Unzeitgemäßer Thesenanschlag

Der Glanz Gottes
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Was die Lutherstadt Wittenberg auf die Beine gestellt hat, wird man begutachten können, wenn die dortige Schlosskirche nach fünfjähriger Bauzeit und Kosten in Höhe von 33 Millionen Euro wieder geöffnet sein wird. Der Ärger, dass eine Besichtigung des Ortes, wo Luther angeblich seine 95 Thesen anschlug, während der Bauarbeiten eben nicht ging, wird dann verflogen sein. Zudem macht sich der Eindruck breit, dass der Ärger über die Spaltungen der abendländischen Kirche nur noch ein Thema für wenige Theologen ist, während Vertreter der unterschiedlichen Konfessionen eher darum bemüht sind, das bonum commune der christlichen Nächstenliebe angesichts der Flüchtlingskrise hervorzuheben. Den gesellschaftlichen Konsens trägt die „Reformationsbotschafterin“ Margot Käßmann so vor: „Uns verbindet mehr als uns trennt.“ Aber dass man das Geschehen im Jahr 1517 derart in den Fokus rückt, wird dem Ereignis nicht wirklich gerecht.

Nüchtern betrachtet ist der 31. Oktober 2017 nicht gerade ein Datum, das zu Feierlaune einlädt. Sicherlich, Luthers anfängliche Intention ist mehr als löblich, nämlich Gnade und Heil als Liebesgeschenk Gottes wieder stärker zu fokussieren gegen eine vulgär-widersinnige Lesart des Christentums. Eine Religion, die den Menschen Angst machte vor der jenseitigen Entscheidung zwischen Höllenpfuhl oder Himmelspforte, mit dem ganzen Schindluder, der leider mit dem Ablassgeschäft getrieben wurde. Aus katholischer Sicht ist es völlig angemessen, dem Ereignis zu gedenken, aber nicht, es zu feiern und zu bejubeln, finde ich. Was soll denn gemeinsam gefeiert werden, wenn Luthers Taten zur schmerzlichen, bis heute nicht überwundenen Trennung geführt haben? Es bleibt nur der kleinste gemeinsame Nenner übrig. Der wird immer kleiner, da sich im Glaubenspool auch ganz andere religiöse oder religionslose Überzeugungen befinden. In der „Positionsbeschreibung der Bundesregierung“ hört sich dieser common sense nämlich so an: „Lutherdekade und Jubiläum ermöglichen eine Verständigung über grundlegende Werte unserer Gesellschaft wie der Rede- und Gedankenfreiheit, der Bedeutung von religiöser Toleranz sowie den Wert der gemeinsamen Sprache.“

Wird mit dem 500-jährigen Reformationsjubiläum also gefeiert, dass aus dem Christentum eine wertorientierte Zivilgesellschaft erwuchs? Propagiert man einen allgemeinen Menschenkult, so bedarf es des Christentums nur noch als chiffrierte Überhöhung einer unkonkreten, banalen Moral, wie der Medientheoretiker Norbert Bolz einmal scharfzüngig feststellte: „Heilsversprechungen gibt es dann nicht mehr. Als Zivilreligion hat das Christentum die großen Themen wie Kreuz, Erlösung und Gnade aufgegeben und durch einen diffusen Humanismus kompensiert. … Vor allem der protestantischen Kirche fehlt der Mut zur Unzeitgemäßheit. Gerade weil sie so modern und ,aufgeklärt‘ ist, kann sie nicht mehr Heil versprechen und eine neue Welt prophezeien“. Mit anderen Worten: Die Konzentration der Religion allein auf die in ihr wurzelnden Werte tötet die Wurzeln der Religion selbst.

Der Autor, 22, studiert Katholische Theologie in München