Mangelndes Glaubenswissen bei der Mehrheit der Christen: Religionsunterricht auf dem Prüfstand: Bankrott-Erklärung des Religionsunterrichts

Bei Umfragen zeigt sich regelmäßig, dass ein Großteil der Christen die biblischen Ursprünge der kirchlichen Hochfeste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten nicht mehr kennt. Dabei haben die meisten der Befragten zehn oder dreizehn Jahre am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teilgenommen. Ist der schulische Religionsunterricht „ein kompletter Ausfall“? Mit dieser These wurde der katholische Bischof Franz-Josef Bode bei einer Gesprächsrunde mit Eltern während der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Jahre 2015 konfrontiert. Zur Überraschung der Zuhörer bestätigte der ehemalige Jugend-Bischof das Urteil einer Mutter und stellte fest: „Ja, beim Religionsunterricht bleibt nichts hängen“ – so seine Diagnose nach einem Bericht der Tagespost vom 23. Februar. Diese entwaffnend ehrliche Bilanz kommt einer Bankrott-Erklärung des Schul-Religionsunterrichts gleich.

Bischof Bode gab zwei Gründe für das desaströse Ergebnis von katholischer Religionslehre an: Zum einen seien externe Faktoren dafür die Ursache, nämlich der „Einfluss der Informationsgesellschaft“. Die Themen des Religionsunterrichts würden in der gegenwärtigen Informationsflut der Medien untergehen. Doch diese Bedingung gilt auch für andere Fächer, bei denen sehr wohl was „hängenbleibt“. Zum zweiten machte Bode interne Gründe aus: Schüler behielten die Inhalte des Religionsunterrichts nicht, weil diese keine Verbindung zu ihrem Leben hätten.

Auch diese Diagnose ist nicht zutreffend. Denn seit 40 Jahren sind die Religionslehrer durch den Lehrplan gehalten, die Religionslehre nur in Verbindung – „Korrelation“ – mit der Lebens- und Erfahrungswelt der Schüler zu vermitteln. Diese bis heute gültige Leitlinie wurde 1974 auf der Würzburger Synode in der Schrift zum „Religionsunterricht in der Schule“ verabschiedet. Sind vielleicht im Synodenpapier selbst die Gründe zu suchen, warum der schulische Religionsunterricht kein Glaubenswissen vermittelt?

Die Kirchenversammlung in Würzburg hatte festgelegt: Das Ziel der katholischen Religionslehre sollte nicht die „Vermittlung von Glaubenswahrheiten der Kirche“ sein. Die Schüler dürften in ihrer Spontaneität nicht „auf Antworten des katholischen Glaubens eingeengt werden“. Das Hauptlernziel der Religionslehre hat laut Synodenbeschluss darin zu bestehen, den Kindern und Jugendlichen zur „Selbstwerdung zu verhelfen“. Dieses Ziel sollte den Schülern anhand „menschlicher Erfahrungen wie Liebe und Glück“ sowie den sozialen und politischen Dimensionen der Welt erschlossen werden.

Die Beschäftigung mit „biblischen Geschichten und der kirchlichen Überlieferung“ dürfte nur eine untergeordnete Rolle im Religionsunterricht spielen – und auch nur, um damit die „Identitätsfindung und Kritikfähigkeit“ der Schüler zu befördern. Außerdem sollten die biblisch-kirchlichen Wahrheiten nur in Form von „pluriformen Aussagen“ zur Sprache gebracht werden – ergänzt durch eine pluralistische Religionskunde über andere Konfessionen und Religionen. Seither sind die katholischen Religionslehrer zwar von der Kirche ,gesendet‘ (missio canonica), aber sie sollen nicht den Glauben der Kirche und die christliche Lehre vermitteln, sondern soziale und religiöse Themen für die Selbstverwirklichung und Weltbegegnung der Schüler fruchtbar machen. Das biblisch-christliche Glaubenswissen soll nicht einmal im Sinne einer religionskundlichen Information eingebracht werden.

Ein Blick auf den Lehrplan Katholische Religion für die Sekundarstufe I in Hessen bestätigt dies. Es ergibt sich dort das Paradox, dass bei der Zielsetzung des Religionsunterrichts als „Identitätsfindung und Lebensbewältigung junger Menschen“ die Orientierung auf religiöse Inhalte und Bekenntnisse keine Rolle spielt. Erst bei der Entfaltung des Lehrplans in fünf Themenfeldern werden christliche Inhalte herangezogen. Im Vordergrund stehen aber Lernbereiche mit nicht-christlichen Themen wie „Begegnung mit sich selbst“, mit „anderen Menschen und der Schöpfung“ sowie mit „anderen Religionen und Weltdeutungen“. Erst nachgeordnet stehen in den beiden letzten Begegnungsfeldern die „biblische Botschaft“ und „die Kirche“ auf dem Lehrplan. Der Eindruck von Eltern, im Religionsunterricht würde vorwiegend Lebens- und Sozialkunde betrieben, hat hier seine Basis. Daneben verordnete die Synode auch eine spezielle Methode für die Behandlung von kirchlichen Themen: Die oben schon erwähnte „Korrelationsdidaktik“ schreibt vor, die Inhalte von Bibel und Glaubenslehre so zu vermitteln, dass sie sich mit einer temporären gesellschaftlichen „Lebensrelevanz“ gegenseitig erschließen.

Dieser Ansatz wirkt sich selektiv aus: Da mit solchen Glaubensthemen wie Erbsünde und Erlösung, Dreifaltigkeit und Gottessohnschaft Christi, Gericht und Christi Wiederkunft keine „Lebensrelevanz und Erfahrungsräume der Schüler zu erschließen“ sind, kommen sie in den bischöflich genehmigten Lehrplänen des katholischen Religionsunterrichts nicht oder nur am Rande vor. Anderen „Torheiten des Glaubens“ wie Wunder, Erlösungstod und Auferstehung geht es ebenso; sie sollen – wenn überhaupt behandelt – in einen konstruierten Zeitgeisthorizont eingeordnet werden.

