Wo die Päpste einstmals Urlaub machten

Mit der Öffnung der Privatgemächer der Päpste endet in Castel Gandolfo eine vierhundert Jahre alte Tradition. Von Natalie Nordio
Papal apartment at Castel Gandolfo opens to public
Foto: dpa | Nun zugänglich: Die Treppe zu den päpstlichen Privatgemächern.

Seit einer Woche ist ein weiteres Stück Papsttum der breiten Masse zugänglich geworden. So drängelten sich in den vergangenen Tagen Besucher durch die Empfangsräume und Arbeitszimmer der Privatgemächer des päpstlichen Palastes in Castel Gandolfo hindurch in Richtung päpstliches Schlafzimmer, um einen Blick auf das Bett zu werfen, in dem zuletzt Papst Benedikt XVI. emeritus geschlafen hat. So gut wie nichts sei verändert worden, berichtete einer der Palastangestellten stolz. Zufälligerweise steckte auf einem der Schreibtische eine kleine Bayernflagge im Stifthalter. Die Angestellten, die früher im Dienst des Papstes standen, übernehmen im Augenblick die Führung durch die Privatgemächer. Die Audioguides, die man für den Gang durch die anderen Teile des Palastes wie die Galerie der Päpste bekommt, müssen erst noch mit den nötigen Informationen über die Privatgemächer gespeist werden. Die Vermarktungsmaschine Vatikan läuft auf Hochtouren. Die Vatikanischen Museen haben auf ihrer Internetseite bereits das Angebot um die Besichtigung der päpstlichen Privatgemächer in Castel Gandolfo erweitert. Wer nicht im Internet vorbestellen möchte, kann direkt vor Ort für zehn Euro, die günstigste Variante, eine Eintrittskarte erwerben.

Bereits im September 2015 hatte Papst Franziskus beschlossen, Teile der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gruppen, Familien und Einzelpersonen konnten seitdem mit einem Sonderzug immer samstags im Anschluss an die Besichtigung der Vatikanischen Museen die weitläufige Gartenanlage und die Galerie der Päpste im Palast besuchen.

Erste Risse hatte die päpstliche Tradition, den heißen römischen Sommer in Castel Gandolfo im Herzen der Albaner Berge zu verbringen, schon im Sommer 2013 bekommen, als Papst Franziskus beschloss, keine Ferien mehr zu machen – ein päpstliches Feriendomizil für einen Papst, der keinen Urlaub macht, war somit überflüssig. Mit Benedikt XVI. emeritus gab es 2013 noch einen letzten Bewohner. Er hatte sich nach seinem Rücktritt im Februar für die erste Zeit hierher zurückgezogen, bis sein endgültiges Domizil im Kloster Mater Ecclesiae in den Vatikanischen Gärten bezugsfertig war. Benedikt XVI. war während seines Pontifikats gerne hier, machte lange Spaziergänge in den Gärten von Castel Gandolfo und genoss die Ruhe. Nun flanieren Touristengruppen durch den Garten oder durchfahren die Grünanlage mit dem Bus. Mit der Öffnung der letzten privaten Räume der Päpste in Castel Gandolfo ist nun das letzte „Geheimnis“ gelüftet und aller Welt zugänglich. Mit dieser Entscheidung endet die rund vierhundertjährige Tradition der Päpste in Castel Gandolfo, für die Papst Urban VIII. im Jahr 1623 kurz nach seiner Wahl im August den Grundstein gelegt hatte.

Um das Jahr 1 000 vor Christus lag an der Stelle der heutigen Stadt das antike Alba Longa, die Geburtsstadt der legendären römischen Stadtgründer Romulus und Remus. Um das Jahr 1 100 vor Christus von Ascanius, dem Sohn des Trojaners Aeneas, gegründet, gilt Alba Longa als Mutterstadt des großen Roms. Im siebten Jahrhundert vor Christus zerstörten die Truppen des dritten römischen Königs Tullus Hostilius Alba Longa und die Bewohner wurden nach Rom an den Caelius zwangsumgesiedelt. Aber die günstige Lage direkt an der Via Appia führte ab dem vierten Jahrhundert vor Christus vermehrt zur Errichtung zahlreicher Villen um das heutige Castel Gandolfo herum. Kaiser Domitian verbrachte fast das ganze Jahr in den Bergen. Er ließ im ersten Jahrhundert nach Christus einen Palastkomplex errichten, der sich von der Anhöhe bis hinunter ans Ufer des Albaner Sees erstreckte.

