Sozialethik

Kolumne: Neue Zeit der Solidarität

Die ethischen Fragen im Kontext der Pandemie bleiben hochkomplex. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.
kolumne: Neue Zeit der Solidarität
Foto: Privat

Vor einigen Jahren besuchte ich im Zuge eines Praktikums verschiedene Pflegeeinrichtungen – sogenannte Nursing Homes – im Großraum von Chicago (USA). Ehrlich gesagt müsste man eher von „Verwahranstalten“ sprechen. Dort fristen nämlich Pflegebedürftige, physisch und psychisch Beeinträchtigte oder schlichtweg verarmte Personen aller Altersgruppen ohne Krankenversicherung in engen Gemeinschaftsunterkünften ihr Dasein.

Gewalt und Hilflosigkeit

Manche, die noch etwas Erspartes übrig haben, können sich ein Mehrbettzimmer leisten. Doch auch für sie gilt: Statt Fürsorge, Privatsphäre und ausreichende medizinische Versorgung ist ihr Alltag geprägt von Gewalt, mangelnder Hygiene und der Hilflosigkeit alleingelassener Pflegekräfte. Wer hier keinen Platz bekommt, endet in der Obdachlosigkeit. Es betrübt zwar, aber überrascht kaum, wenn laut verschiedener Studien etwa die Hälfte der Corona-Toten in den USA dort, unter den Ärmsten, zu beklagen sind. Auch bei uns gehören Pflegebedürftige und Personen über achtzig Jahre zu den am meisten durch Covid-19 bedrohten Gruppen. Einmal in eine Gesundheitseinrichtung gelangt, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Großteil mit dem Virus infiziert. Trotz Hochleistungsmedizin und exzellent ausgebildeter Pflegefachkräfte sind auch dann Todesfälle kaum noch zu verhindern.

Biden zitiert Augustinus

In seinem Aufruf zur gesellschaftlichen Einheit zitierte der katholische US-Präsident Joe Biden bei seiner Amtseinführung letzte Woche den Kirchenvater Augustinus. Dieser definierte das soziale Miteinander durch das Erstreben gemeinsamer Ziele. Welche gemeinsamen Ziele helfen uns, durch die Pandemie zu kommen? Er nennt Würde, Freiheit, Sicherheit, Respekt, Hilfsbereitschaft. Sicherlich gehören diese dazu. Und konkret? Die Beachtung der Hygienevorgaben, die Aufmerksamkeit für die Not des Nächsten, das Unterbrechen von Infektionsketten, eine verlässliche Impfstrategie, ausreichend Schutzmaterial, und: das Bewusstsein, dass es auf das Wohlwollen eines jeden Einzelnen ankommt. Denn der Kern der liberalen Demokratie besteht in der Anerkennung der individuellen Freiheit, die in Liebe tätig wird.

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Schutz der Menschenwürde

Szenen, wie jene in den Nursing Homes, konnten wir aufgrund unserer Zusage zum vorrangigen Schutz der menschlichen Würde in Verbindung mit einem belastbaren System der sozialen Marktwirtschaft bislang verhindern. Nicht zuletzt auch wegen des unermüdlichen Einsatzes und des vorbildlichen Verhaltens unzähliger Mitbürger, privat wie beruflich. Danke dafür! Dennoch bleiben die ethischen Fragen im Kontext der Pandemie hochkomplex und ja, wir haben noch einen langen Weg vor uns. Wie man es auch wendet: Der Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit lässt sich kaum auflösen. Es ist jetzt eine neue Zeit der Solidarität angebrochen, die als Aufgabe an uns alle herantritt. Das Potenzial der Gerechtigkeit in unserem Leben ist dazu da, voll ausgeschöpft zu werden. Tugend macht handlungsfähig.

Übrigens: Die Kathedralen im englischen Salisbury, Blackburn und Lichfield sind in Impfzentren umgewandelt worden. Auch ein Modell für deutsche Bischofskirchen?

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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