Ägyptens Revolution geht weiter

Die Christen am Nil fürchten den politischen Islamismus und die Beharrungskräfte des alten Regimes – Die Jugend machte Hoffnung auf echten Wandel. Von Stephan Baier

In der Nacht schlug das Regime doch noch zu. Ein abgefackelter Bus am Samstagmorgen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Im Hintergrund die ausgebrannte Parteizentrale Mubaraks und – hinter Rauchschwaden – das weltberühmte Ägyptische Museum. Foto: sb
In der Nacht schlug das Regime doch noch zu. Ein abgefackelter Bus am Samstagmorgen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Im Hi... Foto: sb

Plötzlich Schüsse. Erst vereinzelt, dann immer wieder Salven. Ab zwei Uhr nachts versucht die Armee vergeblich, den mittlerweile legendären Tahrir-Platz, den „Platz der Befreiung“ im Herzen Kairos, zu räumen. Soldaten schießen zunächst in die Luft, die Demonstranten reagieren mit Steinen. Bis spät in die Nacht hinein hatten Hunderttausende am Freitag in Kairo auf dem Tahrir-Platz demonstriert und gefeiert.

Es war eine Mischung aus Manifestation und Familienausflug: Eine Gruppe Vollverschleierter präsentiert ihre Forderungen, daneben schreit ein junges Mädchen im roten T-Shirt seine Wut gegen das Militärregime in ein Megaphon. Familien kauern am Boden, Straßenhändler verkaufen Revolutionssouvenirs: Fahnen, Hüte, Anstecker und Aufkleber in den Landesfarben rot-weiß-schwarz. Einige verkaufen Nüsse, Popcorn und Waffeln. Mitten im ägyptischen Fahnenmeer sind die palästinensische und die alte libysche Flagge zu sehen. Auch gegen Gaddafi wird hier demonstriert, doch vor allem wollen die Massen einen Prozess gegen Langzeitdiktator Hosni Mubarak, die Abschaffung des berüchtigten und lange gefürchteten Sicherheitsdienstes, die Aufhebung der Notstandsgesetze und das baldige Ende des Militärregimes.

Kopftücher in allen Farben sind da zu sehen: vom landesfremden schwarzen Niqab bis zum neonfarbenen Kopftuch, das mehr modisches Accessoire scheint als religiöses Symbol. Die Reporterin von Al-Jazeera berichtet in Jeans und mit offenen Haaren auf dem Dach eines alten VW-Busses live von der Demonstration. Daneben verrichten fromme Muslime ihre Gebete inmitten der ausgelassenen Menge. Die Redner schreien ihre Botschaften konkurrierend in die Mikrophone. „Allahu akbar!“, brüllt einer ständig, bis ihm die Menge deutet, er solle jetzt den Mund halten. Sie wollen einen anderen hören. Einigkeit besteht nur in der Gegnerschaft zum alten Regime, nicht in den Forderungen.

„Speakers' Corner“ und Volksfest – das war am Nachmittag nach dem Freitagsgebet. Am Samstagmorgen dominieren Wut und Trauer. Auf dem Platz stehen zwei ausgebrannte Militärfahrzeuge. Eine heulende Frau berichtet von fünf Toten und unzähligen Verletzten. Ein junger Muslim schildert, wie die Armee den Platz gewaltsam zu räumen versuchte. Jugendliche versperren alle Zufahrtsstraßen mit drei Reihen Stacheldraht. Andere bauen Zelte auf – entschlossen, der Gewalt zu trotzen und auf dem Tahrir-Platz auszuharren. Überall liegen Steine und Glassplitter, ein geschockter Mann zeigt Patronenhülsen. Erschöpfte Kämpfer liegen auf den Grünflächen. In Seitengassen stehen gepanzerte Armeefahrzeuge. Ein Pulk beschimpft einen Passanten, der als ein Mann des Systems gilt. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Müllhaufen brennen.

Nein, Ägyptens demokratische Revolution ist auch zwei Monate nach dem Rücktritt Mubaraks und der offiziellen Machtübernahme der Armee nicht beendet. Wenn es dafür eines Beweises bedurft hätte, so wurde er mit dem blutigen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz am frühen Samstagmorgen erbracht.

