Weniger ist immer mehr

In Österreich bieten viele Klöster spezielle Fastenwochen an. Dass das Fasten einen spirituellen Wert hat, kann die moderne Medizin sogar nachweisen Von Wolfgang Sotill
Fasting, Lent. Cup and cross.
Foto: fotolia.com | Fasten kann zu einer umfassenden Erneuerung des Menschen beitragen – sogar auf zellulärer Ebene.

Bei einem Rundruf durch Österreichs Klöster, die in der vorösterlichen Zeit Fastenkurse anbieten, erfährt man: Viele Kurse sind ausgebucht oder es sind nur mehr Restplätze verfügbar. Mit einem Wort: Die lange verpönte Praxis des Fastens, die auch von kritischen Katholiken der letzten Jahrzehnte abgelehnt wurde, weil sie sich von der Institution Kirche „nichts vorschreiben“ lassen wollten, gewinnt immer mehr Anhänger.

Dies dürfte vermutlich der Fall sein, weil Fasten heute nicht – wie in der Vergangenheit – als eine Übung der Kasteiung, sondern als eine große Befreiung zu sich selbst hin gesehen wird. Über dieser Befreiung steht nach Aussage des Benediktinerpaters Gerwig Romirer vom obersteirischen Stift St. Lambrecht freilich das biblische Motto: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen der Zuversicht, der uns Ostern als neue Schöpfung erfahren lässt“.

Für den Fastenden steht also zunächst einmal die Selbsterfahrung im Vordergrund. Es geht darum, sich selbst zu spüren, sich auf sich selbst konzentrieren. Nicht gelebt zu werden, sondern selbst aktiv zu leben, nicht nur auf Impulse von außen zu reagieren, sondern aus eigenem Entschluss heraus zu agieren. Dabei sei es zunächst einmal hilfreich, so Pater Gerwig, die „permanent über uns hinwegschwappende Kommunikation zu reduzieren und andauernd berieselnde Geräuschkulissen zurückzuschrauben, um so besser auf das Wesentliche hinschauen zu können.“ Bewusstes Zeitmanagement statt Ablenkung sei das Ziel. So würde man Zeit geschenkt bekommen, die vorher oft an einem „vorbeigelaufen“ sei.

Es sind die von Pater Gerwig dargelegten Grundsätze, die übrigens in einer anderen alten kirchlichen Praxis bereits wieder boomen: beim Pilgern. Auch dort dringen Menschen – auch solche, die kirchlich nicht gebunden sind – über die Reduktion der Einflüsse von außen zu sich selbst vor. Und wer einmal die eigenen Grenzen erkannt hat, der stellt weiterführende Fragen: Jene „nach dem göttlichen Funken in mir“, wie dies Schwester Monika, spirituelle Fastenbegleiterin im Kloster Wernberg (Kärnten) erklärt.

Es ginge darum zu verstehen, was im Schöpfungsbericht dargelegt wird, wenn es im Buch Genesis 1, 27 heißt: „Gott schuf den Menschen nach seinem Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Mit einem Wort: Fasten als Vehikel, um von der Eigenerfahrung über die biblischen Schriften zu einem Gottesbegriff vorzudringen.

St. Lambrecht liegt abgelegen in den obersteirischen Bergen, unspektakulär, ohne eine Umgebung, die man als „atemberaubend“ beschreiben würde. Aber es ist ein Ort in einer Hochebene, die einlädt, die Umgebung des Klosters zu erkunden und spazieren zu gehen. Diese Erfahrung der Natur als spirituelle Beigabe zu den Fastenübungen setzen auch viele andere Klöster bei ihren Übungen ein. Schwester Monika erklärt: „Es geht nicht um die Reduktion auf einen Aspekt des Menschen, sondern um eine möglichst ganzheitliche Sicht – um die geistliche und um die körperliche. In diesen Tagen liegt viel Schnee bei uns, und wenn wir uns am Morgen in der Fastengruppe ins Freie begeben, dann ist es das Schöpfungsgeschenk der Natur, an dem wir uns erfreuen.“

