Geseke

Das kaputte Internet

Das Netz ist gerissen. Wir müssten es flicken. Mit einer Ethik der Daten und der Urheberschaft. Von Peter Winnemöller

Wikipedia-Protest gegen geplante EU-Urheberrechtsreform
Wikipedia geht wegen geplanter EU-Urheberrechtsreform am 21. März offline. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

Das Internet geht kaputt. Nein, nicht technisch. Wir rüsten gerade auf, 5G mobil und viel Glasfaser. Es wird immer schneller. Innovative Anwendungen, wie autonomes Fahren werden diskutiert. Schöne neue Welt. Oder eben nicht.

Die EU-Urheberrechtsreform und die wilde 13

Erst gerade schickt sich die EU an mit einem neuen Urheberrecht dem Internet unübersichtliche Fesseln anzulegen. Schon die Datenschutzgrundverordnung brachte Unternehmen und Nutzer ins Schleudern. Jetzt wird es ganz kurios. Ob es in Europa drei Personen gibt, die den umstrittenen Artikel 13 wirklich erklären können und verstehen, was bis ins Letzte bedeutet, ist fraglich. Wikipedia streikt heute, obwohl es gar nicht betroffen ist.

Netzpolitik für Internetkonzerne

Fakt ist: Unter der guten Absicht die Rechte von Urhebern zu stärken, wird eine Rechtsnorm geschaffen, die weder ein einzelner Urheber noch ein kleines Unternehmen werden umsetzen können. Es wird Politik für Internetkonzerne gemacht. Uploadfilter sollen bestimmen, was an Bildern, Videos, Audios und Texten hochgeladen werden darf und was nicht. Willkür sind Tür und Tor geöffnet. Zensur auch.
Um das Chaos zu komplettieren schaue man sich die unterschiedlichen Regelungen zur Panoramafreiheit in den einzelnen EU-Staaten an. Hier dürfen Gebäude fotografiert werden, dort nicht. Das Netz kennt keine Grenzen. Rechtsnormen schon. Dominieren analoge Rechtsnormen das Netz bricht Chaos aus.

Eine Paywall ist sinnvoll

Rechtsnormen für das Internet werden von solchen gemacht, für die alles Neuland ist. Kommerzielle Interessen stehen im Vordergrund. Die Ursprungsidee eines Internet des freien und ungebunden Informationsaustausches geht mehr und mehr an Regulierungswut zugrunde.
Die Paywall ist sinnvoll für Autoren, weil Autoren beim Bäcker auch vor eine Paywall laufen. Warum sollte der Bäcker umsonst Zeitung lesen und Bilder aus dem Netz laden können? Man sieht den Widerspruch. Doch Gesetze lösen das nur partiell auf. Brötchen kann man anfassen, Daten nicht.

Den kulturellen Wandel ethisch begleiten – Philosophen und Visionäre sind gefragt

Mit dem Internet stehen wir vor einem kulturellen Wandel. Es braucht ein neues Denken, eine neue Ethik des Umgangs mit Daten und mit Rechten. Was Facebook und Co mit unseren Daten machen, ist mindestens unseriös, vielleicht sogar schon kriminell. Sie verdienen ihr Geld damit und wir hängen mit Hassliebe an Facebook. Das wird auf Dauer so nicht gehen.

Eine nichtmonetäre Wirtschaft zu erfinden sei den Utopisten und SF-Autoren überlassen. Wir Realisten müssen uns Gedanken über ein neues Denken und eine Ethik der Daten und der Urheberschaft machen. Rechtsnormen, die auf einem alten Denken beruhen, können die neuen Fragen eines freien Netzes nicht lösen. Die moderne Technologie ist unserem ethischen Begreifen weit voraus. So lösen zur Zeit Juristen, was zuerst einmal Aufgabe von Philosophen und Visionären wäre.

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DT (jobo)

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