Zum Verhältnis von Kunst und Kirche (DT vom 6. Dezember): Die Kunst erlöst uns nicht

Die geschilderte und tatsächlich fast andächtige Harmonie der Veranstaltung zu Kunst und Liturgie „Solange Menschen atmen, werden sie Bilder brauchen“ verlangt danach, etwas gegen den Strich gebürstet zu werden. Der Benediktiner P. Meinrad Dufner beklagte die jahrhundertelange Leibfeindlichkeit in der Kirche, die er mit dem II. Vatikanischen Konzil immerhin für überwunden hält, – auch wenn wir da noch üben müssten. Die Übung, zu der er anleitete, war eine Meditation, bei der die Teilnehmer mit geschlossenen Augen Alltagsgegenstände zu befühlen hatten, um zu hören, was diese uns zu erzählen hätten. Leider begann das mir zugewiesene Schraubglas trotz intensivsten Befühlens nicht, mir seine Geschichte zu erzählen. Auch widerfuhr mir während P. Meinrads verbalem Kreisen um die Archetypen Mahl und Verzehr keine Erleuchtung, selbst nicht während der ehrfürchtigen Prozession zur Ablage dieser Gefäße in der „gestalteten Mitte“. Außer nachträglich die, dass das Wort „Jesus“ in der Meditation meiner Erinnerung nach nicht vorkam.

Zur Leibfeindlichkeit habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Warum eigentlich werden unsere Kirchenräume immer fleischfreier? In unserer „leibfreundlichen“ Zeit herrscht ja tatsächlich in der Welt ein Körperkult vor. Die Aggressivität und Obszönität lässt jedoch eher an Selbsthass, denn an endlich verwirklichte Selbstliebe denken. Und in der Kirchenkunst herrscht das Ungegenständliche. Merkwürdigerweise ist der Mensch aus der Kunst in der Kirche umso mehr verschwunden, je moderner die Kirche. Vielleicht fühlt sich selbst der gemalte Mensch nicht ganz so wohl in den kühl-weißen und kantigen Kirchen? Früher, in der „leibfeindlichen“ Zeit, hatten ein Grünewald, ein Tizian, ein Rubens fleischberstende Bilder gemalt. Diese Kunstwerke fanden in warm-bunten und wogenden Räumen Aufstellung. Sie zeugen vom Glauben, dass Gott im Fleische erschienen ist und wir im Fleische einst auferstehen werden. Man konnte geradezu den Finger in die Seite des Heilands legen und so mit den Augen tastend glauben lernen. Damals nahm man allerdings das Evangelium noch wörtlich, etwa die Schilderung, dass das Grab Jesu leer war. Von solchen Vorstellungen sind die staatlichen Theologischen Fakultäten und das aus ihr hervorgehende Bodenpersonal inzwischen gründlich geheilt. Dies ist natürlich nicht leibfeindlich.

Dann noch zum Kitsch, der als Todsünde kirchlicher Ästhetik unbedingt zu vermeiden ist – das ist konziliar zu rechtfertigen, war also unstrittig unter den Diskutanten. Als Bischof Friedhelm dennoch eine Lanze für die Lourdesmadonna im Kirchenraum brach, stieß dies in der gepflegten Diskussionsrunde nicht auf Gegenliebe. Der „naive Gläubige“ – diesen Begriff benutzte ZdK-Vorsitzender Sternberg für solche Madonnenverehrer – sollte doch erzogen, sein Geschmack an „guter Kunst“ gebildet werden. Gebildet an was genau? Wollen die Künstler sich jetzt der Madonnen annehmen und qualitätsvolle Fassungen schaffen? – Die anwesende Künstlerin Danuta Karsten hat dies offensichtlich nicht vor. Auch ihr Werdegang steht, wie sie ausführlich erzählte, unter dem bei den Abstrakten sehr beliebten Topos „Zwar habe ich das Figurenzeichnen gelernt, beherrsche es also, nur will ich nichts Figürliches schaffen (ausdrücklich nein, die Trauben hängen nicht etwa zu hoch...)“. Von Karsten dürfen wir dafür Aktionskunst bestaunen, jüngst in einer Kirche ein Gehänge aus zigtausenden Oblaten. Die inzwischen abgehängten Oblaten werden übrigens dem zelebrierten Verrotten und Verschimmeln in einem eigens angefertigten Kasten anheimgestellt. Immerhin können wir dankbar sein, dass dies im Verborgenen und auf räumlich überschaubaren 80 Kubikzentimetern geschieht, nicht so raumgreifend und öffentlich wie Beuys' ranzige Fettecken.

Wird der Künstler P. Meinrad Lourdesmadonnen fertigen? Aus seiner Hand wurde ein Triptychon aus penibel angeordneten altertümlichen Besteckteilen präsentiert. Wenn der „naive Gläubige“ daran seinen Geschmack nicht schulen möchte, sollte er zuhause bleiben und dort vor seiner Lourdesmadonna beten.

Nein, der Graben zwischen Kunst und Kirche ist noch nicht überwunden, wenn der Kirchenraum immer mehr zum ästhetischen Ereignis wird, das in erster Linie zum Genuss und nicht zur Anbetung herausfordert, während der „naive Beter“ in seinen Bedürfnissen zurückgedrängt wird. Die Kunst erlöst uns nicht.