500 Euro und eine Kalaschnikow

Die Menschen in Somalia leiden unter der Hungerkatastrophe und dem Terror der islamistischen Shabaab-Miliz. Erst am Dienstag starben 70 Menschen bei einem Bombenanschlag. Von Carl-H. Pierk

Somalia leidet nach wie vor unter einer dramatischen Hungersnot. Die Vereinten Nationen befürchten, dass hier in den kommenden Monaten noch Zehntausende sterben werden. Als wäre das nicht schlimm genug, versinkt das Land nun auch in Gewalt und Terror der islamistischen Shabaab-Miliz, die die internationale Hilfe seit Monaten behindert. Erst Anfang August hatte sich die radikal-islamische Miliz aus der Hauptstadt Mogadischu zurückgezogen, nachdem sie von Truppen der Afrikanischen Union bekämpft worden waren. Die somalische Übergangsregierung feierte das als Erfolg. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren war die Hauptstadt komplett in der Hand der Regierung.

Doch die dem Terror-Netzwerk Al-Kaida nahestehende Gruppe, die seit Jahren die von der UNO gestützte Übergangsregierung bekämpft, kündigte schon damals an, dass sie bald wieder zuschlagen werde. Der Rückzug sei nur ein Kräftesammeln vor neuen verheerenden Angriffen. Dies wurde als ein Zeichen der Schwäche gedeutet, weil die Milizen im Zuge der Dürre viel Zuspruch der Bevölkerung verloren hätten. Es handelte sich indes um ein taktisches Manöver. Wie befürchtet, meldete sich die Terrorgruppe blutig zurück. Die Miliz brachte am Dienstag in der Hauptstadt einen mit Sprengsätzen beladenen Laster vor Regierungsgebäuden zur Explosion. Mehr als 70 Menschen wurden getötet, etwa 150 weitere Personen seien verletzt worden, teilte das Büro des somalischen Präsidenten Scharif Scheich Ahmed mit. Nach Behörden-Angaben handelt es sich bei den meisten Opfern um Polizisten. Man habe Beamte der somalischen Übergangsregierung, Soldaten der Afrikanischen Union und andere Informanten töten wollen, erklärte ein Sprecher der islamistischen Miliz. Unter den Opfern sind auch zahlreiche Studenten, die im Bildungsministerium eine Prüfung ablegen wollten, um ein Stipendium für ein Studium im Ausland zu bekommen.

Somalia gilt schon lange als „failed state“, als gescheiterter Staat. Staaten gelten als gescheitert, wenn sie Kernfunktionen nicht mehr wahrnehmen können, etwa die Kontrolle des Territoriums oder den Schutz der Bevölkerung. Teile im Norden haben sich abgespalten. Es gibt keine funktionierende Zentralregierung. Große Gebiete in Zentral- und Südsomalia haben die Islamisten bereits unter Kontrolle. Interventionen der Vereinten Nationen sind gescheitert. Die Übergangsregierung kann sich nur mit Hilfe des Westens und der Afrikanischen Union halten. Die Shabaab-Miliz kämpft hingegen für einen islamischen Gottesstaat, der sich an einem weltweiten Dschihad beteiligt. Das ostafrikanische Somalia gilt als eines der Länder, in dem Christen extrem gefährdet sind.

Der in der Schweiz erscheinende Informationsdienst „Compass Direct“ berichtete jüngst von einem Somali namens Juma Nuradin Kamil, der von Anhängern der Shabaab-Miliz entführt worden war. Mitglieder seiner Untergrundgemeinde fanden den Leichnam an einer Straße am Rande der Stadt Hudur in der Region Bakool. Den Kopf hatten die Täter auf seine Brust gelegt. Vor drei Jahren hatte Juma Nuradin Kamil den christlichen Glauben angenommen. „Für die Shabaab ist es üblich, diejenigen zu enthaupten, von denen sie annehmen, dass sie Christen geworden sind“, berichtete ein örtlicher Gemeindeleiter gegenüber dem Informationsdienst.

Unter den etwa neun Millionen mehrheitlich muslimischen Einwohnern gibt es nur wenige einheimische Christen. Sie müssen ihren Glauben im Verborgenen leben. Erst im April dieses Jahres ermordeten Shabaab-Kämpfer im Süden von Somalia einen 21-jährigen Christen vor seinem Haus. Hassan Adwe Adan aus Shalambod war ein Christ muslimischer Herkunft. Anfang Januar wurde die 36-jährige Asha Mberwa aus der Ortschaft Warbhingly ebenfalls wegen ihres Glaubens getötet. Der vierfachen Mutter wurde vor den Augen von Nachbarn die Kehle durchgeschnitten.

Selbst vor makabren Mitteln schreckt die radikal-islamische Miliz nicht zurück, um ihre Ziele zu erreichen: Wer fleißig lernt, bekommt einen Preis – etwas Geld und dazu ein Sturmgewehr oder Handgranaten. In diesem Sinne veranstaltete der von der Shabaab-Miliz betriebene Rundfunksender „Radio Andulus“ einen Rezitierwettbewerb für Kinder, bei dem als Hauptpreis schwere Waffen verteilt wurden. Der Gewinner ging mit einem AK-47, also einem Kalaschnikow-Sturmgewehr, und einem Geldpreis in Höhe von umgerechnet 500 Euro nach Hause. Der Zweitplatzierte erhielt ebenfalls eine Kalaschnikow sowie rund 350 Euro. Der Drittplatzierte wurde mit zwei Handgranaten und 300 Euro belohnt. Zudem erhielten die Teilnehmer religiöse Bücher. Der Wettbewerb war während des Fastenmonats Ramadan in Elasha, zwanzig Kilometer von der Hauptstadt Mogadischu entfernt, ausgetragen worden. Zur Teilnahme aufgerufen waren Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 17 Jahren. Es war nicht die erste Veranstaltung dieser Art, wie das Internetportal allAfrica.com berichtete. Schon in den vergangenen zwei Jahren sollen Kinder bei ähnlichen Wettbewerben etwa um einen Raketenwerfer als Hauptgewinn gerungen haben.

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