Holiday auf Eis

Eintauchen in Grönlands bizarres Fjordlabyrinth: Die persönliche Entdeckung des Landes beginnt an seiner Südspitze. Von Bernd Kregel
Heiße Quellen von Unnartoq
Foto: Kregel | Genießen zwischen Vulkanen und Eisberggiganten: In den heißen Quellen von Unnartoq.
Heiße Quellen von Unnartoq
Foto: Kregel | Genießen zwischen Vulkanen und Eisberggiganten: In den heißen Quellen von Unnartoq.

Ist das nicht ein Bild für die Götter? Wenn eine von Grün überzogene Landschaft am Horizont verschmilzt mit den Gipfeln einer Gebirgskette, auf der Neuschnee seine nächtlichen Spuren hinterlassen hat. Ein Fjord zerteilt die sich davor ausbreitende Ebene. Ein vom Salzwasser zurechtgestutzter Eisberggigant treibt dem offenen Meer entgegen. Im Vordergrund sorgt ein von vulkanischer Bodenheizung aufgewärmtes Wasserbecken bei angenehmer Körpertemperatur dampfend für unerwartete Badefreuden. Ohne Übertreibung ist dies ein Ort, der es als wahrscheinlich erscheinen lässt, dass ihn einst auch die nordischen Götter nach Erledigung ihrer jeweiligen Amtsgeschäfte zur Entspannung für sich zu nutzen wussten.

Stand ihnen dieser Ort doch nur noch kurze Zeit zur Verfügung. Denn um die Jahrtausendwende zeichnete sich mit der Ankunft der Wikinger am Horizont Südgrönlands eine Veränderung ab, bei der es dem Göttervater Wotan und seinem Hofstaat gehörig an den Kragen gehen sollte. Erik der Rote, der Entdecker der riesigen Eismeerinsel, sollte bei diesem Familienstreit als Verlierer hervorgehen.

Erik war ein glühender Verehrer der nordischen Götterwelt mit dem damit verbundenen Glauben. Doch ausgerechnet sein eigener Sohn, Leif Eriksson, brachte eine neue Glaubensrichtung auf die Tagesordnung, um seinem Vater den bewährten Götterglauben madig zu machen. So wie auch seine Frau Tjodhilde, die mit ihren weiblichen Waffen gar noch schwerere Geschütze auffuhr: „Erik“, so ließ sie ihn wissen, „in Zukunft werde ich nicht mehr mit dir reden, essen und schlafen, wenn du nicht eine Kirche für mich baust!“ Diese Drohung saß. So sah sich der Haudegen genötigt, klein beizugeben.

Wie schon zur Zeit Eriks zeigt sich Südgrönland auch heute noch als nahezu unberührte Natur mit unüberschaubaren Fjorden und Wasserwegen. Umso farbenprächtiger erscheinen die menschlichen Siedlungen. So wie das nahe am Meer gelegene Städtchen Qaqortoq, das aus der Ferne einem Spielzeugkasten mit bunten Holzklötzchen gleicht. Halbkreisförmig verteilen sich die Häuser über die umliegenden Berghänge und gleichen damit das eingeschränkte Sonnenlicht in den dunklen Wintermonaten aus.

Gleich nach dem Anlegen an eine kleine Schiffswerft ziehen die in Rot gestrichenen Produktionshallen der renommierten Pelzfabrik „Great Greenland“ die Aufmerksamkeit auf sich. Hier werden in runden Trommeln die von Seehundjägern abgelieferten Felle zur Weiterverarbeitung in der Textilabteilung des Hauses vorbereitet. In metallischem Silber leuchtende Stücke, die weltweit nicht nur in der Damenwelt Anklang finden, wie Werksmitglied Paul Stoiberg bei einer kleinen improvisierten Modenschau voller Stolz erklärt.

An der Pelzindustrie seines Landes und besonders seiner eigenen Pelzfabrik sieht er bei kritischer Nachfrage jedoch nichts Verwerfliches. Denn das Jagen der jährlich zum Abschuss frei gegebenen Seehunde gehört seiner Meinung nach nicht nur zur traditionellen Ernährungskultur der Grönländer. Zudem diene auch bei einer geschätzten jährlichen Geburtenrate im Millionenbereich in den Küstengewässern Grönlands die zahlenmäßige Kontrolle der Seehundbestände zum Artenschutz hinzu.

So bezaubernd wie der erste Eindruck von Qaqortok erweist sich auch der Kern der Altstadt vom Ende des 18. Jahrhunderts. Aus dieser abenteuerlichen Zeit der Gründerjahre hält Stadtführer Torben Stoltze in der schmucken alten Holzkirche des Städtchens eine unglaubliche Geschichte zu diesem Gebäude bereit. Hergestellt in Norwegen und sicher verladen für den weiten Wasserweg, geriet das Transportschiff kurz vor dem grönländischen Zielort an einem Felsvorsprung in Seenot und verlor die ungewöhnliche Ladung in den Fluten. Ohne zu zögern fischten die damaligen Gründungspioniere das Treibgut aus dem Meer und fügten es wie geplant zusammen: zu dem noch heute benutzten Gotteshaus.

Am Ende des Kangerluarsorujuk-Fjords mitten in der Natur liegt die Schaffarm von Makkak und Lars Niels. Bei aller Arbeit, die auf ihrer Schaffarm anfällt, sind Makkak und Lars ein Musterbeispiel für Gastfreundschaft. Und wenn die Gastlichkeit noch eines Beweises bedarf, dann ist es das Abendessen von Makkak. Natürlich Lamm und Hammel nach Art des Hauses. Zart zubereitet und serviert in aromatischer Soße mit eingelegtem Rettich und saftigen Kartoffeln. Bei angeregtem Gespräch über das Leben in der Wildnis wird die Farm einen ganzen Abend lang zu einem Ort der Besinnung und Entspannung.

Immer wieder jedoch sind es die Wikinger, die die Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Niemand kann sich bis heute einen rechten Reim darauf machen, warum sich nach fünfhundert Jahren des Inseldaseins ihre Spur urplötzlich verliert. Was sie an baulichen Hinterlassenschaften zurück ließen, ist jedoch immer noch geeignet, Erstaunen hervorzurufen, wie die Kirchenruine von Hvalsey und die Wikinger-Kirchenruine von Igaliku.

Stets jedoch führt der Weg wieder hinaus in die Natur, zum Qooroq-Gletscher, der hier als südlichster Ausläufer des Grönland-Eisschildes Respekt einflößt. Es fehlt nur noch das Farbspiel am nächtlichen Himmel, um das Grönland-Erlebnis komplett zu machen. Doch der erhoffte „Polarlicht-Alarm“ lässt auf sich warten. Reisebegleiter Mads Skifte als Kenner der wahren Verhältnisse teilt nicht die Ungeduld seiner Gäste und verweist auf die dunklen Winternächte. In dem von seinem Blick ausgehenden Leuchten jedoch glaubt die Fantasie bereits einen Vorgeschmack auf das zu erwartende Farbspektakel.

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