Wie aus dem unsäglichen "Kommunionstreit" doch noch ein Schuh wird

Im Nachhinein kann man froh sein um den "Kommunionstreit" - er hat sein Ziel verfehlt und doch ins Schwarze getroffen. Von Bernhard Meuser

Hegel spricht von der "List der Vernunft in der Geschichte" - hier ist sie zu besichtigen. Den "Kommunionstreit" hätte es niemals gegeben, wäre der  vertrauliche Brief der sieben Bischöfe nicht an die Öffentlichkeit gespielt worden. Was hatten sie sich zuschulden kommen lassen? Sie waren der Meinung, dass ein bestimmter Textentwurf der Deutschen Bischofskonferenz theologisch unzureichend und in seine weltkirchlichen Folgen nicht durchdacht war. In solchen Fällen wendet man sich nach Rom - ein ganz normaler Vorgang, der sinnvollerweise im "forum internum" abgehandelt wird.

Nun aber hat die berühmte Putzfrau den Brief an die Presse weitergeleitet. Mit absehbaren Folgen: In einer konzertierten Aktion wurden die sieben Bischöfe  an den Pranger gestellt, medial  gemobbt und von allen Seiten unter Druck gesetzt. Die Leute mussten den Eindruck gewinnen, hier handle es sich um erzkonservative Hintertreiber der Ökumene. Katholiken und evangelische Christen, Politiker und Showmaster, Berufene und Unberufene meldeten sich zu Wort, um den drohenden Rückfall in vormoderne Zeiten zu verhindern, so auch Dr. Dr. Thomas Sternberg, der bündig feststellte: "Es gibt ja eine Praxis in Deutschland, die längst bestens funktioniert. In geradezu allen Gemeinden, die ich kenne, ist das Thema längst gelöst." Jeder geht zur Kommunion, der Lust dazu hat. Sternberg ahnte wahrscheinlich nicht, wie sehr er den nervus rerum getroffen hatte: den mit Händen zu greifenden Niedergang der sakramentalen Praxis in der katholischen Kirche Deutschlands.

Nun nahm die Debatte aber eine unvorhergesehene Wendung. Waren zunächst diejenigen in der Vorhand, die im Namen der Ökumene und unter Berufung auf Papst Franziskus "Frechheit!" riefen, so meldeten sich mehr und mehr besinnliche Stimmen zu Wort. Ein Ringen um das, was Eucharistie, Kommunion, Heilige Messe ist, begann. Namhafte Theologen und  Kirchenrechtler urteilten skeptisch. Eine Romreise sollte die Entscheidung für die Neuerer bringen. Aber sie endete als Schlag ins Wasser. Die römischen Dikasterien konnten der Handreichung nichts abgewinnen und der Papst hatte keine Zeit für die deutsche Gruppe. Kardinal Woelki trat aus dem Schatten der Restauration und legte am Fronleichnamstag eine derartig fulminante Katechese zur Eucharistie vor, dass man von einer Wende in der Debatte sprechen kann. Drei Tage später kam der Brief aus Rom. Mit Brief und Siegel vom Papst.

Im Nachhinein kann man froh sein um den "Kommunionstreit" - er hat sein Ziel verfehlt und doch ins Schwarze getroffen. Klar ist nunmehr: So kann es nicht weitergehen mit der Verwaltung der Sakramente, nicht bei der Eucharistie, nicht beim Ehesakrament, nicht bei der Beichte, nicht bei der Firmung. In allen diesen Fällen hat man sich schleichend von der Ortho-Praxis abgesetzt und Praktiken zugelassen, mit denen die Kirche an die Wand fährt. Eucharistie ist kein Brotteilen mit allen, die Hunger haben, das Ehesakrament keine rituelle Überhöhung eines Partnerschaftsvertrages, die Beichte keine fakultative Übung für Hardcorekatholiken und die Firmung keine feierliche Abschiedsparty von der Kirche. Man sieht, wohin eine Kirche kommt, die sich von einer ernsthaften Katechese mit Katechismus und Formen des Katechumenats verabschiedet: in den Wald. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Filipino, über dessen intimen Glaubenskenntnisse ich mich wunderte: "Wo hast du das her? Du hast doch keine Theologie studiert?" Seine Antwort: "Ich habe mein Leben lang Katechese gehört, von Kindesbeinen an, in der Sonntagsschule, in der Gemeinde, in der Jugendgruppe ...".

Mittlerweile hat sich das Blatt auch in anderer Weise gedreht. Wer heute auf die großen Jugendevents geht, zu Glaubenstagen, Prayerfestivals, nach Salzburg, zu Nightfever usw. wird eine neue Generation von jungen Katholiken treffen, die Sternberg vermutlich nicht kennt, mindestens nicht auf dem Monitor hat. Überall bei solchen Gelegenheiten sieht man lange Schlangen vor den Beichtstühlen. Die neue Generation hat ein Faible für Lobpreis und Eucharistische Anbetung. Oft beten sie die ganze Nacht hindurch. Sie studieren mit Ernst die Heilige Schrift, hören gerne Katechese, arbeiten in Gruppen und Foren an ihren Glaubensüberzeugungen und suchen nach Wegen missionarisch zu sein. Und was die ökumenische Dimension betrifft, so schaue man sich am Besten die fabelhafte Gebetshausbewegung an, wo überall eine lebendige Jesusökumene betrieben wird. Der Herr zuerst! Jesus in die Mitte - der Rest wird dazugegeben. Noch ist der beeindruckende Lobpreis vielerorts noch ohne eucharistischen Kern. Aber überall gibt es Offenheit, in Jesus nicht nur das "Wort des Lebens" (Phil 2,16), sondern auch das "Brot des Lebens" (Joh 6,35) zu sehen. Von dort und vom größten gemeinsamen Nenner (= Jesus) kommt ein andere Ökumene auf den Weg, als sie eine nominalistische Ökumene betreibt, in der Christen nicht viel mehr gemeinsam haben als das Etikett.

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