Maria und das Ende ihres irdischen Lebens: Zur Debatte um die immortalistische Position: Verklärter Leib, Struktur der Seele: Mit Christus sterben

Ist Maria gestorben? (DT vom 30. August) Man muss unterscheiden zwischen Wiederbelebung und Auferstehung: Jesus hat Lazarus, den Jüngling von Naim und die Tochter des Jairus wiederbelebt; er selbst ist auferstanden und hat den zu Ihm Gehörigen die Auferstehung verheißen. Wiederbelebung führt zurück zum gehabten Zustand im materiellen Leib, Auferstehung führt zum Leben im verklärten Leib, der den Naturgesetzen nicht mehr unterworfen ist: Am Berg der Verklärung waren Mose und Elija bei Jesus. Sie waren leibhaftig gegenwärtig – nicht im materiellen, sondern im verklärten geistigen Leib.

Freilich könnte jemand neugierig fragen, ob man ihren Leib hätte anfassen können. Wer das quantenphysikalische Phänomen der Kohärenz und Dekohärenz kennt, der würde eine solche „hätte-Frage“ vermutlich als inhaltsleer erkennen und schlicht antworten: „Am Berg der Verklärung war aber niemand da, der Mose und Elija angefasst oder ihren Blutdruck gemessen hätte“. Adam und Eva haben durch den Sündenfall ihre unsterbliche geistige Leiblichkeit verloren und sind Sklaven des sterblichen materiellen Leibes geworden. Im jenseitigen Reich Gottes gibt es diese Sklaverei nicht mehr: Die Heiligen im Himmel leben ohne chemischen Stoffwechsel. Im Lauf der Kirchengeschichte durfte Maria immer wieder in ihrem geistigen Verklärungsleib erscheinen.

Romano Guardini soll den verklärten Leib als die Struktur der Seele beschrieben haben. Maria ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden: mit ihrem Leib als der Struktur ihres Seins und mit ihrer Seele als dem Wesen ihres Seins. Was bei ihrer Aufnahme in den Himmel mit den chemischen Verbindungen ihres materiellen Körpers geschehen ist, das ist sekundär. Vielleicht hat es Gott gefallen, diese Materie ohne Sterbevorgang zu transformieren, vielleicht hat er diese Materia aber auch mit einem Sterbevorgang auf der Erde zurückgelassen. Wie immer Er gewirkt hat, es ändert nichts an der Würde Mariens und der Würde der im Herrn Entschlafenen.

Was das Ende des Lebens Marias betrifft, müssen wir, so meine ich, zurückhaltend sein: Die Aufnahme Marias in den Himmel bedeutet nicht, dass sie nicht starb, auch wenn das möglich wäre. Zwei Dinge möchte ich zu bedenken geben: 1. Die Existenz des Grabes Marias in Jerusalem, in der orthodoxen Kirche „Dormitio“. 2. Der Glaube der Orthodoxie, dass die Mutter Gottes entschlafen ist; was nicht bedeutet, dass die Orthodoxen nicht an die Aufnahme Marias in den Himmel glauben. Sie glauben wohl daran, erkennen es aber nicht als Glaubensdogma an.

Papst Pius XII. nahm zu dieser Frage keine klare Stellung: Er ließ es den Katholiken frei zu glauben, dass Maria starb oder nicht. Die Auferstehung mit Christus ehrt die Christen! Maria wäre, wenn sie nicht gestorben wäre, auch nicht auferstanden! Ist das ein Privileg? Josef ist auch gestorben und auferstanden; vielleicht ist er einer der vielen Heiligen, die beim Tod Christi auferstanden sind (Mt 27,52), weil sie mit Christus starben. Auch die Heiligen des AT; es ist ein Geheimnis Gottes! Ich persönlich bin auch dieser Meinung: Josef ist mit Leib und Seele zusammen mit Christus in der Himmel aufgefahren (Mt 27,53).

Der Heilige Vater hat in der Apostolischen Konstitution zur Erklärung des Dogmas Munificentissimus Deus geschrieben: „ut a sepulcri corruptione servaretur immunis“, damit der Verwesung des Grabes sie immun blieb (DSch 3902). Und der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt mit dem Tropar der Byzantinischen Liturgie am Fest der Entschlafung Marias: „bei deinem Entschlafen hast du die Welt nicht verlassen“. Man nimmt also an, dass Maria „eingeschlafen“ ist; aber bei uns ist! Ist das Einschlafen gleichbedeutend mit dem Tod? Kann man eine Person begraben, ohne die Feststellung ihres Todes? Das leere Grab Marias in Jerusalem spricht dagegen: Es scheint, dass sie wie ihr Sohn aus dem Grab auferstanden ist und ihr Sohn sie geholt und in den Himmel aufgenommen hat. Was wir annehmen können ist, dass ihr Leib verklärt wurde: Sie hat nicht, wie gesagt, die Verwesung des Grabes erfahren, wie Pius XII. sagt.

Dazu müssen wir auch noch bedenken: 1. Es ist wahr, dass das Alte Testament vom Scheiden aus dieser Welt spricht, etwa bei Elias oder Mose, ohne Kenntnis der Orte, wo sie begraben wurden. Sind sie in den Schoß Abrahams gefahren und haben dort auf die Erscheinung Jesu Christi auf Erden gewartet (Mt 17,3)? Jesus hat durch seinen Tod die Pforte des Himmels für alle Menschen geöffnet, und erst dann konnten die Menschen in den Himmel gelangen. 2. Mit der Miterlösung Marias scheint auch nicht vereinbar, dass der Sohn Gottes, ihr Sohn, gestorben ist, sie dagegen nicht. Ist der Tod eines Menschen nicht gewollt, damit er mit Christus sich vereinigt, der für uns, die Menschen, stirbt? „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (Joh 12,25). 3. Ist der Tod der Gerechten nicht etwas Heiliges? Stirbt Christus nicht für, mit und in uns, wenn wir treu sind bis zum Ende? Mit Christus sterben ist, was wir anstreben sollen, um so mit Christus aufzuerstehen!