Würzburg

Menschlichkeit oder Vernunft?

Angesichts der Migrationskrise werden zwei Prinzipien gegeneinander ausgespielt, die eigentlich zusammengehören. Von Anna Diouf

Mahnwache vor dem italienischen Generalkonsulat
Mahnwache vor dem italienischen Generalkonsulat: "Humanity first". Foto: Federico Gambarini (dpa)

Die Reaktionen auf die Rettungsaktion der Kapitänin der Sea Watch 3, Carola Rackete, machen deutlich, dass in Sachen Migrationskrise ein großes Kommunikationsdefizit herrscht. Einerseits sind da jene, die die Rettung von Menschenleben als Heldentat feiern, andererseits halten manche private Seenotrettung für sträfliche Unterstützung von Schlepperbanden.

Der zynische Rat, Libyen anzusteuern

Befürworter der Rettungsinitiativen werfen den Kritikern gern vor, diese seien lediglich fremdenfeindliche Unmenschen, und tatsächlich sind solche unschwer auszumachen: Wenn etwa zynisch geraten wird, doch Libyen anzusteuern, wo insbesondere Schwarzafrikaner himmelschreiender Grausamkeit ausgeliefert sind, dann ist das empörend und offenbart eine nicht einmal notdürftig verhüllte Menschenverachtung – da ist der Hinweis auf Schlepper nur ein billiger Vorwand. Andererseits darf man durchaus kritisieren, dass Solidarität mit Flüchtlingen schnell erklärt ist, einen Beitrag zur Lösung der mit der Migrationskrise verbundenen Probleme hat man damit aber noch nicht geleistet.

Eine von emotionalen Vorwürfen geprägte Schlacht

Das gravierendste Missverständnis in dieser von emotionalen Vorwürfen geprägten Schlacht um die mediale und moralische Deutungshoheit ist, dass man implizit davon ausgeht, Menschlichkeit und Vernunft schlössen einander aus: „Hier geht es um Menschenleben, da können wir doch nicht sachlich-herzlos über Migration diskutieren“, so könnte man die Haltung der einen Partei zusammenfassen; „Es geht hier darum, wie Europa den Flüchtlingsstrom bewältigen soll, da muss Menschlichkeit zurückstehen“, sagen die anderen.Tatsächlich aber handelt es sich nicht um Gegensätze: Menschenleben zu retten ist kein Luxus, den sich „Gutmenschen“ leisten wollen, und auch kein Ausweis besonderer moralischer Rechtschaffenheit. Es ist eine selbstverständliche Verpflichtung und hoffentlich den meisten Menschen auch ein Anliegen, das das absolute Minimum dessen markiert, was Zivilisation und Humanität kennzeichnet. Nur bedeutet das nicht, dass damit alles gesagt sei und jede weitere Diskussion unangemessen oder inhuman! Allein da sich Tag für Tag weitere Menschen in Lebensgefahr begeben, ist ein umfassender Diskurs hier von großer Dringlichkeit.

Mitgefühl und Solidarität, Differenzierung und Besonnenheit

Es braucht Mitgefühl und Solidarität mit den Menschen, von denen jeder einzelne seine unveräußerliche Würde und unschätzbaren Wert hat. Zugleich aber müssen wir Strategien entwickeln um denen das Handwerk zu legen, die andere skrupellos in Lebensgefahr bringen. Auch müssen wir Europa politisch so gestalten, dass die Einwanderer hier ein Zuhause finden können, und die einheimische Bevölkerung mit den Mühen der Integration nicht überfordert wird: Dafür braucht es Sachlichkeit und die Bereitschaft, auf das Wohlgefühl, „auf der richtigen Seite“ zu stehen, zu verzichten und auch komplexe Probleme in den Blick zu nehmen.

Der Ruf nach Differenzierung und Besonnenheit darf nicht als Tarnung für Gleichgültigkeit dienen; man darf sich ihm aber auch nicht entziehen, indem man ihn pauschal als Mangel an Menschlichkeit missversteht.

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DT (jobo)

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