Der Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf, kritisiert die katholische Sonntagspflicht : Dieser Einschätzung muss man widersprechen

Abtprimas Notker Wolf kritisierte die kirchliche Sonntagspflicht. Wie zur Zeit der ersten Christen müsse der Impuls zum regelmäßigen Besuch des Sonntagsgottesdienstes „doch aus dem Herzen kommen“. Das von der Kirche eingeführte Gebot bezeichnete der ranghöchste Benediktiner sogar als „Entwürdigung des Sonntags“ (DT vom 8. Juni 2013). Dieser Einschätzung ist zu widersprechen.

Bereits im Hebräerbrief werden die Gläubigen deutlich aufgefordert, nicht den sonntäglichen Zusammenkünften fernzubleiben, „wie es einigen zur Gewohnheit geworden ist“ (Hebr 10,25). Mit Recht erwähnt der Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 2178) diese Bibelstelle, bevor er ab Nr. 2180 auf die Sonntagspflicht zu sprechen kommt. „Da die Eucharistie das Herz des Sonntags ist, versteht man, dass seit den ersten Jahrhunderten die Bischöfe nicht aufgehört haben, ihre Gläubigen an die Notwendigkeit der Teilnahme an der liturgischen Versammlung zu erinnern.“ (Papst Johannes Paul II, Dies Domini Nr. 46).

Während der Diokletianischen Verfolgung waren viele Christen bereit, für diese Teilnahme an der sonntäglichen Liturgie ihr Leben hinzugeben, wie zum Beispiel die Märtyrer aus Abitana in der Provinz Africa proconsularis. Als dann der Eifer mancher Jünger des Herrn nachließ, ja Lauheit sich verbreitete, wurden immer wieder entsprechende Mahnungen ausgesprochen. Wenn diese nicht fruchteten, verhängten die Bischöfe Sanktionen, so schon sehr früh zum Beispiel für den Fall dreimaliger Abwesenheit vom Sonntagsgottesdienst auf der Synode von Elvira (um 300), oder sie trafen weitere kirchenrechtliche Verfügungen, wie auf der Synode von Agde im Jahre 506. Hier liegt also kein Bruch mit dem Geist „der ersten Christen“, sondern eine logische Entwicklungslinie vor, die schließlich in die Bestimmung des kirchlichen Rechtsbuchs mündete. Die katholische Praxis so in Misskredit zu bringen, wie Abt Wolf dies versucht, ist wohl gerade in der heutigen Zeit kaum zu verantworten.

Wir sehen doch, wohin eine falsche „Freiheit“ führt, wie sie zum Beispiel das „Evangelische Staatslexikon“ (21975, Sp. 2317, s. v. „Sonn- und Feiertage“) in einem sonst löblichen Kontext proklamiert: „Deswegen ist es wichtig, dass das eigentlich christliche Verständnis des Sonntags als ,Tag des Herrn‘, an dem sich die Gemeinde zum Gottesdienst sammelt, klar herausgestellt und heute – ohne äußeren Zwang – geistlich neu begriffen wird.“ Offenbar ist dieses Ziel ohne Sonntagspflicht (und übrigens auch ohne Beachtung der apostolischen Tradition, nach der eine Eucharistiefeier und kein reiner Wortgottesdienst mit Predigt stattzufinden hat!) nicht erreicht worden. Denn bundesweit besuchten im Jahre 2012 nur noch 3,6 Prozent der Protestanten den Sonntagsgottesdienst, bei den Katholiken liegt die Zahl noch erheblich höher (wenngleich auch viel zu niedrig): 2007 waren es 15 Prozent, allerdings dürfte die Teilnahme an der Sonntagsmesse seitdem auch noch etwas zurückgegangen sein (Nachweis der Daten und andere Details in: Verf., Die Geschichte des Sonntags und seine Bedeutung für Kirche und Gesellschaft, CIVITAS 14/2012).

Im übrigen wird ja heute kein (erwachsener) Mensch in irgendeiner Form dazu genötigt, sonntags an der heiligen Messe teilzunehmen. Aber man kann doch wohl der Kirche nicht das Recht absprechen, klar vorzugeben, was sie in Jesu Auftrag von ihren Gläubigen als Minimalbeitrag zu einem christlichen Leben verlangt.