Wirtschaft und Soziales

Freiheit in Zeiten der Digitalisierung

Der Bund Katholischer Unternehmer traf sich in Heidelberg. Von Sebastian Sasse
Freiheit ist das zentrale Thema, um das Paul Kirchhofs Denken kreist.
Foto: BKU | Freiheit ist das zentrale Thema, um das Paul Kirchhofs Denken kreist. Die katholischen Unternehmer rief der ehemalige Bundesverfassungsrichter dazu auf, ihre Freiheit beherzt zu nutzen und im Sinne ihres Glaubens ...

Wir brauchen solche Gruppen wie Ihre“, sagt Paul Kirchhof. Und gibt im Anschluss den katholischen Unternehmern bei ihrer Bundestagung am vergangenen Wochenende in Heidelberg einen ganzen Aufgabenkatalog mit auf den Weg. „Unsere Gesellschaft braucht wertebewusste Aussagen, sprechen Sie über die Missstände.“ Viel gebe es zu tun, betont der ehemalige Bundesverfassungsrichter. Etwa im Hinblick auf die schwindende Bedeutung der Familie: „Verschweigen Sie nicht, dass unsere Zukunft von unseren Kindern und Enkelkindern abhängt.“ Weiterhin ruft er die Funktion des Nationalstaates in Erinnerung: Er allein bilde den Rahmen für eine funktionierende Demokratie. Und schließlich die soziale Gesellschaft, deren Leitbild müsse sein: „der Mensch, der sich selbst hilft“. Paul Kirchhof gehört zu den bedeutenden Intellektuellen des Landes, die ihre katholische Prägung nicht nur nicht verschweigen, sondern ganz klar herausstellen. „Der Professor aus Heidelberg“ – so hatte Gerhard Schröder im Bundestagswahlkampf 2005 versucht, den Steuerrechtsexperten als abgehobenen Wissenschaftler zu diskreditieren. Hier beim BKU schätzt man die Gelehrsamkeit Kirchhofs, denn sein Denken kreist um einen Begriff, der auch für unternehmerisches Handeln zentral ist: die Freiheit.

Unternehmer wollen gestalten

Gerade erst hat Kirchhof ein neues Buch veröffentlicht, in dem er seine Leser dazu auffordert, beherzt ihre Freiheit zu nutzen. In Heidelberg nimmt er nun aus dieser Perspektive ein Verhältnis in den Blick, dem die Unternehmer ihre ganze Tagung gewidmet haben: Digitalisierung und Menschenwürde. Wie sieht in diesem Spannungsfeld unternehmerisches Handeln aus, das sich einer Freiheit aus Verantwortung verpflichtet weiß? „Formatierte Freiheit“ – darunter versteht Kirchhof ein Phänomen, das den gesamten Prozess der Digitalisierung begleite. Inhalte würden auf Formate verengt, die durch die digitale Technik vorgegeben werden. Allerdings gilt hier auch: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Wer diesen Effekt kenne, könne eben auch verantwortlich mit ihm umgehen. Die Freiheit des Unternehmers angesichts der Digitalisierung zeige sich daran, dass er weder zum kritiklosen Bewunderer der Entwicklung noch zum Kulturpessimisten werde. Vielmehr entdecke der Unternehmer den Gestaltungsspielraum, der sich ihm biete. Dieses Muster müsse sich auch in der Gesetzgebung widerspiegeln: „Freiheit erfordert immer Verantwortlichkeit und Haftung“, so Kirchhof. Beispiel: Handel mit Daten aus den Sozialen Netzwerken. Dort flüchteten die, die mit diesen Daten Handel trieben, in die Anonymität. Dies entspreche nicht dem Unternehmerbild. „Das ist ein Angriff auf unsere Freiheit.“ Hier seien Initiativen des Gesetzgebers gefordert. Der BKU, so Kirchhof, könne als Gruppe in diesem Sinne die öffentliche Debatte beeinflussen.

Wer handelt, der macht auch Fehler

Dass der BKU sich nicht nur in einer guten Verfassung befindet, um solchen Aufgaben gerecht zu werden, sondern sich sogar anschickt, seine Aktivitäten noch weiter auszubauen – auch das wurde bei der dreitägigen Bundestagung deutlich. Da war die intensive Arbeit der rund 100 Teilnehmer in Workshops. Man merkte daran: Für die BKU-Mitglieder ist es wichtig, dass so eine Tagung nicht nur aus gelehrten Festreden besteht, sondern genauso viel Raum für Diskussion und Austausch bietet. Möglichkeiten eben, selbst etwas zu unternehmen. So debattierten etwa einige Teilnehmer mit dem Verleger Manuel Herder darüber, wie sich die digitale Transformation auf den Mittelstand auswirken kann. Herder plädierte hier für den Mut zu einer Fehlerkultur. Niemand kenne den Königsweg. Wichtig sei, dass der Chef mit gutem Beispiel vorangehe. Und auch selbst Fehler eingestehe. Es sei wichtig zu realisieren: Wer handele, der mache auch Fehler.

Nachwuchs zeigt Interesse

Ein andere Entwicklung, die sich andeutete: Der Bund kann sich auch über Nachwuchs freuen. Der Junge BKU wächst. Wie überhaupt unter jungen Leuten das Interesse an der Katholischen Soziallehre zunimmt. Dies hat die Diözesangruppe Berlin aufgegriffen: Im BKU Youth Club finden in der Hauptstadt regelmäßig Vorträge und Diskussionsrunden statt, bei denen Jugendliche, schon Oberstufenschüler sind angesprochen, mit den Prinzipien der Soziallehre vertraut gemacht werden. Ein Modell, das auch andere Diözesanverbände übernehmen wollen.

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