„Gerechter Lohn“, wie kann das gehen?: Da braucht der Ingenieur länger

Zweifellos soll jeder Arbeiter einen gerechten Lohn erhalten, von dem er leben kann (DT vom 12. Februar). Aber andererseits kann der Arbeitgeber nicht mehr verteilen als erwirtschaftet wurde. Von seinem Gewinn muss er – ganz grob überschlagen – seine Material-, Energie- und sonstigen Kosten bezahlen und Rücklagen für künftige Investitionen bilden und den Rest kann er an seine Arbeiter verteilen. Über die Tarife seiner Spezialisten kann er nicht frei entscheiden, denn die sind von den Gewerkschaften erkämpft worden. Wenn dann für ungelernte Hilfskräfte zu wenig übrig bleibt, sollte man darüber nachdenken, ob vielleicht die Gehälter in den obersten Gehaltsklassen zu hoch waren.

Das dürfte der schwierigste Teil der oben sehr primitiv angerissenen Berechnung sein. Man kann wohl relativ einfach errechnen, wie viel insgesamt durch die Arbeit erwirtschaftet wurde. Aber mir ist noch kein Weg eingefallen, wie man abschätzen könnte, wie groß der Anteil daran ist, der auf den einzelnen Mitarbeiter entfällt. Der Anteil der Raumpflegerin wird sicher geringer sein als der des Konstrukteurs. Aber ganz auf sie verzichten möchte wohl auch wieder niemand. Ein Personalchef hat mir einmal etwas überspitzt erzählt, sein wichtigster Mann im Betrieb sei ein leicht debiler Helfer. Normale Arbeiter könne er jederzeit bekommen. Aber der packt überall sofort zu und greift ohne juristische Bedenken ein, wenn es irgendwo klemmt und vielleicht sogar die Gefahr besteht, dass der Betrieb zum Stillstand kommen könnte. Der klettert notfalls auf einen Kamin, auch wenn die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen nicht so schnell installiert werden können und er krempelt auch mal die Ärmel hoch und greift mit der Hand in ein Klo, um eine Verstopfung auf dem schnellsten Weg zu beseitigen. Sein Betriebsingenieur würde für die gleiche Aktion ein bis zwei Tage benötigen. Wie ist wohl die gerechte Abschätzung zwischen den beiden?

Man könnte auch diskutieren, ob mehr als ein Monat Urlaub wirklich notwendig ist, ob immer weitere Arbeitszeitverkürzungen den Arbeitern wirklich etwas nützen oder ob einfach wieder mehr gearbeitet werden sollte, wenn das Geld nicht reicht. Nicht wenige Leute machen große Reisen, obwohl sie keinerlei Interesse an fremden Ländern, Sprache und Kulturen haben. Sie reisen nur, weil es der Nachbar oder der Arbeitskollege auch tut. Wenn ich lese, wie viele Milliarden für Auslandsurlaub, Katzenfutter, Zigaretten und so manche andere nicht unbedingt lebensnotwendige Dinge ausgegeben werden, wenn ich mir anschaue, welcher Preisklasse die Autos auf Firmenparkplätzen angehören, dann komme ich zu der Überzeugung, dass nicht alle Arbeitnehmer vom Existenzminimum leben.

Wenn über die Einkommensunterschiede gesprochen wird, hat man oft den Eindruck, dass vom Spitzengehalt des Chefs etwas unter seinen Arbeitern aufgeteilt werden müsste. Aber wenn man 10 000 Euro unter 1 000 Arbeitern verteilt, kommt beim Einzelnen nicht viel an. Lohnsteigerungen werden bei uns in der Regel in Prozenten vom bisherigen Lohn zugeteilt. Das bedeutet, wer wenig verdient, bekommt eine kleinere Steigerung als der, der jetzt schon viel hat. Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, ob da in den letzten Jahrzehnten etwas schiefgelaufen ist. Zurzeit wird viel über Beschränkungen für die Spitzengehälter der Bosse geredet. Vielleicht bleibt für die untersten Lohnstufen mehr, wenn man mit diesem Vorschlag auf der Gehaltsleiter noch ein paar Sprossen weiter heruntergeht.