Katastrophen sind unvergleichbar

Man muss um die Toten im Mittelmeer trauern und um die in einer Höhle eingeschlossenen Kinder in Thailand bangen. Politik hat da nichts zu suchen. Von Felix Honekamp

Flüchtlinge in Seenot
Bootsflüchtlinge, die von der Bundeswehr gerettet worden sind. Foto: Bundeswehr/dpa

Man hätte es kommen sehen können: Aber was ist mit … ist die beliebteste Frage, wenn es darum geht, meist unvergleichbares ins Verhältnis zu setzen. „Whataboutism“ nennen das die Amerikaner „Was-ist-mit-ismus“ müsste man das übersetzen. Meist werden dabei Äpfel mit Birnen verglichen, zum Beispiel wenn Kirchenkritiker bei der ablehnenden Haltung zur Abtreibung mit den Fällen von Kindesmissbrauch konfrontiert werden. Ziel ist dabei, die Position des anderen als indiskutabel oder irrelevant zu brandmarken.

Besonders perfide wird es allerdings, wenn dabei politische Ziele auf dem Rücken von Katastrophen betroffener Menschen verwirklicht werden sollen. Was nämlich sollten die in Thailand in einer Höhle eingeschlossenen Kinder (zum Zeitpunkt dieses Beitrags sind noch vier Kinder und ihr Fußballtrainer in der Höhle gefangen) mit Flüchtlingen und Migranten auf dem Mittelmeer zu tun haben? Wieso sollte es zynisch sein, sich um diese Kinder zu sorgen und gleichzeitig die bisherige Migrationspolitik der Bundesregierung kritisch zu sehen? Beides, Menschen, die im Mittelmeer ertrinken und Kinder, die auf einem vergnüglichen Ausflug in Lebensgefahr geraten, sind eine Katastrophe. Und niemand, dessen Mitgefühl einigermaßen entwickelt ist, kann sich von einer der Situationen einfach desinteressiert abwenden. Gerade als Christen muss uns das Schicksal anderer Menschen beschäftigen, auch wenn wir für ihre Situation keine direkte Verantwortung tragen.

Was also bezwecken Journalisten oder politische Akteure, die sich darüber mokieren, nein, die eigentlich lediglich unbewiesen behaupten, dass den Menschen hierzulande das Schicksal der Jugendlichen in Thailand näher gehe als das der Migranten, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen? Das Ziel scheint klar: Die Verknüpfung der Themen soll den Weg frei machen für eine sehr eigene Vorstellung von Migrationspolitik: Wer sich gegen die unbegrenzte Aufnahme von Migranten und Flüchtlingen in Europa, speziell in Deutschland, ausspricht, ist mitverantwortlich für den Tod dieser Menschen im Mittelmeer und hat damit das Recht verwirkt, sich um die Jugendlichen in Thailand zu sorgen. Als ob das vergleichbar wäre: Niemand will doch Migranten im Mittelmeer ertrinken lassen. Das bedeutet aber nicht direkt, dass man einer Aufnahme dieser Menschen in Europa zustimmen müsste. Die Lebensgefahr wäre an der nordafrikanischen Küste schneller gebannt als bei einer Überfahrt bis Italien, Griechenland oder Malta. Alles andere ist eine Frage der Politik, hier darf und muss die Politik – gemeinsam mit der Gesellschaft – verträgliche Lösungen finden.

Die Diskussion muss vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden: Erst wenn klar ist, dass die Rettung bedrohter Menschenleben jeden etwas angeht, dass man für die Jugendlichen in Thailand ebenso beten und sich einsetzen kann wie für vom Ertrinken bedrohte Migranten im Mittelmeer, ohne direkt die Verantwortung für deren weiteres Leben zu übernehmen, erst dann wird man feststellen, dass hinter den aktuellen Diskussionen eiskaltes Kalkül und politische Interessen stehen, denen das Schicksal der betroffenen Menschen nur zur Durchsetzung eigener Interessen dient.

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