Gesucht: Kritischer Verstand!

Zu einem erleuchteten Glauben gehört die Fähigkeit zu unterscheiden, wo eine kritische und wo eine kindliche Haltung gemäß Lk 18,17 angemessen ist. Ein solcher Glaube ist heute selten geworden. Von P. Engelbert Recktenwald

Thomas von Aquin
Steht für Glaube und Vernunft: Thomas von Aquin. Foto: (146255624)

In den jüngsten innerkirchlichen Kontroversen, z.B um das Mission Manifest oder in der Causa Wucherpfennig, lässt sich ein bestimmtes Argumentationsmuster erkennen, das immer wiederkehrt: Demjenigen, der die kirchliche Lehre hinterfragt, wird der Gebrauch der Vernunft unterstellt, dem Gläubigen dagegen ein Mangel an Vernunftgebrauch: dort der kritische Hinterfrager des Glaubens, der sich seines eigenen Verstandes zu bedienen wagt, hier der naive Gläubige, der es sich im Vernunftgebrauch bequem macht und unreflektiert das übernimmt, was die Kirche ihm vorkaut.

Theologie des Leibes: Katechesen mit Tiefgang

Nun will ich gar nicht leugnen, dass es so etwas gab und heute vereinzelt auch noch gibt. Aber ich behaupte, dass es sich heute grosso modo genau umgekehrt verhält: Der Zeitgeist weht heute dem Gläubigen so sehr ins Gesicht, dass es viel bequemer ist, unreflektiert dessen Parolen zu übernehmen, als sich zur kirchlichen Lehre zu bekennen. Es gehört mehr Verstand dazu, sie zu verstehen und zu vertreten, als sie zu leugnen und zu verspotten. Mit welchem Tiefgang und welcher anspruchsvollen Anthropologie hat etwa Johannes Paul II. in seinen berühmten Katechesen jahrelang die kirchliche Lehre über Ehe, Familie und Geschlechtlichkeit begründet und die Theologie des Leibes ausgearbeitet! Von wenigen Ausnahmen abgesehen findet man hierzulande in der kirchlichen Verkündigung oder theologischen Lehre nichts davon. Leichter finden die flutschigen Parolen der Genderideologie Eingang in die Köpfe als die Reflexionen des heiligen Papstes.

Kritischer Verstandesgebrauch, aber auch Mut und Charakter

Und auch mit dem kritischen Verstand ist es so eine Sache. Natürlich muss man kritisch sein. Die Frage ist nur: kritisch wem gegenüber? Kürzlich erzählte mir ein Theologiestudent von seiner Uni-Erfahrung: Man dürfe alles kritisieren, Kirche, Rom und Bibel, nur nicht den Professor. Der Modernist stellt die richtige Ordnung auf den Kopf: Er ist kritisch gegenüber dem Glauben und unkritisch gegenüber dem Zeitgeist. Zu einem erleuchteten Glauben gehört die Fähigkeit zu unterscheiden, wo eine kritische und wo eine kindliche Haltung gemäß Lk 18,17 angemessen ist. Ein solcher Glaube ist heute selten geworden.

Aber nicht nur kritischer Verstandesgebrauch, auch Mut und Charakter sind notwendig! Von Kurt Tucholsky stammt das Wort: “Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!”

Man könnte heute hinzufügen: “Nichts ist leichter und erfordert weniger Charakter, als sich in offenem Gegensatz zum Lehramt zu befinden und laut zu sagen: Nein!” Ein solcher Neinsager hat heutzutage nichts zu befürchten. Der Fall Wucherpfennig erregt nur deshalb so viel Aufsehen, weil er die unerwartete, alle überraschende Ausnahme ist.

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DT

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