Zur Diskussion über den Flüchtlingsansturm und seine Folgen : Hilfsbedürftig sind auch die, die nicht fliehen: Bereit, verfolgte Christen aufzunehmen

Mehr als 50 Millionen Menschen sollen weltweit auf der Flucht sein. Innerhalb Syriens haben acht Millionen ihre Heimat verlassen, vier Millionen sind außer Landes geflohen. So liest man in Berichten der Caritas Internationalis. Hunderttausende kommen zu uns, aus dem westlichen Balkan, aus Eritrea, aus Nigeria, aus Somalia, aus dem Irak, aus Pakistan, aus Afghanistan. Dass die Ukraine unter den Herkunftsstaaten noch nicht auftaucht, ist verwunderlich. Es sind viel zu viele Menschen in Not, auch zu viele mit berechtigtem Asylanspruch, als dass wir ihnen allen dadurch helfen könnten, dass wir sie aufnehmen. Es gilt, endlich über die Menschlichkeit gegenüber den Ankommenden hinaus auf die zu schauen, die nicht fliehen können oder wollen. Wer erhebt in den aktuellen Debatten eigentlich seine Stimme für die, die zur gefährlichen Reise keine Möglichkeit, keinen Mut, zu wenig Kraft, kein Geld für Schleuser, keine Smartphones haben? Wie viele Fürbitten formulieren wir seit Wochen in den Gottesdiensten für Menschen auf der Flucht – wann je auch für die, die in den bedrückenden Verhältnissen ausharren müssen oder wollen, die die katastrophalen Umstände erträglich zu machen und zu ändern versuchen, die sich wehren, die nicht aufgeben, die auf Erhalten und Aufbauen bedacht sind, die Konsensmöglichkeiten ausloten und einander im Kampf ums Überleben vor Ort mit allen Kräften unterstützen?

Nicht, um Flüchtende und Bleibende gegeneinander auszuspielen und Elend zu verrechnen, geht es. Aber auch die Bedürftigkeit derer, die uns kaum in Bildern nahekommen und denen wir nicht persönlich begegnen können, muss zum Thema werden. Auch ihre Not muss uns zu Herzen gehen. So richtig und notwendig es ist, die Fluchtursachen zu bekämpfen – dass dies primär aus Sorge um die in den Kriegs- und Terrorgebieten verbliebenen Menschen gefordert würde, ist nicht zu erkennen. Über die Solidarität hinaus ist weitsichtige Sachlichkeit nötig, auch wenn sie schlagartig und nicht selten selbstgefällig der Herzlosigkeit verdächtigt wird. Von Vertretern der Kirchen und der caritativen Organisationen würde man sich viel öfter differenzierende, über das bedingungslose Helfen hinausgehende Faktenanalysen und realistische Überlegungen zur Problemlösung wünschen. Von den Politikern müssen wir sie einfordern. Zuerst derer wegen, auf deren Wohlergehen sie vereidigt sind. Dann freilich auch im Blick auf Erfahrungen, wie man sie zum Beispiel mit der Lieferung billiger beziehungsweise kostenloser Nahrungsmittel in Hungergebiete gemacht hat. Die Folgen für die dortigen Agrarstrukturen sind zum Teil verheerend. Auch beim Helfen entgeht man dem Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen nicht. So bitter die Erkenntnis ist: Je besser unsere Hilfsmöglichkeiten erscheinen, desto mehr Sorgen muss man sich um die Zukunft der Länder machen, die Kraft, Kompetenz und Unternehmungsgeist so vieler Fliehender bräuchten, um sich aus Zerstörung, Not und Hoffnungslosigkeit herausarbeiten zu können.

Dass afrikanische und vor allem syrische Bischöfe auf die bedrückenden Folgen des Exodus für ihre Gesellschaften aufmerksam machen und die Christen zum Bleiben auffordern, kann man nur in der „Tagespost“ lesen. Niemand sonst will etwas davon wissen.

Zum Leserbrief „Zuerst den verfolgten Christen beistehen“ von Professor Hoeres (DT vom 17. Oktober). Anknüpfend diesen ausgezeichneten Leserbriefes möchte ich ergänzend anführen: Besonders in unserer großenteils noch christlichen Landbevölkerung sind manche Familien bereit, um ihres christlichen Glaubens willen verfolgte Geschwister im Herrn gern aufzunehmen. Dagegen sind Muslime weniger willkommen, wenn sie nur Wohlstand suchen oder unseren Glauben unterwandern wollen.