Das mit 83 Millionen Einwohnern größte Land der arabischen Welt ist seit Jahresbeginn – seit dem blutigen Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria – nicht zur Ruhe gekommen. Dass für dieses Attentat nicht islamistische Terroristen verantwortlich waren, sondern der frühere Innenminister, ist in Kairo mittlerweile Konsens. Das Regime wollte die Aufmerksamkeit auf die Spannungen zwischen Christen und Muslimen lenken, meint ein gebildeter junger Kopte im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Inland habe man die Angst vor Destabilisierung geschürt, im Ausland die Sorge um eine Islamisierung Ägyptens. Tatsächlich hat der Innenminister noch im Moment des Untergangs die Gefängnistore für die Schwerkriminellen geöffnet, um das Land ins Chaos zu stürzen und so die eigene Macht zu retten.

Doch die Kopten fürchteten die Knüppel der Polizei nicht mehr. Und viele Muslime schlossen sich ihren Demonstrationen an. Das Kreuz im Halbmond, heute an Hausmauern und auf Plakaten zu sehen, wurde zum Symbol eines patriotischen Aufstands. „Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft Ägyptens betrifft“, sagt der koptisch-katholische Bischof Youhanna Golta im Gespräch mit der „Tagespost“. „Es gab eine Revolution, in der wir nicht Muslime oder Christen oder Atheisten waren, sondern Ägypter. Während der Revolution haben die hunderttausenden Jugendlichen nicht ein einziges Mal eine religiöse Parole gerufen. Das war eine ägyptische, zivile Revolution, die nach Freiheit und Gerechtigkeit suchte. Wenn ich auf dem Tahrir-Platz war, habe ich nie eine islamische Parole gehört.“ Es sei die Jugend der Mittelklasse gewesen, die diese Revolution betrieb, „nicht die Söhne der Minister oder Generäle“. Nun aber kommt die Krise, gesteht auch Bischof Golta: „Die Islamisten wollen die Revolution für sich beanspruchen, wollen ein islamisches Land. Die Jugend und auch die Mehrheit des Volkes weist das zurück!“ Golta bleibt zuversichtlich: „Ägypten wird niemals ein Land mit islamistischem System. Das ist gegen die Natur der Ägypter. Kopten und Muslime lebten hier immer zusammen. Wir sind nicht wie Saudi-Arabien, Algerien oder Libyen. Wir werden fünf bis sechs Monate große Schwierigkeiten haben, aber es wird gelingen!“

Diesen Optimismus teilen nicht alle: „Das war doch keine Revolution!“, meint ein koptisch-orthodoxer Intellektueller. „Die Armee hatte vorher die Macht, und sie hat sie auch heute.“ Nur die Spitze sei ausgetauscht worden, aber der Geheimdienst arbeite unverändert weiter, die Armee besitze die Hälfte des Landes und der regierende Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi sei doch immer ein Mann des alten Regimes gewesen. Auch sei die Armee bis in die Spitze hinauf von der Muslimbruderschaft unterwandert, so seine These. Die USA, die Tantawi die Führung Ägyptens überließen, seien mit der Muslimbruderschaft wie mit der Armee stets im Kontakt gewesen, denn sie bräuchten Ägypten als sunnitisches Gegengewicht zum Iran.

Andreas Jacobs winkt ab: Die Muslimbruderschaft brauche keine offizielle Machtübernahme, meint der Repräsentant der „Konrad-Adenauer-Stiftung“ in Kairo. Ihre Agenda der Islamisierung habe sie längst erfolgreich abgeschlossen. „Die Muslimbruderschaft, das ist der Mainstream“, so Jacobs. Mubarak habe die Islamisierung der Gesellschaft zugelassen, um die Islamisierung des Staates zu verhindern. „Alles außer der Machtfrage“ sei der Muslimbruderschaft möglich gewesen. Derzeit aber gebe es innerhalb der Bruderschaft drei bis vier Fraktionen, von denen eine ganz gegen ein parteipolitisches Engagement sei. Wirkliche Sorgen machen Jacobs dagegen die seit kurzem öffentlich agierenden Salafisten, die gegen die Christen hetzen.

Vor allem bei den orthodoxen Kopten machen sich Sorgen breit: Jeden Tag gibt es neue Horrormeldungen, etwa von dem Prediger, der drohte, dass allen Mädchen ohne Kopftuch Säure ins Gesicht geschüttet werden solle, oder von dem Kopten, dem radikale Muslime ein Ohr abschnitten. Christen werden attackiert, Klöster angegriffen.

