Kolumne

Wohlstand ade?

Für Menschen in prekären Lebensverhältnissen wird sich ihre schwierige Situation noch verschärfen. Hier sind tragfähige Lösungen, insbesondere in der Lohn-, Sozial- und Wirtschaftspolitik nötig.
Die Ängste der Deutschen 2022 - Illustration
Foto: Silas Stein (Deutsche Presse-Agentur GmbH) | Der Taschenrechner bestimmt die Lebensführung vieler Menschen. Sparen ist da kaum noch möglich.

Das Leben ist für uns alle spürbar teurer geworden. Der Krieg in der Ukraine und eine Inflation von derzeit 10 Prozent treiben die Verbraucherpreise in die Höhe. Ein Ende der Steigerungen ist nicht in Sicht. Durch Mehrausgaben gelingt es nur noch jedem Zweiten, Geld auf die Seite zu legen und zu sparen. Vor zwei Jahren, während der Corona-Krise, war dies noch gut 70 Prozent der Bevölkerung möglich. Die Menschen blicken mit Sorge auf den beginnenden Winter und den damit einhergehenden Mehrverbrauch an Strom, Gas, Öl und anderem Brennmaterial. Bereits jetzt reagieren sie auf diese Krise, etwa mit dem Verzicht auf Markenware und Bio-Produkte, mit kürzeren Duschzeiten oder Do-It-Yourself-Heizungen aus Terrakottatöpfen und Teelichtern – wobei sicherlich nicht jede der oftmals durchaus erfindungsreichen Privatlösungen nachahmenswert ist!

Raus aus dem „Immer-Mehr“-Denken

Ökonomen rechnen für 2023 im Jahresdurchschnitt mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent. Prognosen im Frühjahr dieses Jahres waren noch von 3,1 Prozent Wachstum ausgegangen. Die Wohlstandsgesellschaft, die sich in den vergangenen vier Jahrzehnten an niedrige Inflationsraten gewöhnt hat und deren größter Teil noch aus dem Vollen schöpfen konnte, gerät mächtig ins Wanken. Politiker und Ökonomen werden nicht müde, in ihren Statements bereits vom „Ende des Wohlstands“ zu reden, sehen einen „permanenten Wohlstandsverlust“ auf Deutschland zukommen. Ja, wir müssen uns einschränken und uns im Verzicht üben, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar auf lange Zeit hin.

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Situation wird sich verschärfen

Und für Menschen in prekären Lebensverhältnissen wird sich ihre jetzt schon schwierige Situation noch verschärfen. Hier sind tragfähige Lösungen, insbesondere in der Lohn-, Sozial- und Wirtschaftspolitik nötig. Aber bietet uns die gegenwärtige Krise darüber hinaus nicht die Chance, existierende Wohlstandsleitbilder und -indikatoren, die allein auf ein Wachstum von Produktion, Einkommen und Konsum setzen, auf den Prüfstand zu stellen? Auch wenn materielle Sicherheit eine Voraussetzung etwa für sozialen Fortschritt, für die Finanzierung eines gerechten Bildungs- und Gesundheitswesens ist, erhöht ein Mehr an materiellem Wohlstand nicht automatisch das Glücksempfinden oder die Lebenszufriedenheit.

Ein neues Wohlstandsleitbild setzt die Balance von Materiellem und Sozialem voraus, stellt qualitatives vor quantitatives Wachstum sowie vor das „Immer-Mehr“. Wenn der Staat sein „You´ll never walk alone“-Versprechen einhält und das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit nicht außer Acht lässt, dann werden auch die Bürgerinnen und Bürger bereit sein zum Verzicht, zum Zusammenhalt, zur Solidarität, zu einer Gemeinschaft der Gegenseitigkeit, zum Leben nach Maß. Dann bleibt uns auch der Wohlstand im Sinne von mehr immaterieller Lebensqualität erhalten.

Der Autor ist Theologe und Leiter des Arbeitsbereiches Erwachsenen- und Familienbildung im Bischöflichen Generalvikariat Trier. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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