Beistehen, lieben, danken, ertragen

Über den Umgang mit Leidenden. Von Claudia Sperlich

Hände
Jede Hilfe beim Sterben, keine Hilfe zum Sterben: Ein Pfleger hält einer Sterbenden die Hand. Foto: dpa

Mit dem Fortschreiten der Medizin wird die Lebenserwartung auch für Schwerkranke und Behinderte immer höher. Man könnte daraus schließen, dass das Leben insgesamt beschwerlicher wird, weil mehr Menschen gepflegt werden müssen, und die konsequentesten unter den Utilitaristen (Singer, Minerva, Giubilini u.a.) empfehlen als „Problemlösung“ die Beseitigung der „störenden“ Menschen. Damit werden Kranke, Behinderte und am Ende alle Menschen, die erhebliche Probleme machen, auf den Status von Ungeziefer reduziert. Weg damit. Das ist eine vollkommen böse Einstellung, die als „gut für die Gesellschaft“ (welche, bittschön?) verkauft wird.

Der Gedanke „Dieser Mensch macht mir in der Tat Probleme, aber das darf er, denn er ist ein Mensch“ hat im utilitaristischen Denken keinen Raum, viel weniger der reifere Gedanke „Dieser Mensch ist schwierig – ich bin für andere Menschen auf andere Weise schwierig und mir dessen nicht mal immer bewusst“, und die christliche Einstellung „Gott liebt diesen schwierigen Menschen unendlich, Er liebt auch mich schwierigen Menschen unendlich, und dass ich dem Nächsten dienen darf, ist eine Gnade Gottes“ schon überhaupt nicht.

Mit dieser Tendenz geht eine als Mitleid getarnte Entwicklung einher, die Selbstmordgedanken Schwerkranker mit resigniertem Lächeln und der Empfehlung eines Euthanasiearztes zu quittieren. Wenn der mit Palliativmedizin austherapierte Schmerzpatient schreit „Ich kann nicht mehr, ich will sterben“, wird ihm idealerweise zugehört und die Hand gehalten. Immer öfter wird dies Ideal pervertiert, wird dem Kranken ein finales Rezept fast in die Hand gedrückt. Auch nicht Einwilligungsfähige wurden bereits euthanasiert. Legal ist Sterbehilfe in den BeNeLux-Ländern, der Schweiz, Teilen der USA; praktiziert wird sie auch in Deutschland und England, diskutiert in der gesamten westlichen Welt.

Wir müssen neu lernen, Gott für eigenes Leiden zu danken, im leidenden Nächsten Christus zu sehen und am Kreuz des Nächsten mitzutragen. Das ist schwer, manchmal schier unmöglich. Wenn man es gar nicht kann (auch höchst unangenehme Zeitgenossen werden alt und pflegebedürftig), muss man dennoch dem Leidenden mit der Achtung und Liebe entgegenkommen, als sähe man Christus vor sich. Und wo auch das nicht gelingt, kann man darum beten und sein Bestes an Hilfe und Freundlichkeit geben.

Im Umgang mit Leidenden zeigt sich, dass Gottes Weisung richtig ist. Jeder andere Weg führt in die Euthanasie von jedem, der nicht gesund, schön und nutzbar ist.

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