Der von Urban VIII. zwischen 1623 und 1629 errichtete Palast liegt zum größten Teil über den Ruinen des antiken Kaiserpalastes. Zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts fielen die Ländereien für kurze Zeit in die Hände der aus Genua stammenden Familie Gandolfi, die hier eine Festung errichtete. Sie gaben dem heutigen Castel Gandolfo, Burg der Gandolfi, den Namen. Die Savellis, eines der ältesten römischen Adelsgeschlechter, waren für lange Zeit immer wieder die Herren von Castel Gandolfo. Bis ihr Schuldenberg im Jahr 1596 so hoch war, dass alle ihre Besitztümer von der Apostolischen Kammer beschlagnahmt wurden. Papst Clemens VIII. nahm Castel Gandolfo 1604 in die Liste der unveräußerbaren Güter des Kirchenstaats auf. Die Vorgängerbauten der Gandolfis und der Savellis versah Carlo Maderno im Auftrag Urbans VIII. mit einem neuen Gebäudeteil in Richtung des Albaner Sees. Die Zufahrtsstraße nach Castel Gandolfo wurde ausgebaut und die großzügige Gartenanlage geplant. Am 10. Mai 1626 verbrachte Urban VIII. seinen ersten Aufenthalt in der neuen Papstresidenz. Weitere Bauarbeiten folgten unter Alexander VII., der hier 1656 zum ersten Mal Urlaub machte. Clemens XI. verlieh dem Palast 1710 offiziell den Titel „Villa Pontificia“, päpstliche Villa. Benedikt XIV. nutzze die Ruhe fernab der römischen Kurie, um zu schreiben. Zahlreiche öffentliche Dokumente aus seiner Hand entstanden in Castel Gandolfo.

Nach der Entmachtung der Päpste und dem Fall des Kirchenstaates 1870 setzte bis 1929 kein Papst mehr einen Fuß nach Castel Gandolfo. Pius XI. kam als erster wieder und sorgte durch neue Baumaßnahmen dafür, dass die einzelnen Paläste zu einer Einheit zusammengefügt wurden. Ihm ist auch die Einrichtung der Sternwarte 1934 zu verdanken. Die in den Lateranverträgen besiegelte Exterritorialität gilt auch für die Papstvilla von Castel Gandolfo und war für rund zwölftausend Menschen während des Zweiten Weltkrieges die Lebensrettung. Sie fanden Zuflucht im Päpstlichen Palast. Pius XII. hatte sogar das päpstliche Schlafgemach Schwangeren zur Verfügung gestellt, die hier entbinden konnten. Rund vierzig Kinder – sie werden von Italienern „bambini del papa“, Papstkinder, genannt – sind während der Kriegsjahre hinter den schützenden Mauern zur Welt gekommen. Nicht selten erhielten sie den Namen Eugenio, Pius XII. hieß mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli. 1958 verstarb Pius XII. in jenem Bett.

Johannes Paul II. war oft und gerne in Castel Gandolfo, nannte es sogar den „Zweiten Vatikan“ und hielt regelmäßig während seiner Aufenthalte am Sonntag das Angelusgebet vom Balkon der Hauptfassade. Im Sommer 2010 folgte unter Papst Benedikt XVI. die erste Generalaudienz im Innenhof des Papstpalastes. Doch mit alledem ist nun Schluss, denn anstatt der Päpste sind nun Touristen in den Gängen der privaten Räume unterwegs. Die meisten schießen ein Selfie von sich vor dem Papst-Bett und dem Sofa, auf dem schon Papst Franziskus und Papst Benedikt XVI. emeritus 2013 gemeinsam saßen, oder knipsen wild im Vorbeigehen die kleine Privatkapelle, in der zum ersten Mal in der Geschichte zwei Päpste gemeinsam gebetet hatten.

Bar- und Restaurantbesitzer freuen sich natürlich über den neuen Zulauf in die Stadt und ihre Geschäfte. Ihr Umsatz sei seit Öffnung der Gärten im letzten Jahr besser als in den Jahren, in denen die Päpste noch hier ihren Urlaub verbrachten. Nun kommen jeden Tag Touristen, argumentieren ortsansässige Geschäftsleute.

Doch war es hierfür wirklich nötig, die Privatgemächer der Päpste der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Die Besichtigung der Gärten, des zum Komplex gehörenden Palazzo Barberini sowie der Galerie der Päpste hätte für einen Wirtschaftsaufschwung in Castel Gandolfo gereicht.

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