Hat man von kirchlicher Seite in Zusammenhang mit dem Fasten oft von „Erneuerung des Menschen“ gesprochen, so erhält man nun von medizinischer Seite diesbezüglich eine deutliche Argumentationshilfe. Der Molekularbiologe Slaven Stekovic, dessen Forschungsschwerpunkt die Altersforschung ist, arbeitet an der Universität in Graz zum Thema Autophagie, also zur Selbstreinigung der Zellen. Ziel seiner Forschung ist es, „die Qualität des Lebens, vor allem in den letzten Lebensjahren, zu verbessern“ und altersbedingten Erkrankungen wie Krebs, Herzerkrankungen und Demenz entgegenzuwirken. Die Autophagie ist dabei eine Art Recyclingprogramm der Zelle, bei der kaputte Teile abgebaut werden und so zu einer Selbstreinigung der Zelle führen. Stekovic verwendet dabei den Vergleich mit einer Wohnung und veranschaulicht: „Die Wohnung ist, wenn man einzieht, schön und ordentlich. Wenn man jedoch nie aufräumt, wird man bald nicht mehr in die Küche kommen, ohne zu stolpern. Aber so wie wir räumt die Zelle auch nicht gerne auf. Sie braucht Motivation. Diese Motivation ist das Fasten: Denn bekommt die Zelle keine Energie von außen, ist sie gezwungen aufzuräumen und aus den Abfallstoffen Energie zu gewinnen.“

Stekovic, Autor des Buches „Der Jungzelleneffekt“, erklärt die Zellerneuerung aus der Evolution: „Die Autophagie ist eine evolutionäre Anpassung, die es nicht nur beim Menschen, sondern bei allen Lebewesen gibt. Die Natur konnte ja nicht garantieren, dass immer ausreichend Nahrung verfügbar ist. Der Mensch hat früher auch anders gelebt, wiederkehrende Fastenperioden gab es gezwungenermaßen. Dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, in der man fünfmal am Tag Erdbeeren essen kann, ist ja eine junge Entwicklung. Der Überschuss an Nahrung ist erst seit Kurzem vorhanden, die Evolution braucht lange, um sich anzupassen.“ Medizinisch ist somit durchaus nachweisbar, was man bei klösterlichen Fastenübungen als „frei werden“ umschrieben hat.

Nachdem der Mensch ein soziales Wesen ist und sich immer als Teil mehrerer Kommunitäten erlebt, wäre Fasten als ausschließliche Selbstkonzentration eine Verkürzung. Pater Gerwig stellt in Bezug auf Ostern, das Fest der Auferstehung und der Neuschöpfung, auch dementsprechend breitere Zusammenhänge dar: „Ausgangspunkt ist der Mensch selber, der in der Reduktion auf das Wesentliche Freiräume schafft, die er auf zwei Ebenen nutzen kann: auf der Ebene der Gottesbegegnung und auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die eine kann man pflegen, indem man zu einem religiösen Buch greift, die Psalmen betet, oder die heilige Messe besucht, die andere, indem man ein gutes Gespräch sucht und somit einen Neuansatz in verkrusteten Kommunikationsmustern schafft.“

Wer Fasten Schritt für Schritt von der Eigenbesinnung bis zur sozialen Verantwortung und zur Gottesnähe vollzieht, der hat – vermutlich ohne dies zu merken – eine der grundtheologischen Thesen des Matthäus-Evangeliums erfüllt: Fasten – Beten – Almosen geben. Pater Gerwig fasst das geglückte Ergebnis in einem einfachen Satz zusammen: „Ziel ist es, unser Leben in seiner Fülle zu erkennen.“

Weitere Informationen finden Sie unter www.kloesterreich.com

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