Kolumbiens beschwerliche Suche nach Frieden

Ein hochkarätig besetztes Podium diskutiert die Lage in dem südamerikanischen Land. Von Josef Bordat

Juan Manuel Santos
Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos (r.) während einer Podiumsdiskussion auf dem 101. Deutschen Katholikentag in Münster am 10. Mai 2018. Foto: Julia Steinbrecht (KNA)

Im September 2016 hatten die kolumbianische Regierung und die Rebellen der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) ihren Willen bekundet, einen Krieg zu beenden, der 1964 begann und etwa eine Viertelmillion Menschen das Leben kostete, die meisten davon Zivilisten. Kolumbien war über Jahrzehnte ein besonders für Ausländer – Geschäftsleute, Touristen, Entwicklungshelfer, Missionare, Studenten – hochgefährliches Land, da sich die FARC nicht nur aus dem Drogenhandel, sondern auch aus Lösegelderpressung nach Entführungen finanzierte. Mehr als sieben Millionen Menschen wurden infolge des Bürgerkriegs zu Binnenflüchtlingen.

Die Situation Kolumbiens ist heute dennoch angespannt: Nicht alle erkennen den Friedensschluss an. Der marxistische Ejército de Liberación Nacional (ELN) zum Beispiel – mit ihm beginnen derzeit unter Vermittlung Kubas Verhandlungen. Und: Immer noch sind rund 1000 FARC-Kämpfer im Grenzgebiet zu Ecuador unter Waffen und zur Fortsetzung der Gewalt bereit. Erst im März wurden zwei dort recherchierende Journalisten und ihr Fahrer entführt und ermordet (Die Tagespost berichtete, Nr. 19/2018, S. 22). Vor diesem komplexen Hintergrund trafen auf Einladung des Bischöflichen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat in der gut gefüllten Großen Halle Münsterland die Bundesjustizministerin Katarina Barley, Christiane Bögemann-Hagedorn, Lateinamerikabeauftragte im Bundesentwicklungsministerium und Pater Michael Heinz SVD, der Hauptgeschäftsführer von Adveniat, auf die Gäste aus Südamerika: Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga IMC aus der Diözese Tunja in Kolumbien, der zugleich Vorsitzender der Versöhnungskommission ist, und der kolumbianische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos.

In seinem Eingangsstatement beschrieb Santos seinen Weg „vom Kriegsminister zum Friedenspräsidenten“ und erläutert die Besonderheiten des Friedensabkommens. Der Aufbau des Friedens, so Santos, sei wie der Bau einer Kathedrale – langwierig und im Herzen beginnend. Es gehe beim Frieden in Kolumbien weniger um die strafende Gerechtigkeit mit Blick in die Vergangenheit, sondern vielmehr darum, eine Gerechtigkeit durch Perspektiven für die Zukunft zu schaffen: Gerechtigkeit des Übergangs nennt Santos das – „justicia transicional“. Das schließe die Reintegration der FARC-Kämpfer in die Gesellschaft ebenso ein wie die Berücksichtigung der Opferrechte, insbesondere das Recht auf Wiedergutmachung und der Schutz davor, dass sich wiederholt, was geschehen ist. Das sei schwierig und – vor allem was die teilweise Amnestie der Kriegsverbrecher angeht – von vielen Menschen nicht verstanden worden. Wie kann man den ehemaligen Guerilleros politische Mitbestimmung einräumen und sie mit an der Zukunft des Landes bauen lassen, wenn sie vergewaltigt und gemordet haben – in zigtausenden Fällen?

Auch Erzbischof Castro Quiroga blickt in die Zukunft und setzt auf Zeit: Man müsse sehen, wie in den Landstrichen, die über Jahrzehnte unter dem Krieg gelitten haben, nun allmählich wieder ein normales Leben möglich werde. Das gebe Hoffnung. Castro Quiroga erinnert an den Beitrag des Papstes zum Frieden in Kolumbien. Auf seiner Reise durch das Land im September 2017 hatte Papst Franziskus zur Versöhnung gemahnt und dazu ermutigt. Versöhnung sei dabei nichts Abstraktes, so der Papst, sondern das „Öffnen von Türen“. Die Rachsucht aufzugeben sei notwendig, um glaubwürdrig am Aufbau des Friedens mitwirken zu können. Ein Friede ohne Versöhnung werde scheitern, so der heilige Vater damals, auch mit Blick auf die im Kontext des Abkommens zwischen Regierung und FARC tief gespaltene Gesellschaft Kolumbiens. Der Wille zur Versöhnung dürfe jedoch niemals dazu führen, sich Ungerechtigkeiten zu fügen. Es gehe vielmehr um das Aufeinanderzugehen zur Übewindung von „Pseudogerechtigkeit“. Die Frage, die auch in der Großen Münsterlandhalle im Raum steht, ist und bleibt jedoch: Was genau ist „pseudo“, also: falsch, an den Ansätzen zur Schaffung von Gerechtigkeit – das lückenlose Strafen (mit der Gefahr, in der Vergangenheit zu verbleiben) oder das großzügige Vergeben für den Übergang in eine friedliche Zukunft (was aber möglicherweise die Wunden nicht heilen lässt und Aussöhnung nur oberflächlich verwirklicht)?

Diese schwierige Gratwanderung zwischen Friedenswillen und der Schaffung einer Gerechtigkeit, die den Frieden dauerhaft macht, war auch in den Beiträgen der deutschen Teilnehmer zu spüren. Justizministerin Barley lobt den Ansatz der integrativen „justicia transicional“. Nicht den Tätern, sondern den Opfern solle die Aufmerksamkeit gelten. Pater Michael Heinz hebt die positive Rolle der Frauen bei der Stabilisierung des Friedens hervor und rät Santos, in der Nachkriegspolitik die indigene Völker ins Zentrum zu stellen – auch der Papst tue dies (Stichwort: Amazonas-Synode). Die Landkonflikte und die ökonomische Probleme zu lösen, etwa den Aufbau von Märkten zu unterstützen, damit Bauern wieder ihre Feldfrüchte verkaufen können – das war lange nicht möglich –, sowie kleine wirtschaftliche Aktivitäten zu fördern, darauf müsse das Hauptaugenmerk liegen, so Christiane Bögemann-Hagedorn. Es gehe darüber hinaus um den Aufbau der Zivilgesellschaft und des Bildungssystems. Deutschland gebe dafür 100 Millionen Euro im Jahr – als Kredit. Castro Quiroga und Santos bedanken sich.

Die Fragen des Publikums zielen auf die Probleme des Abkommens: Warum etwa wurde es vom kolumbianischen Volk in einem Referendum abgelehnt? Es gebe, so Santos, zahlreiche Missverständnisse, etwa den Gender-Aspekt des Vertrags betreffend. Die Frauen darin als eigene Opfergruppe hervorzuheben, habe aber nichts mit der Leugnung von Geschlechtsunterschieden oder ähnlichen Dingen zu tun, sondern sei schlicht dem Fakt geschuldet, dass Frauen besonders stark vom Krieg betroffen waren – und nun besonders stark am Friedensprozess beteiligt sind. Für den kann man nur hoffen, das stimmt, was Pater Michael Heinz glaubt: „Frieden in Kolumbien ist möglich. Ausrufezeichen!“