Von der Verantwortung des Menschen: Zum Ende des Jahres der Barmherzigkeit: Es braucht mehr Gerechtigkeit

Das Jahr der Barmherzigkeit geht zu Ende und ich bin der Meinung, dass es dringend eines Folgejahres bedarf mit einem anderen wichtigen Thema. Und dieses Thema heißt: Gerechtigkeit des Menschen Gott gegenüber. Oder auch: Barmherzigkeit empfangen – gerecht handeln. Vielleicht auch: Barmherzigkeit Gottes und Verantwortung des Menschen

Meines Erachtens wäre dies ein wichtiges Folgethema, weil die Rede von Gottes Barmherzigkeit zumindest in Westeuropa teilweise zu einer falschen Beruhigung und Bestätigung geführt hat. Meine Beobachtungen aus Gesprächen ist die: Eine bestimmte Gruppe von Leuten konnte und wollte mit „Barmherzigkeit“ nichts anfangen. Sie erleben sich nicht als der Barmherzigkeit bedürftig. Denn Barmherzigkeit erwünschen setzt voraus, dass man ein Sünder ist und Schuld auf sich geladen hat. Die Mentalität des Menschen in unserer Weltecke ist jedoch alles andere als barmherzigkeitsbedürftig. Viele wollen keine Barmherzigkeit, die sie als entwürdigende Herablassung erfahren; sie wollen Recht haben! Sie wollen eine Absegnung ihrer Lebensgestaltung.

So manch anderer hat die Botschaft von der göttlichen Barmherzigkeit als Bestätigung seiner Lebensweise verstanden. Manche haben gehört: Was immer du auch tust und wer immer du bist – Gott ist barmherzig. Das haben viele verstanden als „weiter so“, und nicht als Aufbruchs- und Umkehrimpuls, zumal manche Verkündigung diesen Fehlschluss beförderte. „Ich halte mich nicht an dieses oder jenes: aber Gott ist doch barmherzig!“ In Gesprächen, wenn man auf die Verantwortung des Menschen vor Gott und auf die Möglichkeit von Schuld zu sprechen kam, erfolgte oft vorwurfsvoll der Ausruf „Aber Gott ist doch barmherzig!“. Womit gemeint war: Wir müssen uns nicht ändern. Meine Befürchtung ist, dass die gute Absicht des Papstes (zumindest in unseren Landen) eine Glaubenseinstellung bestärkt und gutgeheißen hat, die dem Glauben und der Kirche nicht wirklich förderlich ist, sondern die Permissivität und das laissez-faire noch bestärkt hat. Man nimmt – wie man meint mit päpstlichem Segen – wahr, dass man das alles gar nicht so ernst nehmen soll. Das hat nach meinem Erleben eher noch eine Haltung bestärkt, die es schon latent oder auch offen gab, die davon ausgeht, man sei doch allemal gut und richtig. Das Wort Barmherzigkeit ist wohl auf Jahre hin jetzt so (einseitig) konnotiert. Der Papst verstand unter Barmherzigkeit sicher etwas anderes, als wie es aufgenommen und umgesetzt wurde (das wird deutlich, wenn man tiefer in seine Gedanken eintritt, was vielfach unterblieben ist). Denn die Rede von Gottes Barmherzigkeit ist erst die eine Seite der Münze in der Gottesbeziehung. Die andere Seite, die dazukommen muss, ist die Gerechtigkeit, und zwar hier: die Gerechtigkeit des Menschen vor Gott. Damit die Waage wieder ins Gleichgewicht kommt, brauchen wir ein Nachdenken über den Beitrag des Menschen an diesem Gesamtpaket.

Es stimmt, dass Gottes Liebe und seine Barmherzigkeit bedingungslos sind. Sie sind aber nicht konsequenzenlos! Ohne Konsequenzen (consequi: nachfolgen) bleibt das Geschehen ungerecht, ver-Antwort-ungslos, weil die nötige Antwort unterbleibt. Vielleicht wäre dies das passende Thema für ein neues Glaubensjahr, die Menschen an ihre Ver-Antwort-ung vor Gott zu erinnern; also an die Antwort auf die göttliche Barmherzigkeit, die darin besteht, Gott gegenüber gerecht zu sein (ihn also nicht einen guten Mann sein zu lassen, sondern ein Stück mehr Ernsthaftigkeit in der Gottesbeziehung walten zu lassen). Die antwortende Gerechtigkeit Gott gegenüber ist meines Erachtens ein notwendiges Thema der Glaubenspädagogik, um dem Menschen die Bedeutung und den Ernst eines antwortenden Daseins neu vor Augen zu führen. Es gibt so viele Bereiche, wo wir Menschen vor Gott ungerecht sind, wo wir ihm die Antwort verweigern, wo wir seine Barmherzigkeit nutzen, um unser Verhalten zu zementieren. So ist etwa die Verweigerung oder das Nichtbeachten der Sonntagsmesse schlichtweg ein Verhalten der Ungerechtigkeit gegenüber Gott. Wem ist das noch bewusst, dass er hier vor Gott etwas schuldig bleibt?

Hier läge ein wichtiges Feld für die Katechese bereit, bei der dann mal genauso intensiv wie beim Thema Barmherzigkeit die Frage nach der eigenen Gerechtigkeit thematisiert werden könnte. Dabei dürfte auch der Forderungen stellende und dunkle Möglichkeiten aufzeigende Jesus zum Sprechen gebracht werden.

Da würden dann sicher einige schöne Glaubensfassaden (mit leerem Hintergrund) zerbeult. Aber eine zerbeulte Kirche ist, wenn es um das Heil geht, auch in diesen Fällen besser. Mir ist eine Kirche lieber, in der das überzogene Selbstbewusstsein und die vermessene Heilsgewissheit mancher eine heftige Beule bekommt, auch bei mir selbst.

Ich bin mir sicher, dies würde der Glaubensentwicklung vieler Zeitgenossen gut tun – und mir selbst auch. Denn die hier benannten Tendenzen finde ich auch zur Genüge in mir selbst. Man muss hier geradezu „höllisch“ aufpassen, um nicht mit dem Wort „Barmherzigkeit“ sich in allem zu entschuldigen und die eigene Lauheit zu rechtfertigen.