Neuer Streit, alte Studie: Auseinandersetzung um Betreuungsgeld : An den Bedürfnissen der Kinder vorbei : Über Qualität reden, statt Eltern zu diskriminieren

In vielen Medien war am Wochenende von einer Studie der Uni Dortmund die Rede, die erwiesen habe, dass das Betreuungsgeld insbesondere Eltern mit Migrationshintergrund und aus „bildungsfernen“ Schichten dazu verleite, ihre Kinder nicht in die Kinderkrippe zu schicken. Neues Pulver also für die aktuelle Verfassungsklage der Stadt Hamburg gegen das als „Herdprämie“ geschmähte Betreuungsgeld? Nicht zu lesen war, dass die Studie aus dem Jahr 2013 stammt – aus der Zeit vor Einführung des Betreuungsgeldes. Im Rahmen dieser Studie wurde perspektivisch nach den Wünschen von Eltern gefragt, wenn sie denn die Wahl hätten.

Natürlich ist das Betreuungsgeld für Eltern mit geringem Einkommen attraktiver als für Wohlhabende. Das heißt jedoch nicht, dass solche Eltern ihren Kindern Krippenbetreuung verwehren würden, nur um selber den eher symbolischen Betrag von bisher 100 Euro zu kassieren. Man geniert sich nicht, ihnen genau das zu unterstellen. Nein, die allermeisten Mütter und Väter – auch nichtdeutsche Eltern ohne Abitur – sind durchaus in der Lage, ihre ein- und zweijährigen Kinder selbst zu erziehen, und viele wollen das auch. Manche wehren sich bewusst gegen die vielfältigen Versuche politischer Akteure, die Erziehung von Kindern aus der Elternhand zu nehmen: ob bei Gendervorgaben, einer bestimmten Form des Sexualkundeunterrichts oder der Verordnung von Ganztageseinrichtungen ab dem ersten Lebensjahr.

Nicht weniger schlimm an der aktuellen Diskussion ist, dass die eigentlichen Bedürfnisse der Kinder völlig unbeachtet bleiben. Da wird mit dem alten Peer-Steinbrück-Zitat von einer „bildungspolitischen Katastrophe“ das Selbstvertrauen junger Eltern untergraben, die gerade in ihre Elternrolle hineinwachsen, und Carola Reimann, stellvertretende SPD-Vorsitzende, behauptet munter, das Betreuungsgeld führe dazu, „dass Kindern Entwicklungschancen vorenthalten“ würden.

Als Kinderarzt und Vater von sechs Kindern ist mir unbegreiflich, wie die gesicherte Erkenntnis, dass Kleinkinder vor allem eine liebevolle und vertraute Bezugsperson brauchen, am besten ihre eigene Mutter, so unter den Tisch fallen kann. Als ehemalige DDR-Bürger nehmen meine Frau und ich verblüfft zur Kenntnis, wie viele Politiker nach 25 Jahren wieder bereit sind, Systemfehler des Sozialismus („Staat vor Familie – jederzeit!“) zu wiederholen. Und als politisch Interessierte fragen wir uns, warum der SPD-Führung nichts Besseres eingefallen ist, als eine angestaubte Studie mit einer anderen Fragestellung für ideologische Stimmungsmache auszuschlachten.

Die Erziehung der Kinder gehört in den Verantwortungsbereich der Eltern. Weder Kinderkrippen noch Kindergärten oder Schulen sind dafür zuständig und sie dürfen auch nicht zuständig gemacht werden. Wo im Elternhaus Werte gelten, manchmal so etwas wie Liebe spürbar ist, wo zur Übernahme von Verantwortung ermutigt und Selbstständigkeit gefördert wird, dort gelingt Bildung jenseits tagespolitischer Vorgaben – gern auch in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit externen Bildungseinrichtungen.

Vielleicht braucht es aber tatsächlich akademische Studien, um von Lehrern und Erziehern zu erfahren, wie viele Kinder heute so auffällig sind, dass sie sich kaum in einen Gruppenverband eingliedern lassen, und wie oft deshalb Psychopharmaka verordnet werden. Vielleicht müssen Studien klären, ob dies nicht auch daran liegt, dass keine Ausbildung der kleinen Persönlichkeit im sicheren Familienverband möglich war, – um irgendwann wiederzuentdecken, wo Erwachsene Kindern ansprechende und sinnstiftende Lebensentwürfe vorleben: in einer intakten Familie.

Danke, dass die DT das Thema Betreuungsgeld anders behandelt. Es geht nicht darum, Krippen grundsätzlich schlecht zu machen, sondern das Wort Wahlfreiheit ernst zu nehmen. Wer sein Kind in die Krippe geben möchte oder muss, wird seine Gründe haben. Wer es nicht in die Kita geben möchte ebenso. Wenn wir aus der ideologischen Enge dieser Diskussion ausbrechen wollen, müssen wir darum streiten, wie die Qualität der Krippenbetreuung verbessern, statt Eltern zu diskriminieren, die wertvolle erzieherische Arbeit selbst leisten.