Pell hat ihre Vorgeschichte. Von Guido Horst

Zogen schon lange nicht mehr an einem Strang: Papst Franziskus und Kardinal Müller, ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation. Foto: KNA
Zogen schon lange nicht mehr an einem Strang: Papst Franziskus und Kardinal Müller, ehemaliger Präfekt der Glaubenskongr... Foto: KNA

Rom (DT) Für vatikanische Verhältnisse ist es ein kleines Erdbeben, mit dem sich die römische Kurie in die Sommerferien verabschiedet: Nachdem der Leiter eines nicht unwichtigen Dikasteriums „vom Dienst freigestellt“ wurde, um sich in seiner australischen Heimat vor Gericht dem Vorwurf von lange Jahre zurückliegenden Missbrauchsvergehen zu stellen, hat Papst Franziskus den „erst“ 69 Jahre alten Präfekten der Glaubenskongregation entlassen. Nach nur einer Amtszeit von fünf Jahren wurde dessen Mandat nicht verlängert – während derjenige, der Gerhard Müller auf den einflussreichen Posten der einst „Suprema“ genannten, also der „höchsten“ Kurienbehörde berufen hatte, noch lebt: papa emerito Benedikt XVI. Eine Überraschung, ja ein Paukenschlag, mit dem viele nicht gerechnet hatten.

Die Beurlaubung von Kardinal George Pell vom Amt des Präfekten des Sekretariats für Wirtschaftsfragen schlug dagegen nicht ein wie eine Bombe: Der ehemalige Erzbischof von Sydney, 2014 von Papst Franziskus nach Rom berufen und neben seiner Tätigkeit als „Wirtschaftsminister“ des Vatikans auch Mitglied des Rats der neun Kardinäle, die den Papst bei der laufenden Kurienreform beraten, steht seit geraumer Zeit im Visier der australischen Behörden: zunächst wegen des Vorwurfs, an der Vertuschung von Straftaten pädophiler Priester mitgewirkt zu haben, dann wenn Anklagen, sich selber vor etwa fünfzig Jahren des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen schuldig gemacht zu haben. Beides, die Beurlaubung von Kardinal Pell und die Entlassung von Kardinal Müller, sind ungewöhnliche Vorgänge für eine römische Kurie, die eines scheut wie der Teufel das Weihwasser: Aufsehen zu erregen und in die Schlagzeilen zu geraten. Dass sie jetzt zeitlich zusammenfielen, erhöht das Gewicht, mit der sie auf die Stimmung hinter den „heiligen Mauern“ drücken. Und dass beide, Müller und Pell, zu den kritischen Begleitern des synodalen Prozesses zu Ehe und Familie gehörten, die die mit „Amoris laetitia“ eröffnete neue Haltung gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen nicht mittragen wollen und somit von den Medien zu den Gegenspielern von Papst Franziskus gerechnet werden, macht die Sache auch nicht leichter: Verschwörungstheoretiker erhalten zusätzliche Nahrung für ihre Verdächtigungen, Franziskus säubere den Vatikan von Mitarbeitern, die seinen Kurs nicht mittragen beziehungsweise diesen mehr oder weniger offen kritisieren.

Eine Vakanz an der Spitze der Glaubenskongregation ist nicht entstanden: Mit der Mitteilung des vatikanischen Presseamts vom vergangenen Samstag, dass Papst Franziskus Kardinal Müller für seine fünfjährige Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation, als Präsident der Kommission „Ecclesia Dei“, der Päpstlichen Bibel-Kommission und der Internationalen Theologischen Kommission danke, kam auch die Ernennung des „Neuen“: In allen vier Funktionen tritt der bisherige Sekretär der Glaubenskongregation, der noch von Papst Benedikt auf diesen Posten berufene spanische Theologe und Jesuit Luis Francisco Ladaria Ferrer die Nachfolge von Kardinal Müller an. Das klingt nicht nach einem Kurswechsel, den Franziskus der Glaubenskongregation nun verordnen wollte.

