Neubekehrte Christen

Love is in the air
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Es gibt nichts, was so anstrengend ist, als eine Doppelstunde Mathe oder ein neu bekehrter Christ. Schon viele sind mir über den Weg gelaufen und oft habe ich mich über sie geärgert. Manchmal wegen Kleinigkeiten. Darüber, dass manche von ihnen beim Vaterunser die Hände ausbreiten wie der Priester vorne am Altar und dabei ein Gesicht machen, als würden sie den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes sitzen sehen. Oder dass sie ständig erzählen, wie sie beim Beten von Gefühlen ergriffen werden, die fast schon einer mystischen und ekstatischen Gotteserfahrung gleichkommen. Vielleicht ist es der blanke Neid, der da aus mir spricht. Vielleicht halte ich mich für etwas Besseres, weil ich nie eine wirklich dramatische Glaubenskrise hatte. Oder es liegt daran, dass meine persönliche Bekehrung noch aussteht.

Ich glaube, dass es neulich in der Messe bei mir „Klick!“ gemacht hat. Im Evangelium erzählte Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ein Vater hatte zwei Söhne, der eine lässt sich sein Erbe ausbezahlen, haut ab, verprasst alles und kommt als reuiger Sünder zum Vater zurück. Der empfängt ihn mit offenen Armen und lässt ihm zu Ehren sogar das Mastkalb schlachten. Der andere Sohn ist dagegen die ganze Zeit beim Vater geblieben und hat treu seinen Dienst getan. Er ist frustriert, dass sein chaotischer Bruder so bejubelt wird. Vielleicht, weil er ihm seine Bekehrung nicht wirklich abkauft, vor allem aber, weil es mit seinem Verständnis von Gerechtigkeit nichts zu tun hat. Er macht seinem Vater schwere Vorwürfe. „Mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.“

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mich benehme wie dieser Sohn. Seit Jahren versuche ich, meinen Glauben zu leben. Ich besuche die Heilige Messe und bete Rosenkranz, auch wenn ich oft keine Lust darauf habe, möchte mit dem Sex bis zur Ehe warten, was auch nicht immer leicht ist, und werde von Freunden häufig wegen meines Glaubens ausgelacht. Ich dachte, ich würde meine Sache ganz ordentlich machen, trotz allem ist mein Gebet oft trocken und mühsam, dazu gibt es immer wieder Phasen, in denen mir Gott weit weg zu sein scheint. Und dann kommt ein Glaubensbruder um die Ecke, der erst seit kurzem wieder zu Gott gefunden hat und erklärt mir, dass ich all diese Probleme nicht hätte, wenn ich nur richtig beten würde (wie er).

Während ich also in meiner Kirchenbank saß und versuchte, der Predigt zu folgen, fragte ich mich, wieso mich das eigentlich so wütend macht. Etwa, weil mir eine spektakuläre Bekehrungsstory fehlt? Oder weil den andern das Beten scheinbar so leicht fällt, während ich um jede Sekunde Andacht ringen muss? Vielleicht sollte ich mich mehr um meine eigene Bekehrung kümmern, dachte ich mir, und dabei aufpassen, nicht selbst zum Pharisäer zu werden. Der Glaube ist auch eine Gnade, um die ich Gott immer neu bitten kann. Ich sollte Ihn viel öfter bitten. Zum Beispiel auch mal um einen Ziegenbock.

Der Autor, 22, ist Student und arbeitet beim katholischen Fernsehsender EWTN in Köln