Islam-Debatte: Sich selbst ernst nehmen, um sich dem Anderen öffnen zu können

In der neuerlichen Islam-Debatte nimmt der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, Christen und Muslime in Deutschland in die Pflicht.

Koexistenz
Koexistenz von Islam, Judentum und Christentum - nicht überall gibt es sie. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Alle Akteure sollten "unsere eigenen Kulturen, unsere eigenen Religionen, unsere eigene Geschichte und damit uns selbst ernster nehmen", schreibt Khorchide in einem Gastbeitrag für die "Rheinische Post" (Freitag). Dies sei "der erste Schritt, um mehr Bereitschaft aufzubringen, sich dem Anderen zu öffnen".

Wenn ein Muslim unter Islam nur äußere Elemente wie Moschee, Kopftuch und Speisevorschriften verstehe und ein nichtmuslimischer Deutscher unter der abendländisch-christlichen Kultur nur Weihnachten und andere bestimmte Speisen, "dann haben sich unsere Identitäten längst ausgehöhlt", so der Theologe. An dieser Stelle würden Feindbilder wichtig, "um sich in der Ab- und Ausgrenzung zu einem konstruierten "Feindbild" zu definieren".

Auslöser der Debatte war ein Interview des neuen Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU). Er sagte darin: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt. Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland."

Dazu schreibt Khorchide, man dürfe nicht vergessen, dass der Islam im Mittelalter eine konstitutive Rolle für Europa gespielt habe. "Gerade zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert fand eine Hellenisierung des Islam statt. Von dieser führt eine direkte Linie zur europäischen Renaissance: Die Muslime retteten das antike griechische Erbe vor dem Vergessen und bereicherten es. Darauf konnte die Renaissance aufbauen."

KNA / jbj