„Die meisten Muslime sind friedliche Leute und wollen keine Radikalisierung“, sagt der koptisch-katholische Bischof Antonios Aziz Mina in Gizeh. Auch seien die Muslime untereinander völlig zerstritten. Sein Mitbruder Youhanna Golta meint: „Wir sind hier im Orient, wo man ein doppeltes Gesicht hat. Das haben Europa und Amerika nie verstanden. Das äußere Gesicht zeigt uns als religiöse Muslime oder Christen, mit Koran oder Kreuz. Aber das alltägliche Leben ist westlich: Wir tun alles, was man auch in Europa macht.“ Er sei ganz sicher, dass die Muslimbruderschaft und die Salafisten keine Mehrheit hinter sich haben. Außerdem: „Es gibt zwischen ihnen keine Zusammenarbeit. Nur die Salafisten lehnen die Präsenz der Christen ab. Die Muslimbrüder suchen das Gespräch mit uns. Unter Mubarak haben wir in Angst gelebt. Mein Telefon wurde abgehört, mein tägliches Leben überwacht. Jetzt ist die Angst vor dem Sicherheitsdienst und der Armee beendet“, so Bischof Golta.

Auf der Fahrt von Kairo nach Alexandria biegen wir ab ins Wadi Natrun. Kurz vor dem traditionsreichen Kloster des heiligen Bishoy, wohin Sadat einst den koptisch-orthodoxen Papst Schenouda verbannte, sitzt an einer Straßensperre ein Mönch mit dunkler Sonnenbrille, flankiert von zwei stämmigen Wächtern. Als der Innenminister die Gefängnistore öffnete, wurde das Kloster von Kriminellen angegriffen. Auf Empfehlung der Armee schützten sich die Mönche mit einer zusätzlichen Mauer, die der Staat dann aber mit Bulldozern wieder abreißen ließ. „Zu politischen Fragen werde ich mich nicht äußern“, sagt ein junger Mönch im Kloster dazu nur abwehrend.

In Alexandria residiert der Apostolische Vikar für die Katholiken des lateinischen Ritus, Bischof Adel Zaky. Der Franziskaner macht aus seiner Sicht der Dinge kein Geheimnis: „Die Revolution des 25. Januar kam aus der Jugend, von der wir gedacht hatten, sie denke nur an sich selbst, nicht an das Wohl des Vaterlands oder der Allgemeinheit. Aber tatsächlich hat uns die Jugend ein anderes Beispiel gegeben.“ Die Gesellschaft sei „in einem erbärmlichen Zustand“ gewesen. Bisher jedoch sei nur „der Kopf entfernt“ worden, „aber der Körper ist geblieben, jener Körper, der das Land regiert hatte. Da sind noch tausende Mitglieder der Partei, verstreut über ganz Ägypten, die weiter regieren. Also, was hat sich geändert? Wir haben eine Konterrevolution, denn dieser ganze Körper kämpft gegen die Revolution. Das ist eine Katastrophe!“

Nun sei es zwar gelungen, den Präsidenten zu stürzen, aber es brauche viel mehr Geduld, das System selbst zu ändern. „Es braucht eine wirkliche Veränderung, auch im Inneren: in den Werten, im Leben, im Verhalten. Alles muss erneuert werden. Deshalb glaube ich, dass diese Revolution ein Wirken des Heiligen Geistes war. Aber es muss jetzt weitergehen“, sagt Bischof Adel Zaky zur „Tagespost“. Und weiter: „Das ist das Neue der Revolution: Diese Jugend will ein ziviles, laikales Ägypten. Ob man Christ oder Muslim ist, spielte dabei keine Rolle. Das ist die wahre Geschichte der Revolution! Sobald aber die Religion in den Mittelpunkt gestellt wird, kommt die Spaltung. Und das ist es, was das Regime will!“

Viele Christen im Land setzen auf den koptischen Unternehmer und Milliardär Naguib Sawiris, der vor einigen Tagen eine neue Partei ins Leben gerufen hat. Diese Partei würde sie wählen, bestätigt eine aus Oberägypten stammende Ordensschwester in Kairo. Sawiris, der als Eigentümer eines Mobiltelefonnetzes ein Vermögen machte und auch einen populären Fernsehsender besitzt, habe nicht nur Kopten, sondern immer auch Muslime beschäftigt. Er sei sicher nicht korrupt, meint die katholische Schwester. Der Unternehmer hat mittlerweile dazu aufgerufen, jeder Kopte, der in seine „Partei der freien Ägypter“ eintrete, solle zwei Muslime mitbringen. Nur so kann der Geschäftsmann bei den Wahlen im September erfolgreich sein. Noch aber hat die demokratische Revolution in Ägypten nicht gesiegt.