Zum Interview von Paul Badde mit Kurienerzbischof Georg Gänswein und die „Weissagungen des Malachias“: Die richtige Antwort

In der Fernsehfassung dieses Gesprächs, das Paul Badde mit Erzbischof Gänswein über das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. führte, sind einige Fragen enthalten, die in der Druckversion fehlen. So fragt Badde Gänswein nach der sogenannten Papstweissagung des heiligen Malachias, wonach Papst Franziskus in der langen Reihe der dort charakterisierten Päpste, der letzte sei. Der Erzbischof zeigte sich offenbar von der Brisanz dieser Frage überrascht. Zunächst atmete er tief durch, um dann festzustellen: „Da ist mir etwas schaurig zumute. Dies gehört nicht zur Offenbarung. Daran muss man nicht glauben. Wenn man das Ganze betrachtet, so ist das immerhin ein Aufruf.“

Bei der Papstweissagung des Malachias handelt es sich um eine Prophezeiung mit 112 kurzen Sinnsprüchen über alle Päpste – bis auf zwei Gegenpäpste – von Cölestin II. (1143–1144) bis Franziskus (seit 2013). Sie wurde erstmals im Jahre 1595 in einem Werk des belgischen Benediktiners Arnold Wion mit dem Titel „Lignum vitae“ (Holz des Lebens) gedruckt und dabei wohl fälschlicherweise dem heiliggesprochenen irischen Erzbischof Malachias zugeschrieben. Lange Jahre galt sie als Fälschung.

Zahlreiche Autoren wurden genannt und wieder verworfen. Aber die Papstweissagung war nicht „totzukriegen“. Im Gegenteil, immer wieder wurde sie besonders in Papstgeschichten, so auch von Ludwig Pastor, zur Charakterisierung der einzelnen Pontifikate genannt.

Inzwischen scheint die Autorenfrage gelöst: Es ist vor allem das Verdienst von Hildebrand Troll, der in seinem erstmals 1961 erschienenen Buch „Die Papstweissagung des heiligen Malachias“ den Schlüssel zu diesem Geheimnis fand, Mit überzeugenden Argumenten hat er dargelegt, dass als Autor niemand anderes als der heilige Philipp Neri infrage komme: Der Heilige, den die Kirche jetzt anlässlich seines 500. Todestags mit einem besonderen Jahr ehrte, zu dessen Eröffnung sogar Papst Franziskus gekommen war. Es dürfte also der heilige Philipp Neri gewesen sein, der laut mehrerer seiner Biografen zu seinen Lebzeiten die Fähigkeit besessen haben soll, alle Päpste die aus dem Konklave hervorgingen, vorauszusagen. Girolamo Branabei stellte bereits in seiner Biografie über den Heiligen fest: „Philipp sah fast alle Wahlen der zukünftigen Päpste durch göttliche Eingebung voraus.“ Neri, bei dessen Heiligsprechung auch diese Begebenheiten zur Sprache gekommen sein sollen, war eine hervorragende Gestalt der Gegenreformation im Rom des 16. Jahrhunderts und ein großer Mystiker. Bei der Messfeier geriet er regelmäßig in Verzückung und schwebte öfter ab der Wandlung über dem Altar. Die Messdiener schickte er dann kurzerhand für zwei Stunden weg.

Unabhängig von der Frage des Verfassers dieses geheimnisumwitterten Schriftstücks ist der Leser bei mancher Papstcharakterisierung überrascht. Die kurzen Sinnsprüche haben in der Regel zwei Dimensionen, eine äußere, die sich auf Herkunft, Name, Bistum oder auch Gegenspieler bezieht, sowie eine innere Dimension, die das Wesen oder Wesentliche des jeweiligen Pontifikats charakterisiert.

Welch treffenden Durchblick der Urheber der Prophetie hatte, wird zum Beispiel an dem Sinnspruch „Fides intrepida“ (Unerschrockener Glaube) für Papst Pius XI. (1922–1939) deutlich, der sich mutig vor allem gegen den in Deutschland heraufziehenden Nationalsozialismus wandte, deutlich. Hier dürfte es sich um eine deutliche Anspielung auf die von ihm in deutscher Sprache verfasste Enzyklika „Mit brennender Sorge“ handeln. Man dürfte auch überrascht gewesen sein, dass die Papstweissagung Papst Pius XII. (1939–1958) als „Pastor angelicus“ (Engelgleicher Hirte) ankündigte. Diese Auszeichnung wurde einem Papst zuteil, der zu den glänzendsten Erscheinungen auf dem Stuhl Petri zählte. Sie entsprach der adeligen Erscheinung und seinem vornehmen Wesen, was von der ganzen Welt damals so empfunden wurde. Nach dem „Pastor angelicus“ folgen in der Malachiasweissagung noch sechs Päpste. Nach mittelalterlicher Vorstellung leitet der Engelspapst die Endzeit ein.

Der Sinnspruch „Gloria olivae“ („Das Lob des Ölbaums“, mit dem die Papstweissagung das Pontifikat von Papst Benedikt XVI., charakterisiert, ist schwer zu deuten. Hildebrand Troll hält diesen Sinnspruch wie „Flos florum“ sowie den Halbmond und die Sonne für marianische Sinnsprüche und fragt: „Halbmond und Sonne – sind sie nicht auch Kennzeichen der apokalyptischen Frau, die mit der Sonne bekleidet ist und den Halbmond zu ihren Füßen hat?“ Wenn das zutrifft, dann ist der Sinnspruch eindeutig ein Hinweis auf das Marienheiligtum Altötting, das der spätere Papst schon als Kind mit seiner Familie und später auch als Priester und Bischof regelmäßig und noch einmal als Papst besuchte.

Nach dem Sinnspruch „Gloria olivae“ folgt in der Prophezeiung ganz unvermittelt der Satz: „Während der letzten großen Verfolgung der heiligen Kirche wird Petrus, ein Römer (Petrus Romanus) regieren. Er wird die Schafe unter vielen Bedrängnissen weiden. Dann wird die Siebenhügelstadt zerstört werden und der furchtbare Richter (iudex tremendus) wird sein Volk richten.“ Danach steht völlig unvermittelt das Wort „Finis“ (Ende).

Eigentlich sind das schreckliche Sätze, die unter die Haut gehen, zumal sie ganz offensichtlich nach dem Ende dieses Pontifikats von Papst Franziskus (Petrus Romanus) das Weltenende ankündigt. Diese von der Prophezeiung benutzten Sätze erinnern an das „Dies irae“. Papst Franziskus wird diese düstere Prophezeiung sicherlich nicht beunruhigen. Gleiches dürfte für seinen Vorgänger gelten. Dennoch kann man verstehen, dass Erzbischof Gänswein, auf diese Prophetie angesprochen, zunächst einmal schlucken musste. Dann hat er aber das Richtige gesagt: „Die Weissagung des heiligen Malachias“, wie zutreffend auch immer sich ihre einzelnen Papstcharakterisierungen erwiesen haben, gehört nicht zur Offenbarung und muss daher von keinem Katholiken geglaubt werden. Anlass zum Nachdenken über Gott und die Welt kann und sollte sie aber dennoch sein.