An einem Unterrichtswerk lässt sich die Konzeption der religionspädagogischen Korrelationsdidaktik im Begegnungsfeld IV (Bibel) erläutern: In der Reihe „EinFach Religion“ werden die beiden biblischen Auferweckungsgeschichten von der Tochter des Jairus und dem Jüngling von Naim zu einer Unterrichtseinheit aufbereitet. Nach der Texterschließung der beiden Evangeliumserzählungen steht die Erarbeitung folgender Themen mit den Schülern an: „geschlechtsspezifische Zugänge zur Pubertät“, „moderne Geschichten vom Erwachsenwerden“ sowie „Motive des Aufstehens und Erwachens in Lyrik, Popmusik und Märchen“. Die biblische Geschichte wird bei diesem Vorgehen zu einem Aufhänger degradiert, um solche Themenkomplexe wie Sozialisation und Identitätsentwicklung im Kontext heutiger Zeit zu behandeln. Im Nachhinein muss den Schülern die Beschäftigung mit dem biblischen Text wie ein überflüssiger Einstieg vorkommen. Auch die Religionslehrer selbst machen sich mit der genannten Themenableitung überflüssig, denn für solche fachfremden Themen wie moderne Geschichten und Lyrik sind Deutschlehrer besser qualifiziert.

Die Kehrseite von der korrelationsdidaktischen Konzentration auf lebensrelevante Zugänge zu biblischen Erzählungen besteht darin, dass die theologischen Kernaussagen auf der Strecke bleiben – in diesem Fall die Erörterung von Krankheit und Tod als Folge der Erbsünde oder die Darstellung der Person Jesu Christi als Erlöser von Sünde und Tod. Ist es bei einem solchen Religionsunterricht verwunderlich, dass nur ein Drittel der Deutschen an die wirkliche Auferstehung Christi glaubt, wie Kardinal Rainer Maria Woelki kürzlich feststellte (DT vom 24. September 2015)? 60 Prozent glauben nicht an ein ewiges Leben. An Ufos glauben in Deutschland mehr Menschen als an das Jüngste Gericht. Im Religionsunterricht jedenfalls gilt der Glaube an Gottes Gericht korrelationsdidaktisch als nicht vermittelbar. Der Ausfall der Glaubensweitergabe im schulischen Reli-Unterricht dürfte die Basis dafür sein, dass sich „die gemeinsamen Glaubensinhalte (der Kirche) weitgehend in Luft aufgelöst haben“, wie der Kölner Kardinal resümierte.

Ähnlich wie bei der Erarbeitung der biblischen Botschaft sieht es bei den kirchlichen Themen im Begegnungsfeld V aus. Nicht vorgesehen im Religionsunterricht sind die Behandlung des Kreuzzeichens als Kurzformel vom dreieinen Gott, des Glaubensbekenntnisses, der zehn Gebote, des Vaterunsers, der sieben Sakramente oder des Aufbaus der heiligen Messe. Die kirchlichen Hochfeste Weihnachten, Ostern und Pfingsten werden nur in ihrem „Brauchtum mit Riten und Symbolen“ erläutert. Damit wird auch die Eingangsfeststellung erklärlich, warum den meisten Absolventen des Religionsunterrichts die biblischen Grundlagen der Hochfeste nicht bewusst ist. Die Sakramente der Taufe und Firmung sollen nur als „Symbole für die Aufnahme in die Gemeinschaft“, also als Initiationsriten gelehrt werden. Verkürzt werden Ehesakrament und kirchliche Ehelehre dargestellt.

Bischof Heinz Josef Algermissen von Fulda sagte vor einiger Zeit in einem Interview zu dem „Drama der Kirchenaustritte“ (DT vom 1. August 2015): „Bei meinen Besuchen und Gesprächen stelle ich fest: Das Glaubenswissen ist auf einem erschreckend niedrigen Niveau angekommen. Ich bin seit 46 Jahre Priester und muss sagen: Der Grundwasserspiegel des Glaubens war noch nie so tief wie im Augenblick.“ Die „grundlegenden Glaubenswahrheiten“ müssten neu vermittelt werden. Bei der „Therapie“ wird man um eine Rückbesinnung bei der schulischen Religionslehre auf die Kernthemen des Glaubens nicht umhinkommen.

Papst Benedikt XVI. hatte im Jahre 2006 beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe angemahnt, über eine Kurskorrektur beim Schul-Religionsunterricht nachzudenken. Ausgehend vom Glaubensbekenntnis zum dreieinen Gott sowie in der heilsgeschichtlichen Entfaltung des Glaubens von Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und Vollendung müsste wieder größerer Wert auf die Vermittlung von Glaubensinhalten gelegt werden. Die Überbetonung der korrelationsdidaktischen Methode sollte zurückgefahren werden. Ziel müsse es sein, so der Papst, im Laufe der Schulzeit den ganzen Glaubenskorpus in schülergerechter Form darzulegen. Mit dem Jugendkatechismus YOUCAT liegt inzwischen ein Orientierungsrahmen dafür vor.

Geschehen ist seither nichts. Die deutschen Bischöfe haben damals die Papstvorschläge nicht aufgenommen. Der glaubens- und kirchendistanzierte Religionsunterricht wird ohne Korrekturen weitergeführt. Seit der päpstlichen Anregung sind wieder zehn Jahrgänge von katholischen Schülern entlassen worden, die nur rudimentäre Kenntnisse von ihrem Glauben haben.