Wie kann man genug für dieses Wunder danken?

Das Sakrament der Eucharistie. Persönliche Erfahrungen eines frohen und dankbaren Katholiken. Von Peter Baron

Ich mache mich auf den Weg zu einem Besuch. Der Weg ist nicht weit. Zu erwarten wäre, dass es unterwegs ein großes Gedränge gibt, und eigentlich müssten alle TV-Sender und Radiostationen der Welt präsent sein und  ihre Kameras und Mikrofone in Richtung auf mein Ziel gerichtet haben. Aber auf der Straße befinden sich nur wenige Menschen und diese scheinen andere Ziele zu haben. Von Medien keine Spur.

Eigentlich erstaunlich; denn ich bin auf dem Weg zum Treffen mit einer Person, die unfassbar überwältigend ist, absolut charismatisch, unübertroffen auf der ganzen Welt, und diese Person hält sich dennoch in aller Öffentlichkeit bereit, Besucher zu empfangen, normale Menschen.

Ich bin auf dem Weg dorthin. Eigentlich hätte ich mich in Schale werfen müssen, ich müsste schweißnasse Hände vor Aufregung haben, das Herz müsste mir pochen. Doch nichts davon. Ich bin ruhig, denke an den, der mich erwartet, und gehe meinen Weg dorthin.

Das Ziel ist eine katholische Kirche. Ich betrete den Kirchenraum und bekreuzige mich mit Weihwasser. Die Benutzung des Weihwassers wird wärmsten von der hl. Therese von Avila empfohlen. Ich weiß es nicht besser als sie und deshalb folge ich natürlich ihrem guten Rat. Ich lenke meinen Blick auf den zentralen Ort, wo sich die Person befindet, die ich besuchen möchte. Da es sich um meine Pfarrkirche handelt, weiß ich, wo dieser Ort sich befindet. Suche ich die hohe Person in mir unbekannten Kirchen auf, muss ich mich manchmal zuerst orientieren, weil das Ziel meines Besuches sich in einer Seitennische oder auch in einem separatem kleinen Raum befindet.

Ich mache die Kniebeuge, bis zum Boden, und begrüße Ihn. Er befindet sich dort, hinten in dem kleinen Kasten, kenntlich gemacht durch ein Licht. Dort wartete Er auf mich. Es ist Gott, Jesus Christus, vollkommen Gott, vollkommen Mensch, unter der Gestalt von Brot. Unglaublich, aber die Wahrheit. Dort in diesem Kasten eingesperrt, wie in einem Gefängnis, ist der allmächtige Gott gegenwärtig, in Wahrheit vollkommen Gott, vollkommen Mensch, und Er hat wirklich auf mich Schnipsel gewartet, voll unendlicher Liebe. Ich müsste fassungslos sein, auf den Boden sinken, aber nein. Ich ordne meine Gedanken, kniee mich in eine der Bänke und begrüße ihn mit meinen Worten. Dann setze ich mich hin.

Bei dieser meiner täglichen Begegnung mit dem Allmächtigen, mit Jesus Christus fallen nicht viele Worte. Ich versuche, mich in die unfassbare Gegenwart Gottes zu versetzen, meine Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Oft gelingt das überhaupt nicht. Ich entdecke mich bei allen möglich gedanklichen Abzweigungen, die wenig mit der hohen Person zu tun haben, die sich dort in dem Kasten, im Tabernakel befindet. Und dann fällt mir oft auch dringendst ein, was ich unbedingt jetzt sofort zu erledigen hätte, ganz dringend, und dann muss ich schmunzeln; denn bei näherem Hinschauen sind es höchst unwichtige Angelegenheiten, die mich nur ablenken wollen. Einer der dummen, aber manchmal doch wirksamen Tricks dessen, der um alles in Welt nicht möchte, dass ich meine Sinne auf den Tabernakel lenke.