Müller-Nachfolger Ladaria steht nicht für Kurswechsel

Immer wieder war in den vergangenen Monaten über einen neuen Präfekten des ehemaligen Heiligen Offiziums spekuliert worden und dann fielen Namen wie die von Erzbischof Bruno Forte von Vasto-Chieti, einer Schlüsselgestalt des synodalen Prozesses zu Ehe und Familie, oder des Papst-Vertrauten Erzbischof Victor Manuel Fernandez, Rektor der Katholischen Universität von Argentinien in Buenos Aires, der dem Papst Texte schreibt und zu den Autoren von „Amoris laetitia“ gehören soll – oder auch der des Wiener Kardinals Christoph Schönborn, der das postsynodale Schreiben zu Ehe und Familie vor über einem Jahr den Medien vorgestellt hat. Erzbischof Ladaria passt nicht in dieses Muster. Er ist ein eher moderater und konservativer Theologe, ein Mann des Studiums – und zwar der Kirchenväter und der frühen Kirche – und nicht der Medien, der von Papst Franziskus zusätzlich die Aufgabe erhalten hat, die Kommission zu leiten, die sich im Vatikan mit den möglichen Frühformen eines Diakonats von Frauen in der jungen Kirche befassen soll. Der Wechsel in der Leitung der Kongregation steht eher im Zeichen der Kontinuität.

Ladaria stammt von der Insel Mallorca, seine Muttersprache ist die des Papstes und mit diesem verbindet ihn auch die geistige Heimat: die Gesellschaft Jesu. Er hat auch an der Philosophisch-Theologischen Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen studiert und spricht Deutsch. Seine „Karriere“ in römischen Diensten war nicht spektakulär: Zunächst Professor für Dogmatik und auch Vize-Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, ab 1995 Berater der Glaubenskongregation und seit 2004 Sekretär der Internationalen Theologenkommission der Glaubenskongregation, wurde er 2008 von Benedikt XVI. zum Sekretär der Kongregation ernannt, die er also bestens von innen kennt. Allerdings ist Ladaria schon 73 Jahre alt und könnte in zwei Jahren einen Nachfolger erhalten.

Anders verliefen die römischen Jahre von Kardinal Müller. Am 2. Juni 2012 trat er sein Amt an, weswegen seine fünfjährige Amtszeit genau am vergangenen Sonntag endete. Da er sich zu diesem Zeitpunkt aber in Mainz aufhielt, um mit seinem Abiturjahrgang das fünfzigjährige Jubiläum und im Dom einen Gottesdienst zu feiern, dürfte er erst gestern oder heute seinen Arbeitsplatz im Palazzo der Glaubenskongregation geräumt haben. Das Ende der Amtszeit muss also überraschend gekommen sein. Am vergangenen Freitag hat Franziskus den Glaubenspräfekten in Audienz empfangen. Gegenüber der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“ erklärte der Kardinal am Samstag, der Papst habe ihm dabei mitgeteilt, er wolle dazu übergehen, die Amtszeiten der Kurienleiter generell auf fünf Jahre zu begrenzen. Und er sei einfach der Erste gewesen, bei dem Franziskus dies umgesetzt habe. Man wird also verfolgen können, ob der Papst bei den anstehenden Mandatsverlängerungen die Präfekten und Präsidenten römischer Dikasterien tatsächlich nach nur fünf Jahren wieder nach Hause schickt oder mit anderen Aufgaben betraut.

