Kirche und Missbrauch: Übers Ziel hinausgeschossen

Kirche und Missbrauch

Zu „Selbstverpflichtung zum Rücktritt?“ (DT vom 22.11.): Frau Einig greift in ihrem Beitrag den Bischof von Limburg, Dr. Georg Bätzing, an und kritisiert seine Äußerungen zur MHG-Studie und zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Damit schießt sie weit über das Ziel hinaus. Die Grundlage für diese Kritik von Frau Einig ist, dass Bischof Georg Bätzing die Kirche als „Täterorganisation“ bezeichnet habe. Hier hat Frau Einig die journalistische Sorgfaltspflicht nicht beachtet und einfach falsch recherchiert. Bei einem Treffen mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern sagte er: „Das, was die MHG-Studie an den Tag gebracht hat, macht traurig und zornig. Die Kirche muss sich sagen lassen, dass sie eine Täterorganisation ist. Sie muss sich sagen lassen, dass Täter geschützt und dass falsch gehandelt wurde. Sie muss sich sagen lassen, die Opfer nicht beachtet zu haben. Und sie muss sich sagen lassen, systemische Faktoren, die sexuellen Missbrauch befördern, nicht im Blick gehabt zu haben.“ Der Link zur Berichterstattung findet sich hier: bistumlimburg.de.

Der Bischof hat deutlich gemacht, dass er es mehr als nur nachvollziehen kann, dass Menschen nun Vorwürfe gegenüber der Kirche als Institution erheben, dass Irritationen da sind und dass es die Kirche aushalten muss, dass ihr Vorwürfe gemacht werden und Vertrauen zerstört worden ist. Als Bischof kann er vor dieser Wirklichkeit die Augen nicht verschließen. Es darf nicht übersehen werden, wo Menschen in der Kirche Fehler gemacht haben, wo Täter gedeckt wurden. Bischof Georg hat eben nicht gesagt, die Kirche ist eine Täterorganisation, sondern sie muss es aushalten, dass sie als solche bezeichnet wird.

Bischof Georg Bätzing wollte mit dem Gebrauch des Begriffes „Täterorganisation“ keine Verbindung zu den Verbrechen der Nationalsozialisten und deren Kontexten aufzeigen und auch nicht an die Machenschaften von mafiösen Organisationen anknüpfen, die es zu bekämpfen gelte. Bischof Georg ist Theologe, Priester und Bischof. Als hoher Repräsentant der Kirche ging es ihm vielmehr darum, Schuld und Versagen der Institution Kirche einzugestehen. Er hat mit seinen Aussagen, dies wird in der ausführlichen Berichterstattung des Bistums deutlich, seine Verantwortung für die Aufarbeitung der Taten und die Weiterarbeit an dem Themenfeld erklärt.

Theologisch ist dies übrigens anknüpfungsfähig. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil zeigt in der dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ die Vielschichtigkeit des Kirchenbegriffs auf. Die Kirche ist eben nicht nur eine „Versammlung von Heiligen“ oder „Leib Christi“, sondern auch eine hierarchisch verfasste Institution, in der Menschen arbeiten und Ämter organisieren. Menschen können zu Tätern werden. Sie können Fehler machen und anderen Leid zufügen. Sie können um Verzeihung bitten, Verantwortung übernehmen und aus den Austausch mit Opfern lernen.

Stephan Schnelle,

Pressesprecher des Bistums Limburg