Anglikanischer Primas Welby warnt vor Brexit ohne Deal

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU ohne Abkommen sei unverantwortlich, so der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby. Dieses Szenario träfe die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft am stärksten.

Welby: No-Deal trifft die Schwächsten am stärksten
Auf den politischen Entscheidungsträgern laste weitaus mehr Verantwortung, „als irgendjemand von uns bewältigen könnte“, meint der anglikanische Primas Justin Welby. Foto: Frank Augstein (AP)

Während rechtsprotestantische und rechtskatholische Abgeordnete im britischen Unterhaus, angeführt von dem Investor Jacob Rees-Mogg, sich weiterhin für einen „No deal“ einsetzen, hat der anglikanische Primas, Erzbischof Justin Welby, an die Unverantwortlichkeit dieser Option erinnert. Sollte Großbritannien die Europäische Union (EU) ohne ein Abkommen verlassen, würde dies Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft am stärksten treffen. So äußerte sich der Erzbischof von Canterbury in einem Interview mit dem britischen christlichen Radiosender „Premier Radio“.

Welby: No-Deal-Szenario ist moralisches Versagen

In dem Gespräch, das bereits vor der Parlamentsabstimmung am Mittwochabend geführt wurde, die die britische Premierministerin deutlich verlor, bezeichnete Welby ein No-Deal-Szenario nicht nur als politisches und praktisches Scheitern, sondern auch als moralisches Versagen. Es sei nun an den Befürwortern eines Austritts ohne Abkommen zu beweisen, dass dieses Szenario den Ärmsten nicht schaden werde. Diese lägen Gott und Jesus Christus besonders am Herzen, „daher ist es eine äußerst moralische Angelegenheit, wie wir für sie sorgen“.

Die konservative Premierministerin May hatte die Abstimmung über den mit der EU ausgehandelten Deal am Mittwoch mit deutlicher Mehrheit verloren. Ein Misstrauensvotum gegen die Regierung, das der Oppositionsführer Jeremy Corbyn beantragt hatte, überstand die Regierungschefin allerdings.

Anglikanischer Primas betet für britische Politiker

Erzbischof Welby erklärte zudem, dass er für May und alle anderen britischen Politiker beten werde, „mit aufrichtiger Zuneigung und mit Respekt“. Er bete für „Weisheit, Mut und Stärke für sie und ihre Familien“. Denn auf den politischen Entscheidungsträgern laste weitaus mehr Verantwortung, „als irgendjemand von uns bewältigen könnte“.

Welby hatte bereits in der vergangenen Woche ausführlich gegen einen Brexit ohne Deal argumentiert. Zu diesem Zeitpunkt war bekannt geworden, dass zwei Millionen Menschen und 19 Prozent der Kinder auf der Insel buchstäblich Hunger litten. Sozial benachteiligte Menschen, warnte Welby, hätten jedoch nicht die finanziellen Mittel oder den Platz, sich umfassende Vorräte an Lebensmitteln oder Medikamenten anzuschaffen. Es gehe um mehr als den Brexit und die "alles verzehrenden Ideologien" der Politiker in Whitehall, mahnte der Erzbischof von Canterbury. Es gehe um die Menschen, "ihr Wohlergehen und ihre Gemeinden".

DT/mlu

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