Jahwe und die Jungfrauengeburt: Zur Diskussion um die neue Einheitsübersetzung der Bibel: Was ist in meiner Kirche los?: Fragwürdig und beunruhigend

Es verschlägt einem die Sprache: Wer in der deutschen katholischen Kirche ist auf den Gedanken verfallen, eine Neuausgabe der biblischen Einheitsübersetzung zu veranlassen, die noch mehr als ihre Vorgängerin sich vom Urtext entfernt und sich einer Mehrheit anbiedert, deren Interesse an christlichem Glauben und Glaubensgemeinschaft offenbar weiter sinkt (siehe Jahresbilanz für Deutschland 2015). Herr Mihm (DT vom 24. September) stellte richtig fest, dass die Evangelische Kirche den Weg „zurück zu ihren Quellen“, zur Lutherbibel, längst gegangen ist, die katholische Kirche dagegen vorwärtsschreitet auf eine noch tiefer gehende Verflachung des Gotteswortes. Ein Beispiel dafür sei genannt: der Name Gottes. „Jahwe“, der „Ich bin der Ich bin (da)“. So hat Gott selbst sich Mose im brennenden Dornbuch vorgestellt: Er, der Zeitlose ohne Anfang noch Ende; Er, der Anwesende, der Ansprechbare. Kürzer kann man das Wesen Gottes nicht beschreiben. „Herr“ über Himmel und Erde ist Gott zwar auch. Das Neue Testament (besonders Paulus) bezieht diesen Titel (Kyrios) aber vor allem (nur) auf die Person Jesu.

Wie sehr das Gender–Denken die intellektuelle Elite der Kirche bereits unterwandert hat, zeigt die Umdeutung der beiden Namen Andronikos und Junias (Röm 16,7) die durch den hinzugefügten Artikel (tous) als Männer gekennzeichnet und offenbar Verwandte (cognati) und Mitgefangene (concaptivi) des Paulus, aber keine Apostel waren.

Was ist in meiner Kirche los? Ist man der biblischen Ursprachen unkundig? Hat die Kirche zu viel Geld, das sie auch zielgerichteter verwenden könnte? „Zurück zu den Quellen“ – ja, unbedingt. Die Katechese hat das zu leisten, sei es in der Liturgie, sei es in kleinen Kreisen. Der vom Episkopat initiierte und längst beschrittene Weg der Anpassung wird das eher nicht zustande bringen, wie der kirchliche Alltag zeigt.

Das deutsche römische Brevier zitiert in der zweiten Lesung der Lesehore vom 30. September den heiligen Hieronymus, den Tagesheiligen, zum Buch Jesaja, wobei der heilige Hieronymus den Propheten Jesaja ausdrücklich auch als „Evangelisten“ bezeichnet, wie folgt: „Die Geburt des Immanuel aus der Jungfrau wird (dort) gelehrt.“ In der „Nova Vulgata“ heißt die Jesajastelle: „Ecce virgo concipiet.“ Genauso hat es Alioli ins Deutsche übersetzt: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen…“ In der jüngsten Übersetzung der Septuaginta ins Deutsche liest man bei Jesaja: „Seht, die Jungfrau wird empfangen“, um nur diese Übersetzungen zu zitieren. In der protestantischen Interlinearübersetzung allein – heißt es – freilich aus dem Hebräischen, gemäß einer anderen exegetischen Tendenz und Hermeneutik: „Die junge Frau“ und steht deshalb abseits der hier aufgeworfenen Frage.

In der „Tagespost“ berichtet nun Regina Einig in ihrem Artikel über die neue Einheitsübersetzung der Bibel, dort laute die fragliche Jesajastelle jetzt, ins Perfekt gesetzt, in die Vergangenheit gerückt: „Die Jungfrau h a t empfangen“. Das ist um so erstaunlicher, als doch die bisherige „Einheitsübersetzung“ selbst, wie auch sonst in katholischen Bibeln übersetzt: „Seht, die Jungfrau wird empfangen“. Mit dem „hat“ wird die in der ganzen Tradition überlieferte Fassung des Jesajazitates beim heiligen Matthäus in Frage gestellt. Denkt man konsequent, wird dadurch nicht nur dieses Evangelium, sondern auch die Heilige Schrift als Ganzes ins Zwielicht gerückt.

Hoffentlich wird verhindert, dass diese fragwürdige und beunruhigende Neuübersetzung einer so sensiblen Stelle in die kommenden liturgischen Bücher gerät. Soweit ich sehe, geht Papst em. Benedikt XVI. ganz selbstverständlich in dem Prologband „Die Kindheitsgeschichten“ seiner Jesustrilogie von der traditionellen, oben mehrfach zitierten, Übersetzung bei Jesaja und bei Matthäus aus, Benedikt XVI. zieht jedenfalls eine andere Lesart bei Jesaja, im Perfekt, wie in der neuen Einheitsübersetzung, nicht in Betracht. Er bewegt sich zur Gänze in der Sicht des heiligen Hieronymus.

Im Übrigen schreibt der päpstliche Autor: „Jungfrauengeburt und wirkliche Auferstehung Jesu aus dem Grab – Prüfsteine des Glaubens.“ Und an anderer Stelle: „Die beiden Kapitel der Kindheitsgeschichte des Matthäus sind nicht eine in Geschichten gekleidete Meditation, sondern umgekehrt: Matthäus erzählt uns wirkliche Geschichte, die theologisch bedacht ist, und hilft uns so, das Geheimnis Jesu tiefer zu verstehen.“

Ich denke, dieses Fazit des päpstlichen Autors schließt ein, dass Matthäus auch mit der Wiedergabe der Stelle bei Jesaja seiner Verantwortung bewusst, also „theologisch bedacht“ und zugleich als inspirierter Evangelist umgegangen ist. Im Übrigen stellen die beiden diesbezüglichen Kapitel bei Papst em. Benedikt XVI. wahre Fundgruben zu dem ganzen Komplex „Jungfrauengeburt“ dar, wie etwa im zweiten Kapitel, auf Seite 55, der zweite Absatz von oben.