Franziskus und Müller im entscheidenden Punkt uneins

Der frisch ernannte Präfekt Müller war 2012 knapp fünf Monate in Rom, es kam das Konsistorium vom 24. November – und Papst Benedikt ließ ihn bei der Kardinalskreierung leer ausgehen. Der Chef der „Suprema“ musste nochmals bis Februar 2014 warten, bis ihm schließlich Franziskus das rote Birett auf das Haupt setzte. Das war die Zeit, als Kardinal Walter Kasper beim nicht öffentlichen Teil desselben Konsistoriums seinen „key note speech“ zum Sakramentenempfang der Wiederverheirateten hielt und damit – auf Wunsch von Papst Franziskus – den quälenden Prozess des Ringens um die Sakramentenpastoral in Gang setzte, der mit „Amoris laetitia“ (formal) endete und in dessen Verlauf Kurie, Kardinalskollegium und Weltepiskopat in zwei Lager zerbrachen. Man kann es drehen und wenden, wie man will, und man muss die einzelnen Stationen dieses Wegs nicht im Einzelnen nachzeichnen, aber von Anfang an zeigte sich: Im entscheidenden Punkt, der dann in zwei Fußnoten des Kapitels acht von „Amoris laetitia“ seinen Ausdruck fand, stand Franziskus auf der einen und sein Glaubenspräfekt auf der anderen Seite.

In der Mitte der ersten Familiensynode, nach der Vorstellung des Zwischenberichts der Synodenleitung durch den ungarischen Kardinal Peter Erdö und Erzbischof Bruno Forte, kam es zum Aufstand in der Synodenaula und der, der am lautesten gegen die doch sehr zielgerichtete Regie der Synodenleitung protestierte, war Kardinal George Pell. Zu Beginn der zweiten Synode gehörte Müller zu den dreizehn Kardinälen, die in einem Brief an den Papst ihre Sorge über diese Form der Synodenregie zum Ausdruck brachten: Die Ergebnisse, so die Schreiber des Briefs, stünden bereits fest und die Teilnehmer der Synode seien bloß Statisten. Franziskus war überaus verärgert und erinnerte in einer zweiten, überraschend gehaltenen Ansprache zur Synodeneröffnung an den päpstlichen Primat.

Es kam „Amoris laetitia“ und der Papst wählte als theologischen Kommentator für die Pressekonferenz zur Vorstellung des Schreibens nicht den Präfekten der Glaubenskongregation, sondern Kardinal Schönborn, den Erzbischof von Wien. Kardinal Müller ließ sich einige Wochen Zeit, um dann von Madrid aus zu bekräftigen, dass auch „Amoris laetitia“ im Lichte des Lehramts von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gelesen werden müsse. Der Papst und sein Glaubenspräfekt zogen nicht mehr an einem Strang. Als Franziskus schließlich vor einigen Monaten drei langjährige Mitarbeiter der Glaubenskongregation nach Hause schickte, er weder ihnen noch dem Präfekten Müller die Gründe hierfür nennen wollte, und sich der Kardinal in Interviews darüber beklagte, war es nur noch sehr schwer, hier etwas anderes als ein schwerwiegendes Zerwürfnis zwischen den beiden zu vermuten.

Ob der 76 Jahre alte George Pell an seinen Schreibtisch im vatikanischen Wirtschaftssekretariat zurückkehren wird, kann sich erst nach der Vernehmung in Australien zeigen. Am 18. Juli beginnt die Verhandlung. Pell hatte gesundheitliche Gründe angegeben, als er im vergangenen Jahr eine erste Befragung durch Ermittler der australischen Kommission über Missbrauchsvergehen von Klerikern nicht in seiner Heimat, sondern per Videoschaltung aus Rom über sich ergehen lassen musste. Jetzt wird es ernst. Als Vatikansprecher Greg Burke am vergangenen Hochfest Peter und Paul morgens um 8.30 Uhr gemeinsam mit Pell vor die Journalisten trat – eine sehr ungewöhnliche Zeit für Erklärungen im vatikanischen Pressesaal –, fehlte die übliche Beteuerung der Unschuldsvermutung für den Beklagten. Stattdessen sprach Burke den australischen Behörden das Vertrauen aus. Und er wies darauf hin, dass Kardinal Pell ab sofort nicht mehr an liturgischen Handlungen im Vatikan, auch nicht denen des gleichen Tags, teilnehmen werde. Eine Erklärung am Rande, die aber nichts Gutes vermuten lässt.