Kolumne

Staat machen – nur mit der Familie

Der Staat muss als erstes und oberstes Interesse den Schutz und die Förderung der Person vom ersten Moment der Empfängnis an haben.
Studie: Bindung zwischen Müttern und Töchtern am intensivsten
Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild) | In den Verfassungen der meisten Staaten der Welt nehmen die Familien und ihr Schutz nur eine unbedeutende Rolle ein..

Vor zwei Wochen war ich zur Frühjahrskonferenz der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften im Vatikan eingeladen; das Thema war „Familie“. Von allen Kontinenten waren Wissenschaftler gekommen und hatten Vorträge zu verschiedenen Aspekten der Familie übernommen. Ein Vortrag war besonders interessant: Paolo Carozza von der katholischen Notre Dame University in den USA hatte sich sämtliche Verfassungen aller Staaten der Welt angesehen im Hinblick auf die Familie, also unter der Frage: Was wird zur Familie gesagt? Das Ergebnis war, gelinde gesagt, recht ernüchternd – denn sehr viele Verfassungen erwähnen die Familie gar nicht, in manchen stehen sie nur als Adressaten von Erwartungen und Pflichten und nur wenige sprechen von den Rechten der Familie. Ganz wenige Verfassungen wiederum sehen den Staat in der Pflicht zur Sorge und Förderung der Familie. Vorbildlich sind übrigens insbesondere die Verfassungen Portugals und der Philippinen. Und auch das sei gesagt: Vorbildlich in Europa in der politischen Förderung der Familie ist Ungarn.

Wie denkt man weltweit vom Staat?

Aus katholischer Sicht ist das ein etwas beklemmendes Ergebnis, aber auch bezeichnend: Wie denkt man weltweit vom Staat? Mehrheitlich wird vom Individuum her gedacht, so, als wenn ein Mensch zufällig vom Baum oder vom Himmel fiele und dann der Förderung durch den Staat zur individuellen und wirtschaftlichen Entfaltung bedürfe. Dabei ist es doch ganz umgekehrt: Jeder Mensch entsteht ja interessanterweise offensichtlich niemals aktivisch („ich zeuge mich, ich gebäre mich“), sondern rein passiv: Jeder von uns wird gezeugt und wird empfangen. Und das deutsche Wort „empfangen“ meint ja beides: biologischer Anfang und existenzielles Erwünschtsein und Begehrtwerden. Jeder von uns wird empfangen von Menschen, selbst noch im Zeitalter technischer Reproduktion, und sieht sich begehrt und erwünscht von Menschen ab dem ersten Tag der Empfängnis und hoffentlich bis zum Tag der Geburt und ganz hoffentlich bis zum letzten Atemzug. Übrigens stirbt sich auch kein Mensch, sondern verstirbt, auch hier schwingt eine Passivität des Erleidens und des Hinnehmens mit!

Lackmustest der Familienförderung

Aus katholischer Sicht zugespitzt formuliert: Es gibt den Staat nur wegen der Person und sodann wegen der Familie, in die jede Person hineingezwungen und hineingehören wird. Und der Staat muss als erstes und oberstes Interesse den Schutz und die Förderung der Person vom ersten Moment der Empfängnis haben. Das heißt dann auch: den Schutz und die Förderung der Familie, ganz konkret durch finanzielle Förderung und Hilfen, durch familienfreundliche Gestaltung der Arbeitswelt und der Bildung, also der Kinderbetreuung und der Schulen, durch Förderung und Ermöglichung von Großfamilien. Und alles im Sozialstaat sollte diesem Lackmustest der Familienförderung unterzogen werden. Denn selbstlose Liebe und Freundschaft und bereitwillige Übernahme von Verantwortung in Rücksicht und Verzicht erlernt der Mensch weder von selbst noch von der Polizei oder vom Finanzamt, so nützlich diese auch sein mögen. Sondern nur von Freunden, die ihn sehnsüchtig erwarten. Eben von der Familie.

Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

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