Das Kreuz spaltet – wirklich?

Das symbolische Kreuz ist Ansporn, Mahnung und Erinnerung für dieses Land. Von Jan-Philipp Goertz

Kreuz an der Wand
Kreuz an der Wand: Ansporn, Mahnung und Erinnerung für dieses Land. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Als Zeichen von Umkehr und Opfer bringt das Kreuz Widerspruch. Diese Erkenntnis, die schon Christus und Paulus machten - und die übrigens auch alle Märtyrer gemacht haben - hat in den letzten Tagen die Spitzen von Kirche und Staat gespalten. Allerdings mit vertauschten Rollen: Staat – pro, Kirche – contra Kreuze. Dabei ist das Kreuz mehr als ein Zeichen von Spaltung. Je nachdem, was man glaubt - und will.

Sicher wollte Markus Söder mit dem Kreuz auch politisch punkten – doch wenn man sieht, womit andere punkten wollen, ist das Kreuz nicht das Übelste. Und das Thema, um das es eigentlich ging, ist relevant, dringend und ernst: Es heißt Identität. Identität aber spaltet nur bedingt, ist sie doch zugleich Voraussetzung von Integration, Dialog und Freiheit – letztlich Grundlage des Friedens. Doch keines billigen und trägen Friedens, der sich nur faul abwendet. Was sollten Christen sonst als Symbol für Identität mit Hoffnung vorschlagen? Und was wären nationale Alternativen?

1. „Nichts! Symbole brauchen wir nicht.“ - dies funktioniert nicht. In ein Vakuum drängen andere Symbole, Götzen, Extreme.

2. „Alles, was es gibt, nebeneinander!“ – nette Idee, ist aber keine Identität. Alle Farben zusammen ergeben keine Farbe – sondern schwarz.

3. Zukunftsvisionen? Haben wir nicht.

4. Die Fußball-Nationalmannschaft? Ehrlich?

Somit bleibt... WAS? Vielleicht einfach die Geschichte eines Landes – und die ist bei uns von Christentum und Kreuz geprägt. Nicht zuletzt prangt (deswegen) das Kreuz auch auf allen vier einsatzfähigen Eurofightern der Bundeswehr. Natürlich können wir uns darauf nicht ewig ausruhen – etwas, was besonders die Bischöfe anspornen müsste, jedes Mal, wo sie den Mund aufmachen, die Hoffnung des Kreuzes zu verkündigen und zur Entscheidung dazu zu rufen. Das Kreuz ist ein Anspruch, dem wir alle oft nicht genügen, weil wir ihn auch nicht verstehen. Aber einer, der unser Land positiv prägen könnte. Oder? Immer noch – ganz ohne Propaganda – glauben sehr viele Menschen in Deutschland, dass das Kreuz eine Hoffnung für ein freies und gutes Deutschland und ein Angebot an Fremde ist. Keine Drohung. Hoffentlich glauben dies die Bischöfe auch.

Warum diese Hoffnung nicht bewerben? Erfolgreiche Marken zeichnen sich dadurch aus, dass es Lizenzausgaben gibt. Und sie gewinnen dadurch. Die Kirche wäre vielleicht gut beraten, einem wichtigen, im Identitätsstraucheln befindlichen Gegenüber eine solche Lizenz zu erlauben. Die Opposition dagegen kann man getrost den radikalen Säkularisten, Liberalisten und Postmodernen überlassen, die gerne soziale Experimente durchführen von ungeregelter Ein- und Zuwanderung aus beliebigen Kulturkreisen bis hin zur völligen Auflösung von Identität durch Genderismus.

Natürlich reicht das symbolische Kreuz nicht, ist aber Ansporn, Mahnung und Erinnerung für dieses Land, das wie kaum ein anderes Sünde, Elend und Ablehnung des Kreuzes – sowie (seine) überraschende Auferstehung  kennt. Und gerade deswegen ist das Kreuz das beste Symbol unserer Identität, ein Angebot zu Verständnis und Dialog, Integration und Einheit – und kein Zeichen der Spaltung. Je nachdem, was man glaubt - und will.

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