10-Milliarden-Programm für Pflege

Bessere Pflege und mehr Prävention: Der Präsident des Kneipp-Bundes, Klaus Holetschek, fordert ein völliges Umdenken von Staat und Gesellschaft. Von Stefan Rehder
Assistenzroboter Marvin
Foto: dpa | Sieht so die Zukunft aus? Ein Roboter wird in der Pflege eingesetzt.
Assistenzroboter Marvin
Foto: dpa | Sieht so die Zukunft aus? Ein Roboter wird in der Pflege eingesetzt.

Herr Holetschek, Sie sind Präsident des Kneipp-Bundes, Deutschlands größter privaten Gesundheitsorganisation, und plädieren für ein völliges Umdenken von Staat und Gesellschaft auf dem Gebiet der Pflege. Braucht es wirklich gleich einen Paradigmenwechsel?

Ja, wenn wir jetzt nicht umdenken, werden der demografische Wandel und die steigende Lebenserwartung unser Pflegesystem mit voller Wucht treffen. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden rechnet mit einem Anstieg der Pflegebedürftigen um rund 35 Prozent auf 3,5 Millionen Menschen bis zum Jahr 2030. Das allein wäre schon eine gewaltige Herausforderung. Eine, der wir uns, wenn wir sie bewältigen wollen, jetzt stellen müssen. Zumal das nur die Spitze des Eisbergs ist.

Was lauert unter der Wasseroberfläche?

Der demografische Wandel geht natürlich auch am Pflegepersonal nicht spurlos vorbei. Auch hier werden die Beschäftigten immer älter. In der Pflege arbeiten in Deutschland derzeit rund 890 000 Menschen. 40 Prozent von ihnen sind heute 50 Jahre und älter. Eine von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft in Auftrag gegebene Prognos-Studie geht davon aus, dass wenn alles so bliebe, wie es derzeit ist, für die Pflege von 3,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen im Jahr 2030 rund 500 000 Pflegekräfte weniger zur Verfügung stehen werden als heute. Und deswegen sage ich: Jawohl, wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Und zwar sofort. Staat und Gesellschaft haben hier viel zu lange weggeschaut.

Wo sehen Sie die größten Defizite?

Da gibt es inzwischen leider so viele, dass es beinah egal ist, wo man anfängt. In jedem Fall müssen wir weg von dem, was plakativ auch „Pflege im Minutentakt“ genannt wird. Mit der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs hat sich die Lage hier etwas entspannt, trotzdem fehlt es weiterhin an ausreichend Zeit für echte Zuwendung und einen menschenwürdigen Umgang. Auch Zuwendung ist Anwendung. Pflegende warten schließlich keine Kaffeeautomaten. Deshalb ist nur „satt und sauber“ einfach zu wenig. Das sehen übrigens auch die Pflegenden selbst so.

Klären Sie uns auf...

In Deutschland ist der Pflegedienst hochqualifiziert und braucht keinen internationalen Vergleich zu scheuen. Nur können unsere hochqualifizierten und oft topmotivierten Pflegekräfte ihr Können – wozu auch empathische Zuwendung zählt – den Patienten nur selten in einem Umfang angedeihen lassen, der von ihnen selbst als angemessen erachtet wird. Ständig nicht das tun zu können, wofür man eigentlich da ist und wozu man ausgebildet wurde, bedeutet für viele Pflegende eine extrem hohe emotionale Belastung, die bei manchen zu nachhaltiger Frustration führt. Zu viele kehren deshalb frühzeitig dem Beruf wieder den Rücken. Eine solidarische Gemeinschaft darf hier nicht tatenlos zuschauen. Abgesehen davon: Wir können uns einen solchen Aderlass auch nicht länger leisten.

Der Pflegeberuf muss also attraktiver werden?

Unbedingt. Wir brauchen mehr Wertschätzung für Pflegende: Und die muss sich auch – wenn auch nicht nur – bei den Löhnen und Gehältern widerspiegeln.

Mehr Wertschätzung ließe sich wie bewerkstelligen?

Ganz wichtig ist eine Entbürokratisierung der Pflege. Es kann nicht sein, dass die Menschen, die sich anderen Menschen mit viel Know-how und großer Empathie zuwenden wollen, rund 40 Prozent ihrer Zeit mit der Dokumentation von Pflegemaßnahmen verbringen müssen. Natürlich müssen Pflegemaßnahmen nachgewiesen werden. Aber es ist doch ein Irrsinn, dass das von examinierten Pflegekräften verlangt wird. Viele dieser Dokumentationspflichten könnten zum Beispiel auch von Stationssekretärinnen erledigt werden.

Was die Kosten weiter in die Höhe triebe...

... aber letztlich ein gutes Investment wäre. Überhaupt müssen wir verstehen lernen, dass es gute Pflege nicht zum Nulltarif geben kann. Ich fordere daher ein Zehn-Milliarden-Sofort-Programm für die Pflege. Das muss uns die Würde des Menschen im Alter wert sein.

Angenommen Bund, Länder und Kommunen stellten diese Mittel bereit. Wie steigert man damit die Attraktivität des Pflegeberufs? Entbürokratisierung hatten Sie schon genannt. Welche Punkte würden Sie zusätzlich nennen?

