„71 Prozent der US-Katholiken sind hochreligiös“

Martin Rieger, Religionsexperte der Bertelsmann-Stiftung, über Glaube in Amerika

Der „Religionsmonitor“ ist ein Projekt der Bertelsmann Stiftung. Er will Auskunft geben über die Rolle der Religion in modernen Gesellschaften. Dazu wurden im Sommer 2007 über 21 000 Personen in 21 Ländern repräsentativ befragt. Darunter auch in den Vereinigten Staaten. Martin Rieger leitet das Projekt. Mit ihm sprach Oliver Maksan.

Religion ist in Amerika allgegenwärtig. Wieso ist Amerika darin so anders als Europa?

Tatsache ist, dass von den Einwanderungswellen aller Zeiten auch immer sehr starke religiöse Motivationen in das Land mit hineingekommen sind. Ein hoch industrialisiertes Land, das gleichermaßen eine so hohe Religiosität hat, ist ziemlich einmalig.

Wie würden Sie denn die Rolle der Katholiken in den USA einschätzen. Traditionell ist Amerika eher protestantisch geprägt ...

Nach wie vor gelten 51 Prozent der amerikanischen Bevölkerung als protestantisch. Durch die starken Zuwanderungswellen aus Lateinamerika ist der Katholikenanteil in den letzten Jahrzehnten aber sprunghaft gestiegen, so dass man also von rund 24–25 Prozent Katholiken an der Gesamtbevölkerung sprechen kann. Vergleicht man das mit den etwa dreißig Denominationen des Protestantismus, dann merkt man, dass die Katholiken in der Tat die größte konfessionelle Gruppe darstellen. Mittlerweile sind sie auch in allen Bildungsschichten angekommen, dürfen inzwischen auch als eine Volksreligion gelten. Dabei gibt es gewisse Schwerpunkte, zum Beispiel im Westen oder Nordosten der USA. Dort sind es überdurchschnittlich viele. Aber ansonsten verteilt sich das über das ganze Land, so dass es bis auf wenige Ausnahmen im mittleren Westen eigentlich kaum ein Gebiet gibt, wo die katholische Kirche nicht auch eine ziemlich wahrnehmbare gesellschaftliche Gruppe darstellt.

Treten die Katholiken dort politisch geeint auf?

Traditionell gilt, dass sie stärker den Demokraten zuneigen. Das ist spätestens seit Kennedy natürlich offenbar und hat sich auch gehalten. Andererseits bildet sich diese traditionelle Symbiose im Wählerverhalten keineswegs mehr in dieser Ausschließlichkeit ab. Das hängt auch damit zusammen, dass alles vielfältiger wird, wo Einwanderungen stattgefunden haben.

Aber wodurch unterscheiden sich Katholiken vom Rest des Landes?

Bei den Katholiken konnten wir im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung nochmals eine überdurchschnittliche Religiosität festmachen. Das ist schon sehr signifikant. Wir verdichten ja im Grunde genommen die Ergebnisse des Religionsmonitors in den Kategorien hochreligiös, religiös, nicht religiös. Hochreligiös bedeutet wirklich intensiv religiös, das heißt Gott und ewiges Leben stehen im Mittelpunkt. Da haben wir amerika-weit 62 Prozent Hochreligiöse – was sehr viel ist im Vergleich zu Europa. Die amerikanischen Katholiken sind sogar zu 71 Prozent hochreligiös, also noch viel mehr als die Gesamtbevölkerung im Schnitt.

Haben Sie dafür eine Erklärung, warum der Katholizismus eine so hohe Bindungskraft hat?

Wir stellen grundsätzlich einen hohen Grad der Homogenität fest. Es gibt eine bestimmte Form von katholischem Milieu, von Katholisch-Sein, eine Form von Wir-Gefühl. Das lässt sich bei den protestantischen Gruppen aufgrund der Vielfalt der Abzweigungen so eben nicht behaupten. Andererseits werden die Katholiken in einer so hochreligiösen Gesellschaft wie der US-amerikanischen auch ihrerseits natürlich sehr stark geprägt.