Ich bete Ihn an, oft unter Verwendung von Zeilen des wunderbaren Gebets von Thomas von Aquin: Gottheit tief verborgen, betend nach ich Dir….  Was heißt das: Beten? Es ist ein Dialog, ein Gespräch zwischen zwei Personen, dem Allmächtigen Gott (!) und mir. Ich höre Ihn nicht mit einer Donnerstimme, mit klaren Anweisungen antworten, ich höre überhaupt nichts (höchstens Kinderstimmen, oder Orgelprobe, oder Bemerkungen von Touristen), aber tief in meinem Inneren weiß ich, wo ich mich befinde. Das ist der Austausch. Ich brauche mich nicht anzustrengen, soll keine klugen Sätze formulieren, sondern einfach da sein: Ihm gegenüber. Er schaut auf mich und ich schaue auf Ihn. Diesen Satz habe ich irgendwo einmal gelesen, und er hat sich mir eingeprägt: Er schaut auf mich und ich schaue auf Ihn.

Danken und Bitten. Wie kann man genug für dieses Wunder danken? Man kann es nicht, und dennoch danke ich. Und alle meine Anliegen werfe ich auf ihn. Wie oft tat ich das schon, in Momenten persönlicher Not, Ängste, Bedrückung. Einfach sagen: Herr, das werfe ich einfach alles auf Dich, Du kannst damit besser umgehen als ich. Und alle meine Gebete wurden erhört.

So geht es jedem Beter. Jedes Gebet wird von Ihm im Tabernakel sofort, umgehend, vollkommen ge- und erhört. Deshalb wartet Er ja dort auf uns, Damit wir uns Ihm anvertrauen. Er liebt jeden Einzelnen von uns unendlich und hat, sozusagen nur eines im Sinn: Das Wohlergehen eines jeden Einzelnen.

Ich schaue mich um in der Kirche. Selten bin ich allein, es finden sich immer 2, 3 Beter, verstreut in der Entfernung. Aber selten mehr. Warum? Weshalb kommen hier nicht Menschenmassen zusammen? Gott ist doch gegenwärtig in Person.

Die kalte Distanz gibt es auch bei uns Katholiken, die Gleichgültigkeit, das Nichtwissen und dennoch Besserwissen. Kirche? Altarsakrament? Allerheiligstes? Das kann sogar zu frönendem Beifall ausufern, wenn jemand sich in Positur wirft und vor Publikum vom Tausch zwischen Oblate und Kirchensteuer schreit. War denn da in Münster niemand unter den Zuhörern, der den Mut aufbrachte, aufzustehen und Zeugnis abzugeben? War der Kardinal tatsächlich auf sich alleine angewiesen? Wie muss sich der Schreier wohlgefühlt haben: Tosender Beifall für ihn. Aber vielleicht sagte ihm dann später doch jemand, um was es da ging, und die veröffentlichte Entschuldigung war tatsächlich Ausdruck eines tiefen Schams.

Im Tabernakel einer jeden katholischen Kirche hält sich Gott unter der Gestalt des konsekrierten Brotes für uns auf, verfügbar. Es ist der Ausdruck seiner unendlichen Liebe. Er möchte mitten unter uns sein, die er so sehr liebt, dass er für jeden von uns gestorben ist, und auf welche Weise!

Wieso zeigt er sich nicht, z.B. mit Zeichen, mit einem Blitz alle 5 Sekunden, mit einem Riesendonner jede Stunde, mit Lichterglanz oder wie auch immer? Ein „konkretes“ Zeichen wollen wir doch sehen.

Das ist unsere „elende“ Ebene: Pauken und Trompeten, Lametta, starkes Auftreten, Ich! Gott ist ganz anders. Das ist unmittelbar zu verstehen: Unsere Vorstellungen von Macht und  Geltung können nicht die Maßstäbe Gottes sein, dazu sind wir mit unserem Verhalten und Wertschätzungen viel zu primitiv.

Nein, Jesus Christus im Tabernakel hält sich zurück, in vollkommener Demut, Güte, Herablassung. Was für ein Trost, was für eine innere Erholung von dem Lärm der Welt. Und ich darf mit ihm sprechen, er hört mir zu, mit vollkommener Hingabe, mir, dem kleinen Schnipsel.

Ich weiß nicht, wann ich diese täglichen Besuche begonnen habe, wohl vor Jahrzehnten. Und manchmal frage ich mich, was aus mir geworden wäre, hätte ich diese einfache Gelegenheit der Begegnung mit Gott nicht genutzt. Deo Gratias.

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