Zur Debatte über den Zölibat in der katholischen Kirche: Eine Diskussion, die bereichert

Im Unterschied zu Frau Britta Bohr (Leserbrief in der DT vom 1. April 2008) schätze ich an der Tagespost besonders die ausführlichen und kontroversen Diskussionen. Auch halte ich die Beiträge nicht für oberflächlich oder unberufen, allerdings scheint jetzt der Ton etwas zu entgleisen, und ich möchte deswegen unterstreichen, dass ich den gescholtenen Beitrag von Herrn Funke (DT vom 27. März) als Bereicherung empfinde, gerade deshalb, weil ich seine Ansichten nicht teile. Welchen Sinn hätte es denn, sich gegenseitig schulterklopfend der eigenen Positionen zu versichern? Daher erlaube ich mir auch, zu den bisher ausgetauschten Standpunkten zum Thema Zölibat noch meinen eigenen zur Diskussion zu stellen.

Nach meinem Verständnis lautet der Anspruch der Christusnachfolge: „Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel“. Eine Forderung, die in ihrer Radikalität eindeutig ist und keinen Raum lässt für Kompromisse irgendeiner Art. Vor allen Dingen ist sie das endgültige Urteil über die Mittelmäßigkeit. Und so verstehe ich Zölibat als Absage an das Durchschnittliche und Menschlich-Begrenzte, denn die zölibatäre Lebensweise gibt zu verstehen, dass die Nachfolge Christi im Zurücklassen der Welt, ihrer Angelegenheiten und Bindungen besteht. Sie verläßt, „was nicht Gott ist und verdeutlicht so Berufung als das Außergewöhnliche, radikale und damit auch als das Herausgehobene und Auserwählte. Sie ist der Weg der Gottesunmittelbarkeit.

Dem entgegengesetzt ist der mittelbare Weg, der in der Welt verläuft und gerade darin besteht, das Alltäglich-Normale in all seinen Formen der Arbeit und Familie zu heiligen. Nur, dieser Weg kann niemals den Anspruch der Christusnachfolge in der geforderten Radikalität erfüllen. Jeder, der sich mit der Welt einlässt, der unterschiedlichen materiellen und familiären Verantwortungen verpflichtet ist, weiß, dass alles auf diesem Wege Kompromiss und Zugeständnis bleiben wird. Und dennoch ist dieser Weg die Voraussetzung für die radikale Christusnachfolge. Denn ohne eine Gemeinschaft, die einen solchen Weg durch ihre Arbeit und Unterstützung trägt, kann ein Einzelner nicht radikal sein. Selbstgewählte Armut und der Verzicht auf menschliche Bindungen sind ein Privileg, das nur die Gemeinschaft gewähren kann.

Somit erweisen sich beide Wege als voneinander abhängig: Die Heiligung der Welt und in der Welt kann nie gelingen ohne diejenigen, die als zum Priestertum Berufene aus der Welt in Richtung auf Gott hinaustreten und so stellvertretend die Welt gewissermaßen vor Gott tragen. Doch werden die Priester ihrer Auserwählung nur dann gerecht, wenn sie eben frei sind von allem, „was nicht Gott ist“, was auch eine Familie mit einschließt. Frei sein wiederum können sie nur dann, wenn die weltlich tätige Gemeinschaft für ihren Lebensunterhalt sorgt und ihre weltlichen Geschäfte übernimmt. Einer ist Stellvertreter für den anderen. Dabei geht es nicht um Armut – dem Priester soll es an nichts fehlen – sondern darum, dass Priester und Laien füreinander sorgen, die einen geistlich, die anderen weltlich. Gibt man aber diesen Gedanken der Stellvertretung auf, kann jeder alles machen und jeder zu jeder Zeit in jedem Stand zum Altar treten. Dann aber braucht man keinen Priester mehr.

Nun ist es aber offensichtlich so, dass die Priesterschaft sich nur ungern von ihren weltlichen Geschäften trennt, und so haben wir Priester und Bischöfe, die auch als Unternehmer, Arbeitgeber, Vermieter oder als Vermögensverwalter unterwegs sind. Damit wird nicht nur die Gottesunmittelbarkeit preisgegeben, sondern auch der Weg der Laien seiner Notwendigkeit und Würde beraubt. Dass diese im Gegenzug priesterliche Aufgaben am Altar für sich beanspruchen, ist von hier aus leicht verständlich. Auf diese Weise wird nicht nur das Prinzip der Stellvertretung in Frage gestellt, sondern beide Wege verlieren ihren spezifischen Sinn und werden zu einer indifferenten Mittelmäßigkeit herabgewürdigt.

Letztendlich wird der Zölibat meines Erachtens unglaubwürdig in dem Maße, in dem sich Priester mit Angelegenheiten beschäftigen, die den Laien vorbehalten sein sollten. Als tragisch empfinde ich, wie viele Priester heute zwischen der Verweltlichung ihrer Berufung und dem Anspruch ihrer Gottesunmittelbarkeit zerrissen sind. Darin vermute ich ein Leid vieler Priester. Nicht im Alleinsein, das sind andere auch. Und deswegen sollten wir allen, die ein zölibatäres Leben führen, dankbar sein für eines der Zeichen jener Radikalität, die die Nachfolge Christi fordert und hoffen, dass die Verantwortlichen Hirten den Laien eines Tages so weit vertrauen, dass sie ihnen ihre Geschäfte überlassen und nicht den Dienst am Altar.