Ein weiterer ganz wichtiger Punkt sind bessere Personalschlüssel. Es kann nicht sein, dass Pflegekräfte Gefahr laufen, sich in den Burn-out zu schuften, sobald in einem Team jemand länger als für ein paar Tage ausfällt. Einrichtungen müssen in die Lange versetzt werden, personelle Engpässe besser zu kompensieren. Ich denke aber auch an mehr duale Studiengänge, bei denen jene, die Pflege studieren, früh mit der Praxis konfrontiert und angemessen bezahlt werden. Nirgendwo steht geschrieben, dass Werkstudenten vor allem Betriebswirte oder Chemiker sein müssen. Ich denke an Stipendien. Warum müssen sich staatliche Förderungen wie das Meister-Bafög auf Handwerksberufe beschränken? Wenn sich Pflegende weiterbilden und höher qualifizieren möchten, um ihren Mitmenschen noch professioneller dienen zu können – denn darum geht es im Kern – dann darf sich die Allgemeinheit das auch etwas kosten lassen. Jeder von uns kann jederzeit in eine Situation kommen, in er davon profitiert. Unmittel- oder auch nur mittelbar, weil Angehörige pflegebedürftig werden. Ich denke ferner an die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum in Arbeitsplatznähe bis hin zum verstärkten Einsatz technischer Hilfen wie etwa Robotern.

Roboter?

Ja, Roboter. Natürlich nicht am Bett des Patienten und schon gar nicht als Ersatz für Pflegekräfte. Das wäre das Gegenteil menschenwürdiger Pflege, für die ich mich einsetze. Aber als Unterstützung und Entlastung des Pflegepersonals kann der Einsatz von Maschinen überaus hilfreich sein.

Können Sie das an einem Beispiel illustrieren?

Sehr gern. In meiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Gesundheit und Pflege der CSU-Landtagsfraktion war ich kürzlich in Japan. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Japaner liegt übrigens drei Jahre über der unsrigen. Ähnlich wie bei uns sorgt auch im Land der aufgehenden Sonne der demografische Wandel dafür, dass die Zahl der Pflegebedürftigen zu- und die der Pflegekräfte abnimmt. In einer Pflegeeinrichtung namens Silver-Wing, die ich in Tokio besucht habe, konnte ich unter anderem ein sogenanntes Exosklett zur Verstärkung der Muskelkraft ausprobieren. Das Tragen der mehr als 5 000 Euro teuren Anzüge erleichtert den Pflegenden das Heben schwerer Lasten. Etwa dann, wenn sie Menschen, die aus eigener Kraft nicht aufstehen können, aus dem Bett heben müssen. Übrigens standen die Pflegenden im Silberflügel solchen Anzügen zunächst sehr skeptisch gegenüber. Inzwischen tragen sie sie gern. Am Ende haben die Rücken entschieden.

Höhere Attraktivität durch mehr Geld, mehr Personal und fortschrittlichere Technik – muss es tatsächlich immer mehr sein?

Wenn, wie eingangs beschrieben, die Herausforderungen steigen, muss proportional dazu auch der Einsatz der erforderlichen Mittel steigen. Anders lassen sich solche Herausforderungen nicht bewältigen. Das gilt übrigens auch für Kurzzeitpflegeplätze. Von denen haben wir noch viel zu wenig. 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden ja nach wie vor zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt. Und die brauchen – gerade in der „Rush-hour des Lebens“ – mehr Unterstützung. Und in einer Zeit, in der die Rücklagen der Krankenkassen auf Rekordwerte gestiegen sind, muss es möglich sein, sinnvolle Angebote zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation und zur Stärkung von Ressourcen und Fähigkeiten zu fördern – und zwar weit stärker als bisher. Allerdings räume ich gerne ein, dass sich mit dem Geld, das bereits in das System fließt, schon jetzt eine Reihe nachhaltiger Verbesserungen erzielen ließe.

Nämlich?

Seit 2016 gilt in Deutschland das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe auf den Weg gebrachte „Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention“. Hier stellen die Pflegekassen pro Pflegeversicherten 0,31 Cent pro Jahr zur Verfügung. Macht ein Ausgabenvolumen von rund 22 Millionen Euro pro Jahr. Das ist – wie das Pflegestärkungsgesetz, mit dem eine bessere Unterstützung pflegender Angehöriger ermöglicht wurde – ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Allerdings wird bisher nur ein Bruchteil der 22 Millionen auch abgerufen. Und das obwohl Investitionen im Bereich der Prävention deutlich höhere Mehrausgaben an anderer Stelle verhindern würden.

Prävention wird also unterschätzt?

Leider, ja. Auch hier müssen wir lernen, Dinge neu und anders zu sehen. Und hier sind nicht nur die Bürger selbst, sondern auch die Arbeitgeber gefragt.

Warum?

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen immer länger arbeiten, wird betriebliches Gesundheitsmanagement immer bedeutsamer. Mitarbeiter in die Lage zu versetzen, ihre Arbeitskraft möglichst lange möglichst umfassend zu erhalten, ist nicht nur etwas, das zum würdevollen Umgang mit Arbeitnehmern gehört. Es ist auch ein echter Wettbewerbsvorteil, der in Deutschland bisher noch zu wenig erkannt und wertgeschätzt wird. Auch da können wir von Japan lernen.

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Hermann Gröhe Klaus Holetschek

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